«In der Schweiz verläuft die Energiedebatte mutlos»

Unternehmer Bene Müller will die Energiewende in Deutschland im Kleinen anschieben – mit Dörfern, die sich komplett selbst mit Energie versorgen. Der Schweiz traut er Ähnliches nicht zu.

Auf praktisch jedem Dach eine Fotovoltaikanlage: So sieht ein Bioenergiedorf in Süddeutschland aus, das sich komplett mit eigenem Strom und eigener Wärme versorgt (im Bild: Lautenbach).

Auf praktisch jedem Dach eine Fotovoltaikanlage: So sieht ein Bioenergiedorf in Süddeutschland aus, das sich komplett mit eigenem Strom und eigener Wärme versorgt (im Bild: Lautenbach). Bild: ZVG

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Herr Müller, Sie wollen mit Bioenergiedörfern in Deutschland die Energiewende schaffen. Ein exotisches Unterfangen.
Bene Müller: Die Energiewende fängt im Kleinen an. Unsere Bioenergiedörfer sind Gemeinden im Bodenseeraum, die neue Energiekonzepte verfolgen. Diese Konzepte können auch auf Städte übertragen werden. Und irgendwann ist das Energiesystem umgekrempelt – wie bei einer fortwährenden Evolution.

Das klingt utopisch.
Für uns ist es heute kaum vorstellbar, wie die Menschen im 16.Jahrhundert gelebt haben. Das Gleiche gilt für die Zukunft: Wie die Energiewende aussieht, kann man sich nur schwer ausmalen – was aber nicht heisst, dass sie nicht kommt. Wir haben mit einem Bioenergiedorf angefangen. Heute sind es acht.

In solchen Dörfern wird alle Energie vor Ort produziert?
Ja. In der Regel ist es eine Kombination aus Biogas, Holzhackschnitzelheizung und Fotovoltaik. Möglich sind aber auch Wind und Geothermie.

Die Dörfer funktionieren also quasi autonom?
Nein, das ist eine falsche Vorstellung. Wir schneiden die Dörfer nicht vom Stromnetz ab – letzteres bekommt bloss eine neue Funktion.

Was bedeutet das?
Heute ist ein Stromnetz eine Einbahnstrasse. Es verläuft vom Grosskraftwerk zum Kunden. In Zukunft haben die Netze zwei Wege: Wenn im Dorf ein Überschuss produziert wird, fliesst Strom weg. Und das ist meistens der Fall. In unserem ersten Bioenergiedorf Mauenheim produzieren wir neunmal mehr Strom, als gebraucht wird. Strom fliesst nur noch ins Dorf, wenn etwa die Biogasanlage gewartet wird.

Wäre ein solches Dorf auch in der Schweiz möglich?
Es ist immer schwierig, wenn einer aus Deutschland kommt und dann den Schweizern sagt, was hier funktionieren würde. Aber wenn ich sehe, wie defensiv und mutlos die Schweizer Energiedebatte verläuft, stelle ich schon Fragen.

Welche denn?
In der Schweiz sind die Probleme viel kleiner als in Deutschland. Hier haben Sie beim Stromverbrauch ja schon 50 Prozent erneuerbare Energien. Wir sind in Deutschland gerade mal bei einem Anteil von 20 Prozent. Unsere Aufgabe ist eine viel grössere. Trotzdem geht man die Sache beherzt an. Bis 2020 will die Bundesregierung einen Anteil der erneuerbaren Energien von 35 Prozent. Das werden wir sogar noch übertreffen.

Warum läuft die Entwicklung in der Schweiz langsamer?
Ehrlich gesagt weiss ich es nicht. Vielleicht hat es mit der Mentalität zu tun. Die Anti-Atomenergie-Bewegung treibt bei uns teilweise bis 100000 Leute auf die Strasse. Die Schweizer sind mehr auf Harmonie aus. Aber eine Energiewende zu machen, ohne jemandem auf den Schlips zu treten, geht nicht.

Ihre Idee in Ehren. Aber solche Bioenergiedörfer sind doch viel zu teuer.
Wir werden sehen. In der heutigen Energieversorgung blenden wir ja einen Teil der Kosten konsequent aus. Die Kosten des Klimawandels sind auf der Stromrechnung nicht enthalten. Aber wenn wir so weitermachen, entstehen massive volkswirtschaftliche Probleme; es gibt immer mehr Naturkatastrophen. Diese Kosten finden wir dann auf den Versicherungsrechnungen.

Also wird Strom teurer?
Ja, Strom wird sicher teurer. Aber ich darf daran erinnern, dass auch die Atomenergie in den 50er- und 60er-Jahren mit Milliarden finanziert wurde. Atomenergie ist ja auch nur vermeintlich günstig, Unfälle und Endlagerung sind in den Kosten nicht enthalten. Anders bei der Fotovoltaik, da ist alles drin.

Aber die Fotovoltaik funktioniert nur mit Subventionen.
Wir befinden uns in einer Übergangszeit. Gegen eine etablierte Energiewirtschaft, die mit abgeschriebenen Kraftwerken arbeitet, hat die Fotovoltaik keine Chance. Deswegen brauchen wir vorübergehend Subventionen. Das ist wie bei einem kleinen Kind, es kann auch noch nicht alleine durchs Leben gehen.

Wie lange dauert diese Übergangszeit?
10 bis 20 Jahre. Die ersten 10 Jahre haben wir jetzt hinter uns. Zu Beginn war die Fotovoltaik die teuerste erneuerbare Energie. Heute ist sie sogar günstiger als die Offshore-Windkraft mit ihren Anlagen auf dem Meer.

Aber wer produziert denn in Ihrem Szenario den Strom in der Nacht – dazu ist ein Atomkraftwerk doch ideal?
Atomenergie ist träge – das ist ein Vor- und ein Nachteil. Wind und Sonne sind zwar fluktuierend, aber nicht chaotisch. Sonne gibt es vor allem im Sommer und tagsüber; Wind gibt es Tag und Nacht und insbesondere im Winter. Es besteht eine natürliche Tendenz zum Ausgleich.

Das reicht aber nicht.
Das sage ich auch nicht. Ich finde nur, wir müssen die Dinge differenzierter betrachten. Das Intelligenzniveau der Menschen liegt über dem der Pflanzen. Und diese leben seit Jahrmillionen nur von Sonnenlicht. Da können wir doch nicht sagen: «Von der Sonne leben? Das geht doch nicht.»

Das klingt nach dem Prinzip Hoffnung.
Natürlich muss man Wind und Sonne ergänzen. Potenzial hat die Geothermie diese aber ist sehr teuer. Bei der Geothermie stecken wir in einer frühen Phase. Aber die Energie kann einen Grundbedarf abdecken. Ich bin überzeugt: Ohne Geothermie geht es nicht.

Ihre Energiewende mit den Bioenergiedörfern dürfte für Konflikte mit dem Landschaftsschutz sorgen. Gerade Windkraftanlagen können stören.
Ich bin anderer Meinung. Die Landschaften haben, auch in der Schweiz, in den letzten 100 Jahren eine dramatische Veränderung erfahren – all die Strassen, Hochspannungsleitungen und Gewerbegebiete. Mit der Energiewende verändert sich die Landschaft abermals. Und das ist auch richtig so.

Aber wie wollen Sie die Konflikte lösen?
Primär haben wir einen Generationenkonflikt. Ältere Leute bewahren die Landschaft und lehnen Veränderungen ab – junge Leute sind entspannter, sie sind mit Windkraftanlagen aufgewachsen. Letztlich ist es also eine Frage der Zeit: Irgendwann ebben die Proteste ab. Windkraftanlagen werden wahrgenommen wie Stromleitungen, als wären sie schon immer da gewesen.

Sie würde es also nicht stören, wenn überall Windräder und Solarzellen zu sehen wären?
Das kann ich so nicht beantworten. Bis 2020 sollen in Baden-Württemberg 1000 neue Windkraftanlagen gebaut werden – aber nicht auf jedem Hügel. Die Regierung will eine Konzentration. Das finde ich sinnvoll.

Sie rechnen mit einem sinkenden Energieverbrauch. Schalten Sie in den Bioenergiedörfern zwischenzeitlich den Strom aus?
Natürlich nicht. Ich betrachte die Entwicklung aus einer ökonomischen Perspektive: Eine moderne Gesellschaft wie die unsere verändert sich erst, wenn es wehtut – also wenn die Kosten für Energie noch grösser werden. Dieser Punkt ist heute nicht weit weg. Aber bis es wehtut, gibt es für die Leute keinen Grund, etwas zu ändern. Die Frage ist nun: Warten wir, bis es wehtut? Oder ändern wir vorher etwas? Vieles spricht dafür, frühzeitig anzufangen. Denn über Nacht lässt sich das Energiesystem nicht umbauen.

Der Umbau findet nur hier statt: China und die USA erstellen neue Atomkraftwerke. Deutschland und die Schweiz geraten ins Hintertreffen.
Das ändert nichts an der langfristigen Perspektive. Klar, China baut viele Kohle- und Atomkraftwerke, investiert aber auch massiv in die Fotovoltaik. Die Chinesen haben die Schlüsseltechnologie im 21.Jahrhundert erkannt. Nur die Deutschen kapieren das noch nicht.

Die Subventionen machen die Fotovoltaikbranche kaputt.
Die Subventionen müssen zurückgehen, ja. Die Frage ist nur wie schnell. Es ist wie beim Esel, der eine Karotte, die an einem Stock vor seiner Nase baumelt, fressen will. Die Karotte muss nah genug sein, damit die Verlockung stark ist. Ist die Karotte zu weit weg, bleibt der Esel stehen.

Erstellt: 07.06.2012, 12:40 Uhr

Sprudelt vor lauter Ideen zur Energiewende: Bene Müller, Chef der deutschen Firma Solarcomplex. (Bild: Urs Baumann)

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