In Europa gratis telefonieren

Ab April bietet die Swisscom einem Teil ihrer Kunden kostenloses Telefonieren und Surfen im Ausland an. Mit dem neuen Angebot will der Marktführer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Für viele Swisscom-Kunden wird das Telefonieren an Europas Stränden zu einem unbeschwerten Vergnügen. Foto: Gallery Stock

Für viele Swisscom-Kunden wird das Telefonieren an Europas Stränden zu einem unbeschwerten Vergnügen. Foto: Gallery Stock

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Einfach mal weg und unerreichbar sein – das wird nun noch schwieriger. Wer heute im Ausland Ferien macht, verzichtet aus Kostengründen meist auf Telefongespräche und auf den Internet­zugang übers Mobilnetz. Swisscom-Kunden mit Infinity-Abonnement können sich die Suche nach Gratis-Internetzugang im Ausland künftig jedoch sparen: Ab dem 13. April sind in Europa das Tele­fonieren auf Schweizer Nummern, das Empfangen von Anrufen und das Schreiben von SMS uneingeschränkt kostenlos. Dazu kommt kostenlos ein Daten­paket in der Grösse von 1 bis 12 Gigabyte, je nach Abonnementstyp.

«Wir schaffen eigentlich das Roaming in Europa ab», sagte Konzernchef Urs Schaeppi gestern stolz vor den Medien in Bern. Schaeppis Ankündigung ist ­jedoch mit einigen Einschränkungen verbunden:

Das Angebot gilt nur für Kunden mit einem Infinity-Abonnement, also einem Abo, das bereits die unbeschränkte Nutzung in der Schweiz beinhaltet. Das sind 63 Prozent der 3,3 Millionen Mobilfunk­abonnenten der Swisscom. Für die restlichen Abonnenten und für Prepaid-Kunden ist es nicht erhältlich.

Nur mit dem teuersten Infinity-Abonnement (169 Franken, künftig 179 Franken pro Monat) ist das Gratistelefonieren im Ausland rund ums Jahr möglich. Mit dem zweitteuersten Abo (129 Franken pro Monat) ist die Nutzung auf 100 Tage pro Jahr beschränkt, mit den drei günstigsten Abos (99/75/59 Franken pro Monat) auf 30 Tage im Jahr (die Gratistage müssen nicht an einem Stück bezogen werden).

Das Angebot umfasst die 28 EU-Staaten, dazu Norwegen und Island sowie europäische Zwergstaaten wie Liechtenstein und Andorra. Auf der Liste fehlen etwa die Nicht-EU-Staaten auf dem Balkan und die Türkei.

Die gleichen Konditionen gelten auch für die KMU-Kunden der Swisscom, während für Grosskunden jeweils individuelle Verträge ausgehandelt werden.

Marktführerin Swisscom versucht, mit dem Gratisroaming gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Einerseits will sie die Kunden und die Politik beruhigen, die sich immer wieder über die hohen Auslandtarife beklagen. Andererseits hat das Unternehmen gemerkt, wie gross der Bedarf der Kunden nach mobiler Datennutzung ist.

«Always on» lautet die Devise

Seit die Swisscom 2012 die Infinity-Abonnemente mit unbegrenzter Nutzung im Inland eingeführt habe, sei das mobile Datenvolumen der Kunden um den Faktor 23 gestiegen, sagte Swisscom-Chef Schaeppi gestern. Er benutzte den Begriff «always on» – den Trend zum ständigen Verbundensein mit dem Internet, der durch die Nutzung von sozialen Medien und Programmen wie Whatsapp befeuert wird. Dass die Ausland-Flatrate auf die ganze Welt ausgedehnt wird, ist laut Schaeppi in absehbarer Zeit nicht realistisch – zu unterschiedlich seien die Preise der Netzanbieter rund um den Globus.

Die Infinity-Abonnemente der Swisscom gehören zu den teureren auf dem Schweizer Markt und lohnen sich finanziell praktisch nur für Vielnutzer. Mit dem kostenlosen Roaming in der EU werden die Angebote nun finanziell attraktiver, wie ein Vergleich von Comparis zeigt. Die Swisscom kündigte gestern auch an, die Preise ihrer Datenpakete fürs Ausland zu senken (für Nutzer ohne Infinity-Abo oder mit ausgeschöpften Gratisdaten) – um 7 bis 38 Prozent.

Sunrise ist vorgeprescht . . .

Nur zwei Tage vor der Swisscom stellte am Dienstag Konkurrentin Sunrise eine neue Zusatzoption für das Ausland vor. Sunrise beschränkt im 35 Franken teuren Monatspaket die Leistungen stärker als die Swisscom: auf 200 Telefonminuten, 200 SMS und 200 Megabytes. Vorerst will Sunrise nicht auf die Roaming-Offensive der Swisscom reagieren, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte.

. . . Orange gibt sich angriffig

Therese Wenger, die Sprecherin von Mobil­funkanbieter Orange, betont, dass ihr Unternehmen bereits im vergangenen September ein Abo lanciert hat, mit welchem für 85 Franken pro Monat unbegrenzt im Inland und in Europa telefoniert werden kann. Ein zusätzliches Ausland-Datenpaket kostet pro halbes Gigabyte 50 Franken. Orange-Sprecherin Wenger sagt, dass die Infinity-Abos nicht mit dem Orange-Angebot verglichen werden dürfen, denn die Swisscom drossle die Datengeschwindigkeit auf den günstigsten drei der insgesamt fünf Infinity-Varianten. Orange biete hin­gegen allen Kunden die maximale Surf­geschwindigkeit. Direkt auf das neue Ange­bot der Swisscom will auch Orange nicht reagieren – doch das Unternehmen kündigt an, die Roaming-Konditionen noch dieses Jahr attraktiver zu gestalten. Der Preiskampf geht also weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2015, 23:57 Uhr

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Roamingtarife in der EU

Druck zu tieferen Preisen

In der EU herrscht der Binnenmarkt. Das wollte die EU-Kommission auch auf dem Mobilfunkmarkt umsetzen und beharrte auf niedrigeren Tarifen im EU-Ausland. «Gebührengrenzen hätten keinen Platz im Binnenmarkt», sagte Andrus Ansip, Vizepräsident der EU-Kommission, noch im Vorjahr.

Seit 1. Juli 2014 gelten verbilligte Ausland­tarife für Mobilfunknutzer. Ein Anruf aus dem EU-Ausland in die Heimat kostet maximal 22,6 Cent pro Minute, die Annahme eines Anrufs knapp 6 Cent. Ein SMS kostet maximal 7,1 Cent statt zuvor 9,5 Cent. Ein ankommendes SMS ist wie zuvor gratis. Für ein Megabyte Daten­volumen dürfen die Telefonunternehmen maximal 23,8 Cent erheben.

Ende des vergangenen Jahres haben die EU-Staaten aber vorerst den Plan gestoppt, in der Heimat und im EU-Ausland grundsätzlich dieselben Telefontarife einzuführen (Stichwort: Roam like at home). Selbst Verbraucherschützer hatten nämlich davor gewarnt, dass die Telefonunternehmen die Kosten auf heimische Kunden abwälzen werden. (TA)


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