Jack Heuer – ein Pionier tritt ab

In diesem Jahr hat sich der 82-jährige Jack Heuer aus der Uhrenfirma zurückgezogen, die seinen Namen trägt. Wie der Urenkel des Firmengründers die Marke Heuer weltbekannt machte.

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Eigentlich geht ihn das alles nichts mehr an: ob TAG Heuer Kurzarbeit einführt und 46 Mitarbeiter entlässt, ob der neue Chef der Uhrenmarke nach nur 18 Monaten den Bettel hinschmeisst und durch den forschen Uhrenmanager Jean-Claude Biver ersetzt wird. Auf dem Papier verbindet Jack Heuer nichts mehr mit dem Unternehmen, das seinen Namen trägt. Aber was zählen schon Ämter und Verträge, wenn es um eine Herzensangelegenheit geht?

«Wenn etwas kaputtgeht in diesem Unternehmen, schmerzt es immer noch, als wäre es ein Teil von mir», sagt Jack Heuer bei einer Tasse Kaffee. Es ist der Tag, an dem der überraschende Abgang von Stéphane Linder publik wird, bis dahin Chef und Verwaltungsratspräsident von TAG Heuer. Jack Heuer ist nicht überrascht, aber besorgt. Linder hat ihn früh an diesem Morgen angerufen und ihm erklärt, warum es so nicht mehr weitergeht. Man habe diesen erfahrenen Manager wie einen Schulbuben behandelt, sagt Heuer, es sei zu befürchten, dass mehr verloren gehe als ein paar Dutzend Stellen, nämlich der respektvolle Umgang. Die Unternehmenskultur.

Die grosse Zäsur im Juni 1982

Vor gut 32 Jahren musste Jack Heuer sein Pult bei der Uhrenfirma, die sein Urgrossvater Eduard Heuer 1860 gegründet hat, selbst räumen. Die Abwertung des Dollars, der in den Siebzigerjahren gegenüber dem Franken über 50 Prozent verlor, führte dazu, dass die asiatische Konkurrenz den Schweizer Traditionshäusern massiv zusetzte. Als 1981 der wichtigste Heuer-Lieferant, die Grenchner Firma Baumgartner Frères, Konkurs anmeldete, spitzte sich die Lage zu. Jack Heuer hatte Kunden in China die Lieferung mehrerer Tausend mechanischer Stoppuhren zugesichert – ein Versprechen, das er nur einhalten konnte, wenn er im grossen Stil den Lagerbestand des konkursiten Zulieferers aufkaufte.

Ende September 1981 schloss China die Grenzen für Uhrenimporte, der Franken gewann so stark an Wert, dass auch andere Kunden die Bestellungen verzögerten. Heuer sass auf Bergen von Ware, aber die flüssigen Mittel wurden knapp. Es begann ein Wettlauf gegen die Zeit, die fiebrige Suche nach neuem Kapital. Am 25. Juni 1982 wusste Jack Heuer: Er hatte verloren. Die Banken und der eigene Verwaltungsratspräsident drängten den Patron aus dem Unternehmen, das Aktienkapital wurde auf null abgeschrieben, Heuer musste seine Namenaktien im Wert von rund einer Million Franken abgeben, ohne dafür einen einzigen Franken zu erhalten.

Harry Bohrer verlor 2 Millionen

«Am Tag danach packte ich meine Bürosachen in eine Kiste, ging nach Hause und sagte zu meinen drei Kindern: ‹Ab jetzt müsst ihr selber für euch sorgen›», erinnert sich Heuer. Dass er es nicht geschafft hat, das Steuer herumzureissen, nagt noch heute an ihm. 2 Millionen hätte er gebraucht, konnte aber nur 1,5 Millionen finden. «Und wenn ich nicht aus purer Vorsicht frühzeitig das Gespräch mit den Banken gesucht hätte, wäre ich vielleicht über die Runden gekommen.» Erst recht, wenn er damals gewusst hätte, dass Harry Bohrer aus der Rolex-Dynastie mit rund 2 Millionen Franken in seine Firma investiert war und womöglich zur Rettung beigetragen hätte, um den Verlust zu verhindern.

So aber ging die Firma 1982 an Valentin Piaget und drei andere Aktionäre des Uhrenwerkherstellers Nouvelle Lémania, die sie 1986 an den Motoren- und Rüstungskonzern Techniques d’Avant Garde (TAG) verkauften. Dessen saudiarabischer Besitzer gliederte TAG Heuer später aus und verkaufte die Firma 1999 an den französischen Konzern LVMH, unter dessen Dach über 60 Luxusmarken vereint sind, darunter Hublot.

All das verfolgte Jack Heuer nur aus Distanz. Der 49-Jährige, der im Familienunternehmen gross wurde, musste Anfang der Achtzigerjahre erstmals auf Jobsuche gehen. Fast hätte er sich statt um Schmuck fürs Handgelenk um Ersatz fürs Hüftgelenk gekümmert: Der Berner Chirurg Maurice Müller wollte ihm seine Firma Protek AG und die Weiterentwicklung der Hüftgelenkprothese anvertrauen. Zwei Wochen vor Stellenantritt erfuhr Heuer, dass er vom späteren Holcim- und Lonza-Präsidenten Rolf Soiron ausgebootet worden war, der durch Heirat Müllers Familie nahestand.

Stattdessen wurde Heuer bei einem ehemaligen Lieferanten, der Hongkonger Firma Integrated Display Technology, Marketingdirektor und Repräsentant in Europa. Heuer gewann rasch das Vertrauen des Firmenbesitzers, die Firma wuchs rasch, entwickelte als erste ein digitales Thermometer, später ein Hygrometer, und schliesslich gelang dank einer Akquisition im Schwarzwald auch die Digitalisierung des Barometers.Jack Heuer wurde Europa-Chef und später Verwaltungsrat des chinesischen Unternehmens, das Ende der Neunzigerjahre über 1'000 Angestellte hatte.

Im September 1999 nahm der 67-Jährige mit Erstaunen zur Kenntnis, dass TAG Heuer für 900 Millionen Franken an LVHM verkauft wurde – nur 17 Jahre, nachdem sein Rettungsversuch wegen einer halben Million gescheitert war. Zwei Jahre später bot TAG-Heuer-Chef Jean-Christophe Babin ihm beim Mittagessen das Ehrenpräsidium an. Seither reiste er als Markenbotschafter für TAG Heuer um die Welt. Man kann in der Luxusgüterindustrie mit Geld vieles kaufen, aber eine über 150-jährige Firmentradition und ein Mann, der viele Kapitel der Erfolgsgeschichte verkörpert – das ist unbezahlbar.

Jo Siffert, Enzo Ferrari . . .

Und Geschichten hat Jack Heuer viele auf Lager. Angefangen damit, wie er nach dem Betriebsingenieurstudium gerne zur Unternehmensberatung Arthur D. Little nach Boston gegangen wäre, stattdessen aber im Uhrenbetrieb in La Chaux-de-Fonds blieb – zumindest für ein Jahr. «Obwohl ich als junger ETH-Abgänger ganz andere Träume hatte, als im elterlichen 25-Mann-Betrieb zu arbeiten»; wie er als 26-Jähriger «mit dem Checkbuch im Gepäck nach New York reisen und dort eine Filiale eröffnen» durfte, um mit den berühmten Heuer-Handstoppuhren auch den amerikanischen Markt zu erobern; wie er bereits mit 28 Jahren Mehrheitsaktionär wurde, weil sein Onkel sich kurzfristig zurückzog. Und wie er den Formel-1-Rennfahrer Jo Siffert 1968 für 25'000 Franken als Markenbotschafter gewann und so den Glamour in den Autorennsport brachte.

Die späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre waren die verrückteste Zeit in Heuers Karriere. Kaum hatte er den Deal mit Siffert eingefädelt, erfuhr er, dass Ferrari-Pilot Clay Regazzoni sich zum Mittagessen mit der Konkurrenz von Longines traf, und dachte: «Wenn die bei Ferrari einsteigen, ist das mit Siffert für die Katz.» Heuer schaffte es, mit Enzo Ferrari ins Geschäft zu kommen: Er lieferte dem Italiener den modernsten elektronischen Zeitdrucker, der Tasendstelsekunden darstellen sowie Rundenbestzeiten registrieren konnte, und erhielt im Gegenzug 20 Zentimeter für das Heuer-Logo auf dem Cockpit der Ferrari-Boliden sowie das Recht, die Ferrari-Piloten mit Uhren auszurüsten. Dank dem Automobilsport war Heuer auf einen Schlag in den wichtigen Märkten in Europa, den USA, Südamerika und Australien prominent vertreten – und als Zugabe auf Millionen von Ferrari-Spielzeugautos.

. . . Bo Derek und Barak Obama

Der Film «Le Mans», der 1971 in die Kinos kam, und sein Hauptdarsteller Steve McQueen machten die Schweizer Uhrenmarke noch bekannter. Jack Heuer hatte früher als die meisten einen guten Draht zu den Managern der Filmstudios in Hollywood aufgebaut. Er setzte auf Sponsoring und Product-Placement, als diese Begriffe zumindest im deutschen Sprachraum noch kaum bekannt waren.

Nicht selten stand ihm dabei der Zufall Pate. Als ihn ein Marketingmanager 1979 in den USA nach einem Geschäftstermin fragte, welche Uhr er seiner Tochter zum Geburtstag schenken könnte, organisierte ihm Heuer eine der neuen Taucheruhren Aquaracer. Monate später traf ein Dankesschreiben ein mit drei Fotos. Das Geburtstagskind war Bo Derek, die gerade weltberühmt wurde durch den Film «Zehn – Die Traumfrau» und auf einer der Fotografien nichts trug ausser der Uhr von Jack Heuer.

Auch Politiker gehörten früh zu den Markenbotschaftern. 1945 bestellte General Eisenhower über die Berner Botschaft zwei Heuer-Chronografen, in jüngerer Vergangenheit trugen auch Joe Biden und Barak Obama TAG Heuer. Der Werbeeffekt sei heute aber deutlich geringer als vor 50 Jahren, «weil inzwischen alle Marken mit Prominenten um Aufmerksamkeit buhlen», sagt Jack Heuer. Bis zu 20 Prozent des Umsatzes flössen in der Luxusgüterindustrie heute in die Werbung. Zu seiner Zeit seien es keine 5 Prozent gewesen.

Das beruhigende Ticken

Zu Jack Heuers 80. Geburtstag vor zwei Jahren widmete ihm TAG Heuer eine auf 3000 Stück limitierte Sonderserie des Carrera-Chronografen, inklusive Familienwappen auf der Rückseite. Im Sommer 2013 vollendete Heuer seine Autobiografie «The Times of my Life», in der die abenteuerliche Familien- und Firmengeschichte aufgearbeitet ist. Diesen Frühling nun ist Jack Heuer als Ehrenpräsident bei TAG Heuer abgetreten – 100 Jahre, nachdem sein Grossvater die weltweit erste Stoppuhr mit Hundertstelsekunden-Anzeige lanciert hatte.

Er habe seinen Frieden gefunden und hadere nur noch selten mit dem, was passiert sei, sagt Heuer zum Abschluss des Gesprächs. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, sehr genau zu verfolgen, was bei TAG Heuer passiert. Jean-Claude Biver, der die Marken Blancpain und Hublot erfolgreich neu positioniert hat und seit März die ganze Uhrensparte im LVMH-Konzern leitet, hat kürzlich angekündigt, dass er die operative Leitung von TAG Heuer nicht so schnell wieder abgeben möchte. Sein Hauptantrieb scheint zu sein, mit TAG Heuer schon im nächsten Jahr eine Smartwatch zu lancieren, eine «intelligente Uhr», die dank Internetzugriff über eine breite Palette an Funktionen verfügt.

Jack Heuer hofft, dass die traditionellen Stärken des Unternehmens, die Zeitmessung und die Chronografen im Luxussegment, nicht ganz auf der Strecke bleiben. «Die Smartwatches werden kommen», sagt der Uhrenpionier, «aber die Chronografen werden dadurch nicht verdrängt werden. Es gibt kaum etwas Beruhigenderes als die Selbstvergewisserung durch eine tickende Uhr, die uns an unseren Herzschlag erinnert.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2014, 09:28 Uhr

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