Interview

«In Steuerfragen werden die Bürger für dumm verkauft»

Alfred Schindler spricht im Zusammenhang mit der Steuergerechtigkeitsinitiative von «Enteignung» und droht mit Wegzug. Rudolf Strahm hat sich die Argumentation des Liftunternehmers genauer angeschaut.

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Herr Strahm, können Sie die von Herrn Schindler dargelegten Zahlen nachvollziehen?
In dieser Steuerrechnung zählt Herr Schindler offenbar die Gewinnbesteuerung des Unternehmens mit der Besteuerung seines persönlichen Einkommens zusammen. Das ist schon etwas obskur und nicht nachvollziehbar.

Ist es nicht legitim, seine Einkommenssteuer und die Gewinnsteuer welche das Unternehmen abliefert, zusammenzuzählen?
Das sind doch zwei unterschiedliche wirtschaftliche Vorgänge. Da ist einmal die Wertschöpfung im Unternehmen und die Generierung eines Gewinns, der auf Stufe Unternehmung mit einer Ertragssteuer besteuert wird. Das ist der eine Vorgang. Auf der andern Seite haben wir die Auszahlung von Löhnen und Dividenden, die bei den privaten Personen als privates Einkommen versteuert werden müssen. Man kann doch nicht die beiden wirtschaftlichen Vorgänge einfach addieren. Mit der gleichen Schwurbel-Rechnung könnte Herr Schindler gleich auch noch die Mehrwertsteuer, die sein Unternehmen abliefert und auf den Kunden überwälzt, hinzuzählen. Und jede natürliche Person könnte gegenüber dem Staat geltend machen, der empfangene Lohn oder die bezogenen Dividenden seien ja auf der Unternehmensstufe auch schon irgendwie besteuert worden.

Wieso spricht Schindler im Bezug auf die Einkommenssteuer vorab von Dividenden und nicht vom Lohn für seinem Managementtätigkeit?
In Steuerfragen werden die Bürger für dumm verkauft. Aber ich halte fest: Ein Eigentümer-Unternehmer erhält aus seiner Firma sowohl Lohn als auch Dividenden, und beides wird als steuerbares Einkommen betrachtet. Was die Gewinn- und Dividenden-Besteuerung betrifft, wurde in der Unternehmenssteuer-Reform II ja gerade eine Doppelbesteuerung für Eigentümer-Unternehmer und Familien-Aktiensgesellschaften aufgehoben. Diese Reform war komplex und nicht allgemein verständlich. Deswegen kann man uns in Steuerfragen auch jeden Bären aufbinden.

Trotzdem 70 bis 80 Prozent tönt schon nach sehr viel. Ist es das auch wirklich?
Diese Addition auf 70 bis 80 Prozent ist, wie erwähnt, einfach nicht nachvollziehbar. Bei Steuerfragen kann jeder jedes behaupten. Das Steuer-Geschwurbel, verbunden mit einer Abwanderungsdrohung, ist ja nicht als ökonomische Aussage zu verstehen, sondern als politisches Drohsignal im Rahmen der orchestrierten Kampagne von Economiesuisse.

Ist der Fall Schindler so extrem, weil der Unternehmer derzeit im Tiefsteuerkanton Nidwalden besteuert wird? Oder anders gefragt, müsste er in einem anderen Kanton bereits jetzt so viel Steuern bezahlen?
Das hängt vom jeweiligen Kanton ab. Diese Steuergerechtigkeitsinitiative ist ja nicht eine Reichtumssteuer, auch keine Abzockersteuer. Reiche in Basel, Bern oder Zürich würden ja bei deren Annahme nicht betroffen. Diese Initiative zielt auf die Beseitigung von Exzessen in extrem tiefen Steueroasen wie einigen Gemeinden in Nidwalden, die zulasten anderer Kantone oder Städte den Wohlhabenden eine Steuervermeidung anbieten. Herr Schindler wohnt in Hergiswil, aber er nutzt sämtliche Zentrumsleistungen der nahen Stadt Luzern, die Infrastruktur und die Kultureinrichtungen, und zahlt in Hergiswil nichts an diese Zentrumslasten. Diese Verzerrungen im Steuerwettbewerb, und nur diese, will die Initiative korrigieren. In achtzehn andern Kantonen sind die Wohlhabenden wie Herr Schindler von der Initiative nicht oder nur marginal betroffen.

Erstellt: 15.11.2010, 19:00 Uhr

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Rudolf Strahm (67) ist ehemaliger Preisüberwacher. Er war von 1978-1985 Zentralsekretär der SP Schweiz und von 1991-2004 SP-Nationalrat im Kanton Bern. (Bild: Keystone )

Schindler im Wortlaut

In der «Finanz & Wirtschaft» äusserte sich Schindler am Samstag auf die Frage - Was wären die Konsequenzen für Sie persönlich, sollte die Initiative angenommen werden? – folgendermassen:

«Als Unternehmer käme ich auf eine Steuerbelastung von gesamthaft 70 bis 80 Prozent. Auf 2 Franken Dividende je Aktie, wie sie pro 2009 ausbezahlt wurden, müsste ich addiert über 1 Franken kantonale und kommunale Einkommenssteuer, direkte Bundessteuer und Vermögenssteuer bezahlen, also leicht über 50 Prozent. Als Unternehmer muss ich jedoch zusätzlich einkalkulieren, dass der ausgeschüttete Gewinn bereits zuvor auf Stufe Konzern besteuert wurde, wo sich unser durchschnittlicher Steuersatz in den vergangenen Jahren stets um 28 Prozent bewegt hat. Das heisst: Ich trage 100 Prozent des Risikos, doch in der Summe werden 70 bis 80 Prozent des Ertrags abgeführt»

Alfred Schindler

Alfred Schindler ist Hauptaktionär, Verwaltungsratspräsident und Vorsitzender der Geschäftsleitung des weltweit tätigen Schindler-Konzerns. Laut Geschäftsbericht 2009 verdiente er, inklusive Aufwendungen für Vorsorge und nach einem freiwilligen Verzicht von rund einer Million Franken, einen Jahreslohn von 7,4 Millionen Franken. Die Familien Schindler, Bonnard und Nahestehende halten 42,4 Prozent des Kapitals und 71,1 Prozent der Stimmen beim Schindler-Konzern.

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