Immer im Hintergrund, aber bei allen Deals mit am Tisch

Wie viel Einfluss haben Chefjuristen? Der Rücktritt von Novartis-Mann Felix Ehrat wirft ein Schlaglicht auf eine Berufsspezies, die sich dem Publikum gerne entzieht.

Vom Chefjuristen gelang ihm der Sprung nach ganz oben: Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse.

Vom Chefjuristen gelang ihm der Sprung nach ganz oben: Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Urs Rohner sass einst auf dem Stuhl, ebenso Peter Kurer. Beide schafften es als Chefjuristen von Credit Suisse und UBS ins Verwaltungsratspräsidium der jeweiligen Grossbank – wenngleich Kurer bereits nach einem Jahr den Posten wieder räumen musste. Dieser Aufstieg macht deutlich, welch zentrale Rolle die Chefjuristen heute insbesondere in stark regulierten Branchen wie Banken, Versicherungen oder auch im Immobiliengeschäft einnehmen. Sie führen Einheiten mit Hunderten von Mitarbeitenden – bei Grossbanken sind es vierstellige Zahlen –, und sie sitzen in den Konzernleitungen. Ohne den Segen des Group General Counsel, so die neudeutsche Bezeichnung, kommt dort (so gut wie) nichts durch.

Noch in den 1990er-Jahren beschränkte sich die Rolle der firmeneigenen Juristen vielerorts auf die Führung des Generalsekretariats. Sie kümmerten sich um administrative und organisatorische Belange der Generalversammlung und betreuten daneben noch den einen oder anderen kleineren Rechtsfall. Um ihr Image war es nicht sonderlich gut bestellt: Als graue Mäuse, biedere Aktenwälzer, Pedanten und ewige Neinsager wurden sie verhöhnt oder verschrien.

«Sprachrohr für Unternehmenswerte»

Doch spätestens nach der Jahrtausendwende haben die Rechtsabteilungen in den Unternehmen eine enorme Aufwertung erfahren. Die Regulierungsflut, von der sämtliche Lebensbereiche erfasst worden sind, macht es erforderlich, dass die Hausjuristen heute viel stärker ins operative Geschäft eingebunden sind. «Sie sind heute in der gesamten Wertschöpfungskette tätig», wie der Chefjurist der Swiss Re, Hermann Geiger, in einem Interview der NZZ von Ende 2014 sagte. «Wir müssen nicht nur Gesetze einhalten, sondern sicherstellen, dass wir Gesetze und Regularien, die erst im Entstehen sind, früh genug identifizieren.»

Und noch eine gewichtige Aufgabe obliegt laut Geiger dem Chefjuristen: Dass er «ein Sprachrohr für die Unternehmenswerte ist und Richtlinien für die Geschäftsethik erstellt». Über eben diesen Aspekt ist der Chefjurist von Novartis, Felix Ehrat, gestolpert: Der Lobbying-Vertrag des Pharmakonzerns mit dem US-Anwalt Michael Cohen war juristisch wohl zweifelsfrei, aber Cohens Verstrickung in die Affäre Trump / Stormy Daniels hat Novartis in ein ungutes Licht gerückt.

Ein anderer Rücktritt hatte kürzlich für Aufsehen gesorgt: Die Chefjuristin von Raiffeisen, Nadja Ceregato, hat sich Ende März offiziell verabschiedet. Der Umstand, dass sie mit dem früheren Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz verheiratet ist, liess immer wieder Zweifel aufkommen, ob sie die mit einer solch herausgehobenen Position zwingend nötige Distanz und Unabhängigkeit hat, um gegebenenfalls unbequem zu sein und Nein zu sagen. Spätestens aber mit dem Absturz von Vincenz ist Ceregato für die Genossenschaftsbank unhaltbar geworden.

Möglichst nicht in Erscheinung treten

Trotz dem geänderten Rollenverständnis und dem markanten Kompetenzzuwachs in der Konzernorganisation hat ein Wesensmerkmal von Chefjuristen Bestand – Understatement. «Ein Group General Counsel sollte stets eine diskrete Rolle spielen und sich öffentlich nur äussern, wenn in einem medienwirksamen Fall eine juristische Meinung gefragt ist und dies ein laufendes Verfahren nicht kompromittiert», so äusserte sich Markus U. Diethelm, kurz nachdem er 2008 als Nachfolger von Peter Kurer zum UBS-Chefjuristen berufen worden war.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Obwohl sie bei allen Übernahmetransaktionen mit am Verhandlungstisch sitzen, jeder Vertrag durch ihre Hände geht und sie als unverzichtbare Berater des Verwaltungsrats agieren, treten die Chefjuristen nach aussen kaum in Erscheinung. Sie wissen Bescheid über alles, was im Unternehmen läuft, aber die Öffentlichkeit kennt nicht mal ihre Namen – darauf gründet ihr stiller Stolz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 21:46 Uhr

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