Interview

«Ist ein Arbeitnehmer unzufrieden, wird er einfach ersetzt»

3500 Franken Monatslohn und ein Käsebrett als Gratifikation: Das Kabinenpersonal der Swiss fühlt sich von seiner Gewerkschaft Kapers im Stich gelassen. Nun rechtfertigt sich deren Geschäftsleiter.

Sieht harten Zeiten entgegen: Kabinenpersonal besteigt eine Maschine der Swiss. (Archivbild)

Sieht harten Zeiten entgegen: Kabinenpersonal besteigt eine Maschine der Swiss. (Archivbild) Bild: Keystone

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Quo vadis Kapers?, eine Gruppe von unzufriedenen Flight-Attendants, die den Aufstand angezettelt haben, fordert von der Gewerkschaft «mehr Kampfgeist» und «aufmüpfigere Köpfe».
Wir würden es grundsätzlich begrüssen, wenn sogenannt «aufmüpfigere Köpfe» mit originellen Ideen dazukommen. Diese müssen aber auch bereit sein, Verantwortung zu tragen. Wir befinden uns in einer Sozialpartnerschaft mit der Swiss. Mit einem direkten Konfrontationskurs geht man ein hohes Risiko ein. Wir müssen uns gut überlegen, mit welcher Armee wir in den Krieg ziehen.

Die Vorwürfe sind klar: Die Flight-Attendants sind der Meinung, dass sich die Gewerkschaft zu wenig für ihre missliche Lage einsetzt. Monatslöhne von 3500 Franken, keine Gratifikationen, zu kurze Zwischenstopps auf Langstreckenflügen oder das Fehlen eines 13. Monatslohns.
Wir müssen realistisch bleiben. Die Bäume wachsen im Luftverkehr nicht mehr in den Himmel. Diese Zeiten sind schon längst vorbei. Die niedrigen Flugtarife sind ein Indiz dafür, wie hoch der wirtschaftliche Druck ist. Die Flüge sind teilweise nicht einmal mehr rentabel, wenn sie voll ausgelastet sind. Das ist die Welt, in der wir leben, und wir müssen uns die Frage stellen, wie das nun noch weitergeht. Bei allem Verständnis für die Forderungen des Kabinenpersonals: Ein 13. Monatslohn oder eine Lohnerhöhung von 8,33 Prozent erscheinen gegenwärtig unrealistisch, so leid es mir tut.

Ein Monatslohn von 3500 Franken erscheint bei einer Arbeitsbelastung, wie sie Flight-Attendants haben, sehr tief.
Das ist tatsächlich ein schlechter Lohn, und dagegen möchten wir etwas tun. Wir sind jedoch der Meinung, dass wir eine Erhöhung eher über den gesetzlichen Weg erreichen. Dazu kommt der Aspekt, dass es Berufe – wie eben Flight-Attendants – gibt, die derart beliebt sind, dass Arbeitgeber nie unter Personalnot leiden müssen. Ist ein Arbeitnehmer unzufrieden, wird er einfach ersetzt. Anwärter gibt es genug, welche bereit sind, auch für Tiefstlöhne zu arbeiten. Damit haben wir zu kämpfen. Aufgrund der Schweizer Gesetzeslage sind wir bei einer solchen Ausgangslage als Gewerkschaft immer am kürzeren Hebel.

Was wollen Sie genau dagegen tun?
Wir haben die Mindestlohninitiative des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes aktiv unterstützt. Eine erfolgreiche Umsetzung würde zumindest garantieren, dass wir einen Mindestlohn hätten, der höher ist als der aktuelle Einstiegslohn.

Wie schätzen Sie die Chance auf einen Erfolg ein?
Es hängt davon ab, wie sich die politische Lage bis zur Abstimmung in ein bis zwei Jahren verändert. Ich hoffe auf einen Erfolg, aber die Lage bleibt unberechenbar.

Wie schlimm sind die Arbeitsbedingungen des Kabinenpersonals bei der Swiss?
Rund 70 Prozent haben an der Abstimmung zu den Neuwahlen erst gar nicht teilgenommen. Da stellt sich die Frage, wie gross die Unzufriedenheit tatsächlich ist. Sind sie zufrieden mit der aktuellen Arbeit des Vorstandes oder nicht? Ist es ihnen egal?

Dieser Umstand erinnert ein wenig an die tiefen Wahlbeteiligungen in Ländern, in denen das Volk nicht viel zu sagen hat. Herrscht Resignation unter dem Kabinenpersonal?
Dieser Schluss könnte theoretisch gezogen werden. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: In den Ländern, die Sie ansprechen, wird nicht einmal nach der Meinung des Volkes gefragt. Bei uns besteht jederzeit die Möglichkeit, seine Meinung kundzutun – ohne dass gleich zensiert oder geschossen wird.

Ist die Unzufriedenheit bei ausländischen Fluggesellschaften auch so hoch wie bei der Swiss?
Es ist auch bei vielen anderen Airlines nicht besser und hängt jeweils von der jeweiligen Wirtschaftssituation der Airlines ab. Die Swiss steht eigentlich auf einer soliden Basis, auch wenn die nackten Zahlen nicht berauschend sind: Wenn bei einem Umsatz von 5 Milliarden Franken gerade mal ein Gewinn von 200 Millionen resultiert, ist das nicht berauschend. Da bleibt nicht mehr viel Marge für die Gewinnverteilung. Das ist die wirtschaftliche Realität, in der wir leben, und der kann ich mich auch als Gewerkschafter nicht verschliessen.

Quo vadis Kapers? will dabei nicht mehr länger zuschauen. Wie viele Leute gehören dieser Gruppierung an? Wer sind die führenden Köpfe?
Wie viele das sind, kann ich nicht genau sagen. Wir dürfen die Namen ohne deren Einverständnis auch nicht weitergeben.

Die Abhängigkeit der Kapers von der Swiss ist einer der Hauptkritikpunkte der Gruppierung. Sie fordert die Zusammenarbeit mit einer unabhängigen Gewerkschaft. Sie will eine nationale Gewerkschaft mit ins Boot holen. Was halten Sie von dieser Forderung?
Das hätte Vor- und Nachteile. Die Mitglieder einer unabhängigen Gewerkschaft bezahlen in der Regel höhere Mitgliederbeiträge. Die Zusammenarbeit mit der Swiss liefert uns sehr günstige Strukturen und somit auch günstigere Mitgliederbeiträge.

Im Herbst wird nun der Kapers-Vorstand neu gewählt. Wird das gesamte Gremium ausgewechselt?
Das weiss ich zurzeit noch nicht. Es ist nicht auszuschliessen, dass sich bisherige Vorstandsmitglieder erneut zur Wahl stellen. Das muss jedes Vorstandsmitglied für sich selbst entscheiden. Die Abstimmung fand schriftlich und über die letzten Wochen verteilt statt und wurde anlässlich der ausserordentlichen Generalversammlung vom letzten Mittwoch abgeschlossen. Ursprünglich wäre der aktuelle Vorstand bis im November 2013 im Amt gewesen. Im kommenden November, ein Jahr früher als geplant, wird nun neu gewählt.

Wagen wir einen Blick in die unmittelbare Zukunft. Erhält das Kabinenpersonal zu nächsten Weihnachten einen 13. Monatslohn oder muss es wieder mit einem Käsebrett vorliebnehmen?
Das müssen Sie die Swiss fragen. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn das Personal ein Weihnachtsgeschenk in finanzieller Form erhalten würde, wie das in früheren Zeiten noch der Fall war. Doch wenn es im Luftverkehr so weitergeht wie bis anhin, ist es bereits ein Erfolg, wenn wir bisher Erreichtes halten können.

Das klingt sehr pessimistisch.
Wir verfolgen eine Politik der kleinen Schritte, wobei die Bedingungen kontinuierlich verbessert werden sollen. Dass wir innert kürzester Zeit den grossen Wurf landen können, erscheint mir eher unrealistisch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.07.2012, 18:24 Uhr

«Das ist die Realität, in der wir leben»: Georg Zimmermann, Geschäftsführer der Gewerkschaft Kapers. (Foto: zvg)

Seit 1971 im Dienste des Kabinenpersonals

Die Kapers ist die schweizerische Gewerkschaft des Kabinenpersonals. Sie wurde 1971 gegründet und ist die grösste nationale Interessenvertretung der Kabinenbesatzungsmitglieder schweizerischer Luftverkehrsunternehmen. (mrs)

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