Insekten und Würmer im Supermarkt

Käferburger und frittierte Heuschrecken, weils gesund und umweltfreundlich ist: Eine niederländische Supermarktkette bietet dies neu an. Was die Schweizer Grossverteiler dazu sagen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mehlwürmer, Heuschrecken und Mottenlarven als Fast Food und Snacks: Das bietet die zweitgrösste Supermarktkette in den Niederlanden seit heute Freitag an. Zunächst liegen die Frikadellen (siehe Bildstrecke), Burger und Chips aus essbaren Insekten in zwei Filialen der Jumbo-Kette im Norden der Niederlande in den Regalen, bis Anfang 2015 sollen alle 400 Geschäfte mit den ungewöhnlichen Leckereien bestückt werden.

Zwar können Käfer und Würmer schon seit einiger Zeit im Internet bestellt werden, auch bieten in den Niederlanden einige kleinere Geschäfte und Restaurants Insektennaschereien an. Jumbo ist aber der erste Supermarkt, der die Produkte ins Sortiment nimmt. Die Preise liegen zwischen 6 und 7 Euro. Mottenlarven-Chips gibt es in zwei Geschmacksrichtungen: Salz oder Paprika.

«Umweltfreundliche Ergänzung»

«Essbare Insekten sind nicht nur gesund. Sie sind auch nachhaltig und helfen, versiegende Lebensmittelressourcen zu schonen», sagte Jumbo-Sprecherin Laura Valks der Nachrichtenagentur AFP. Diese Aussage deckt sich mit der Empfehlung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Sie ruft die noch zögerlichen westlichen Verbraucher auf, ihre Abscheu vor Insekten zu überwinden. Insekten seien eine umweltfreundliche Ergänzung zu den herkömmlichen Lebensmitteln.

Zwei Milliarden Menschen – rund ein Drittel der Weltbevölkerung – essen laut FAO Insekten, weil sie «lecker und nahrhaft» sind. Die meistkonsumierten Insekten seien Käfer (31 Prozent), Raupen (18 Prozent) sowie Bienen, Wespen und Ameisen (14 Prozent), gefolgt von Heuschrecken und Grillen (13 Prozent).

Essen ja, handeln nein

Doch in der Schweiz scheint man weit davon entfernt, die exotischen Speisen alltäglich zu machen. Bei den Grossverteilern Migros, Coop und Denner sind sie kein Thema und sind bis anhin auch nicht intern diskutiert worden. «In der Schweiz stellen wir für solche Produkte noch keine Nachfrage fest», sagt Migros-Sprecherin Monika Weibel auf Anfrage. Zudem sei hier der Verzehr von Insekten und Würmern ohnehin nicht erlaubt.

Tatsächlich stehen Insekten und Würmer nicht auf der Liste der erlaubten Produkte, die Teil der Verordnung des Bundes über tierische Lebensmittel ist. Trotzdem sei ihr Konsum nicht verboten, wie der Bundesrat im Februar auf eine Anfrage von Nationalrätin Isabelle Chevalley (GLP, VD) schreibt. Wer wolle, könne sie in der Natur sammeln und verspeisen. Der Verkauf von Insekten als Lebensmittel sei jedoch nicht erlaubt. Es fehle bis heute ein Beleg, dass Insekten die Gesundheit nicht gefährden. Auf Nachhaken der Nationalrätin prüft man nun die Aufnahme von Insekten ins Lebensmittelgesetz und klärt ab, welche Arten die Gesundheit des Menschen nicht gefährden.

Wenn eine in der Schweiz lebende Person im Internet Insektensnacks aus der EU, Norwegen oder Island für den Privatgebrauch bestellt, bestehen diesbezüglich keine gesetzlichen Einschränkungen, wie eine Sprecherin des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) auf Anfrage sagt. Jedoch gebe es kaum Länder in der EU, in denen Insekten legal als Lebensmittel verkauft werden dürfen. Aus Drittländern hingegen können solche Produkte aus seuchenpolizeilichen Gründen auch von Privatpersonen weder im Reiseverkehr noch im Postverkehr eingeführt werden. «Für kommerzielle Zwecke dürfen Insekten als Lebensmittel grundsätzlich weder importiert noch verwendet werden», so die BLV-Sprecherin. Wer Insekten als Lebensmittel zu kommerziellen Zwecken abgeben möchte, zum Beispiel für einen öffentlichen Anlass, könne dafür ein Gesuch um eine Einzelbewilligung einreichen.

(Angereichert mit Material der Nachrichtenagentur AFP) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2014, 15:14 Uhr

Essen

Warten auf den Bug Mac

Werden in der Schweiz bald Insekten im Supermarkt verkauft?

Was in Asien, Afrika oder Lateinamerika zum Alltag gehört, hält nun in Europa langsam Einzug: Insekten und Würmer als Lebensmittel. Seit dieser Woche verkaufen einige holländische Filialen des Grossverteilers Jumbo Mehlwürmer, Heuschrecken und Mottenlarven. Die Insekten sind zu Chips oder Burger verarbeitet.

Die Holländer appellieren an das gute Gewissen: «Insekten sind nicht nur gesund. Sie sind auch nachhaltig und helfen, versiegende Lebensmittel­ressourcen zu schonen», sagte eine Jumbo-Sprecherin. Ein Insektenforscher an der Universität Wageningen bezeichnet die winzigen Lebewesen als «exzellente Eiweissquelle, das Fleisch der Zukunft».

Wer Insekten statt Vieh isst, hilft laut der UNO auch eine Reihe Probleme zu lindern: Treibhausgase und durch Viehhaltung verursachte Luft­verschmutzung werden reduziert; die Insektenzucht schafft Jobs in Entwicklungsländern; mehr Menschen, die an Hunger leiden, können ernährt werden.

Der Insektenmarkt ist klein

Der Insektenverzehr kann als Beitrag zur Weltverbesserung gesehen werden – und Holland geht vorbildlich voraus. In der Schweiz hingegen sieht es nicht danach aus, als würden die Tierlein demnächst in Ladenregalen oder Kühlvitrinen präsentiert. Die Schweizer Detailhändler reagieren auf die entsprechende Frage mit einem Lachen – und schieben dann ein Nein nach. Für sie ist klar: Das gehört nicht ins Sortiment, es gibt hierzulande keinen Markt dafür.

Tatsächlich tun sich Konsumenten schwer mit Insektenessen. Viele sorgen sich um die Ressourcen, die für die Fleischproduktion benötigt wer- den, oder geben sich aufgeschlossen gegenüber exotischem Essen. Auch entspricht es dem Zeitgeist, etwas Gutes für die Umwelt zu tun (und gleichzeitig die Vielfalt des Essens zu vergrössern). Deswegen aber Fleisch durch Insekten ersetzen? Dieses Nein fällt ebenso klar aus wie jenes der Detailhändler. Zu sehr ekeln wir uns vor der Vorstellung, ein Krabbeltierchen zu verschlingen. So dürfte noch viel Zeit verstreichen, bis der Big Mac vom Bug Mac verdrängt wird.
Olivia Raths

(Tages-Anzeiger)

Artikel zum Thema

«Ich bin Teilzeitvegetarier, Flexitarier»

Haben Sie gewusst, dass Rolf Hiltl vom gleichnamigen Restaurant nicht voll vegetarisch lebt? Trotzdem sagt er, der moderne Veganer sei cool und habe wenig vom altmodischen Bild des Körnlipickers. Mehr...

Der Fleischberg wächst

Der weltweite Fleischkonsum wird in den nächsten Jahrzehnten massiv steigen, weil in Ländern wie China der Wohlstand zunimmt. Experten sagen, was die Schweizer dagegen tun können. Mehr...

Zuchtstation für Mücken

In Brasilien wurde eine Fabrik eröffnet, welche bis zu zehn Millionen Mücken pro Monat züchten kann. Diese genetisch veränderten Insekten sollen dann im Kampf gegen das Dengue-Fieber ausgesetzt werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Paid Post

Die Bank der Zukunft

Hohe Depotgebühren, unzureichende Services: Es gibt zahlreiche Gründe, die Bank zu wechseln, aber der wahrscheinlich wichtigste Grund ist im digitalen Zeitalter der Mangel an Innovation und Ideenreichtum.

Die Welt in Bildern

Ganz schön hart: Zwei Männer trainieren am Strand von Vina del Mar in Chile (19. September 2017).
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...