Japan braucht seltene Erden, aber nur China hat sie

Mit Recycling China ärgern: In Japans Elektrogeräten stecken 300'000 Tonnen seltene Erden, nun will man sie aus dem Elektroschrott zurückgewinnen.

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Handys, Windkraftanlagen, Hybridmotoren, Röhrenbildschirme – diese High-End-Produkte und Schlüsseltechnologien haben eines gemeinsam: Sie brauchen Metalle der seltenen Erden, deren Nachfrage in den letzten Jahren extrem gestiegen ist. Und diese begehrten Elemente kommen zwar in vielen Ländern vor, doch China dominiert den Welthandel: Das Land fördert mit 124'000 Tonnen jährlich derzeit 97 Prozent der weltweiten Produktion.

Japan will das nun ändern. Er mache die seltenen Erden zu einer Priorität seiner Regierung, erklärte Premier Naoto Kan am Freitag im Parlament. Im jüngsten Konjunkturpaket will Kan einen noch nicht festgelegten Betrag zur Seite legen, um den Nachschub seltener Erden zu sichern. Einerseits wird Tokio Länder, in denen seltene Erden vorkommen, bei der Schürfung unterstützen. Genannt wird vor allem die Mongolei.

Andererseits sollen diese Elemente mit Recycling gewonnen werden. Dowa Holdings betreibt im Norden der japanischen Hauptinsel Honshu bereits einen Ofen, mit dem man Gold und seltene Metalle aus Elektroschrott isolieren kann. Dowa will nun eine Technologie entwickeln, mit der auch aus der Hochtemperaturschmelze von Fernsehern, Computern und Handys seltene Erden isoliert werden können.

Seltene Erden sind nicht selten

Ferner hat das Chemieunternehmen Shin-Etsu beschlossen, ab nächstem Jahr seltene Erden aus ausrangierten Klima-anlagen und Kompressoren zu gewinnen. Die Magnete in den japanischen Klimaanlagen enthalten etwa 15 Prozent seltene Erden. Ausserdem arbeitet der Elektrokonzern Hitachi an der Entwicklung von Magneten, die weniger seltene Erden brauchen. Der Anteil konnte bereits verringert werden. Auch in Lasern und Solarzellen stecken erhebliche Mengen seltener Erden, zu denen Scandium, Yttrium, Lanthan und die 14 sogenannten Lanthanoide gehören. Für Japans Hightech-Industrie sind diese Elemente lebenswichtig.

Die Bezeichnung «seltene Erden» ist irreführend und hat historische Gründe. Sie wurden in seltenen Mineralien gefunden und mussten aus diesen isoliert werden. Einige dieser Elemente sind in der Erdkruste tatsächlich häufiger vorhanden als etwa Blei. In Indien, Brasilien, Südafrika und Kalifornien wurden sie einst abgebaut. Aber insbesondere die USA, die sie auch für ihre Rüstungsindustrie brauchen, haben ihre eigenen Minen geschlossen. Sie sind heute völlig von China abhängig.

Der Abbau lohnte sich finanziell nicht mehr. Die Schürfung seltener Erden ist aufwendig, teuer und schädigt die Umwelt, da sie mit Säuren aus den Bohrlöchern gewaschen werden müssen. Die Minenanlagen auf dem Mountain-Pass an der Grenze zu Nevada, dem wichtigsten Abbaugebiet in den USA, hat man einem Hundeheim überlassen. Nun aber soll der Abbau im nächsten Jahr wieder aufgenommen werden. In China setzte Deng Xiao Ping, der Vater der Reformen, aber schon in den 1980er-Jahren den forcierten Abbau durch.

Territorialstreit ausgelöst

Jüngst gerieten seltene Erden durch den Territorialstreit zwischen China, Taiwan und Japan um die Senkaku-Inseln in die Schlagzeilen. Vielerorts wurde vermutet, China habe Japan mit einem Lieferstopp zum Nachgeben gezwungen. Allerdings hatte Peking bereits im Juli angekündigt, kein Land mehr zu beliefern. Später hiess es, der Export würde um 72 Prozent reduziert. Japans Aussenminister Katsuya Okada verhandelte im August, vor dem Streit, in Peking über die Quoten. Einigen konnte man sich nicht. Peking besteht darauf, die jüngsten Lieferengpässe hätten nichts mit dem Territorialkonflikt zu tun. Noriyuki Shikata, ein Sprecher von Premier Kan, sagte gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Wir wissen nicht, ob es einen Zusammenhang gab.» Sicher sei nur, dass alle Handelshäuser im September massive Lieferschwierigkeiten meldeten.

Kosaka ist eines von vielen alten Bergbaustädtchen im Norden von Honshu. Hier wurde seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts Silber abgebaut, später auch Kupfer und Zink. Das Städtchen blühte. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die leicht abbaubaren Vorräte erschöpft, Bergbau wurde in Japan zu teuer. 1989 schloss die letzte Mine, Kosaka wurde ärmer, viele junge Leute wanderten ab. 1980 lebten hier 10'500 Menschen, heute sind es 6600.

Hoffnung dank Urban Mining

2008 eröffnete die Firma Dowa, die einst die Grube betrieb, in ihren alten Minengebäuden das Recycling für Elektroschrott. Das nennt man Urban Mining. So kehrte Hoffnung in das Bergbaustädtchen zurück. An die seltenen Erden dachte damals kaum jemand. Dabei schätzt das nationale Institut für Materiallehre Japans, in den Elektronikgeräten der Japaner steckten 300'000 Tonnen seltene Erden. Das entspricht zweieinhalb Jahresproduktionen Chinas und entspräche nach den gängigen Preisen einem Wert von 1,5 Milliarden Franken, wie die «New York Times» errechnete. Und praktisch niemand bezweifelt, dass diese Preise noch steigen werden.

Erstellt: 11.10.2010, 22:54 Uhr

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