Jahrelanger Rechtsstreit um den Hustensirup droht

Hunderte von Arzneimitteln sind seit Jahresbeginn leichter erhältlich – andere nur noch auf Verschreibung.

Für Patienten wird es schwieriger, den Überblick zu bewahren, welche Medikamente noch frei erhältlich sind. Foto: Keystone

Für Patienten wird es schwieriger, den Überblick zu bewahren, welche Medikamente noch frei erhältlich sind. Foto: Keystone

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Weil es bisher frei verkäuflichen Hustensaft bald nur noch auf Rezept oder mit Beratung gibt, spitzt sich ein Konflikt im Gesundheitswesen zu. Ein jahrelanger Rechtsstreit zeichnet sich ab, wenn das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic noch in diesem Monat entsprechende Verfügungen an die Pharmafirmen im Land versendet. Diese wollen sich juristisch zur Wehr setzen, wie die Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz (Vips) sagt. Für die Patienten könnte die Situation unübersichtlicher werden, wenn sich der Rechtsstreit zwischen Behörde und Unternehmen in die Länge zieht.

Hunderte Arzneimittel aus der Hausapotheke sollen ab Jahresbeginn leichter zugänglich werden. Rund 550 bisher apothekenpflichtige Medikamente sind dann auch in Drogerien erhältlich. Diese Liberalisierung bei der Abgabe von Medikamenten hat jedoch auch Nebenwirkungen: Mit der Aufhebung der sogenannten Apothekenpflicht werden rund 100 Medikamente nur noch nach ärztlicher Verschreibung oder Beratung samt Dokumentation durch einen Apotheker abgegeben. Hustensirup und weitere Arzneimittel, die als Hustenstiller eingesetzt werden, fallen beispielsweise in diese Gruppe, weil sie Opiatderivate als Wirkstoffe (Codein oder Dextromethorphan) enthalten.

Hustensäfte weisen Suchtpotenzial auf

Für Swissmedic ist die Rechtslage eindeutig: Das Heilmittelinstitut spricht von einem erheblichen Missbrauchs- und Suchtpotenzial, weshalb die codeinhaltigen Arzneimittel nur durch Personen mit einer Betäubungsmittelbewilligung abgegeben werden dürfen. In Deutschland und Frankreich sind die Produkte bereits rezeptpflichtig.

Am 30. Januar sollen an einem runden Tisch unter anderem mit den Pharmafirmen und Kantonsapothekern Fragen zum Vollzug der neuen Regelung besprochen werden, wie es auf Anfrage bei Swissmedic heisst. Offen ist bislang beispielsweise, wie die Dokumentationspflicht gehandhabt wird, antwortet Swissmedic auf Anfrage. «Die Kontrolle der Dokumentationspflicht liegt in der Verantwortung der Kantone», heisst es beim Heilmittelinstitut. Unklar ist auch, ob in gewissen Fällen Verheiratete die Medikamente für ihre Partner kaufen können. Das soll ebenfalls mit den Kantonsapothekern diskutiert werden. Die ersten offiziellen Umteilungsverfahren für jedes einzelne Medikament durch Swissmedic sollen noch im Januar eröffnet werden.

Die Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz rechnet mit Mehrkosten im Gesundheitssystem von 100 Millionen Franken. 

Die Firmen können sich gegen diese Umteilung wehren und wollen dies auch tun. Die Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz sagt, dass die bis jetzt frei verkäuflichen Produkte bisher unproblematisch gewesen seien, und fürchten auch um ihren Umsatz. «Es werden mit Sicherheit Beschwerden gegen die Umteilung eingereicht», sagt Vips-Geschäftsführer Ernst Niemack, der mit einer maximalen Verfahrensdauer von mehreren Jahren rechnet. Für die Patienten ist damit nicht ersichtlich, welche Medikamente bereits von der neuen Regelung inklusive Dokumentation betroffen sind und welche noch frei erhältlich sind.

Die Vereinigung rechnet mit möglichen Mehrkosten im Gesundheitssystem von rund 100 Millionen Franken. Einer Zahl, der sowohl Pharmasuisse als auch Swissmedic widersprochen haben, da sie erhebliche Einsparungen durch die Liberalisierung erwarten. Die Apotheken dürfen dank der Revision des Heilmittelgesetzes bei bestimmten Erkrankungen Medikamente abgeben, die bisher rezeptpflichtig sind.

System wird zusätzlich belastet statt entlastet

Um die eigenen Zahlen zu untermauern, hat Vips nun 50 Apotheken in einer Stichprobe befragt: Dort zeigt sich ein zusätzlicher Aufwand von durchschnittlich sieben Minuten Dokumentationszeit bei einer obligatorischen Beratung durch den Apotheker. Dies bei vier Millionen Packungen von Medikamenten, die künftig dokumentationspflichtig werden. Die vorgeschriebene Ausweiskontrolle wollen 80 Prozent der Befragten durchführen. Die Apotheken rechnen laut Vips mit vermehrten Arztbesuchen, wenn die Umteilung erfolgt. Ein Viertel aller Patienten werde erst einen Arzt aufsuchen, weil die betroffenen Medikamente in der Packungsbeilage neu nun als rezeptpflichtig bezeichnet werden, erwarten die Apotheken. Das wiederum belaste das System, anstatt es zu entlasten.

Möglicherweise schaltet sich auch die Politik erneut in den Konflikt ein: Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats hatte Ende November die Beteiligten zur neuen Regelung befragt. An einer nächsten Sitzung will sie prüfen, ob sie tätig werden sollte, wie es in einer Mitteilung heisst. Aus Kommissionskreisen ist zu hören, dass zu möglichen Mehrkosten im Gesundheitssystem bislang Aussage gegen Aussage stehe. Für die nächste Sitzung der Kommission am Donnerstag und Freitag ist das Thema bislang nicht traktandiert. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.01.2019, 16:45 Uhr

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