Jeder für sich – warum eigentlich 24 Kantonalbanken?

Betriebswirtschaftlich hat das Modell der Kantonalbanken ausgedient. Die Fusion wäre logisch.

Eine von 24 – und so wird es auch bleiben: Geschäftssitz der Zürcher Kantonalbank. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Eine von 24 – und so wird es auch bleiben: Geschäftssitz der Zürcher Kantonalbank. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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«Die 24 Kantonalbanken blicken auf ein solides erstes Halbjahr zurück.» So leitete der Verband Schweizerischer Kantonalbanken vor kurzem eine Mitteilung ein. Solide ist stabil, beständig, aber kein bisschen mehr.

Im Rekordjahr 2007 erwirtschafteten die 24 Kantonalbanken gemeinsam einen Jahresgewinn von 3,1 Milliarden Franken. Im Folgejahr brach das Gruppenresultat im Kontext der Finanzkrise auf 2,3 Milliarden ein. Seither dümpelt der Gewinn der Gruppe Jahr für Jahr um 2,6 beziehungsweise 2,7 Milliarden Franken herum.

Zu schaffen machen den Kantonalbanken die tiefen Zinsen. Sie drücken auf die Margen im Zinsdifferenzgeschäft, das mit über 60 Prozent die Hauptertragsquelle der Kantonsinstitute ist. Der Ertrag ging im ersten Halbjahr wie schon im Vorjahr zurück. Ganz zu schweigen vom Handelsgeschäft, das von Januar bis Juni um über 18 Prozent einbrach – nach einem Minus von über 10 Prozent im Geschäfts­jahr 2013. Den sinkenden Erträgen stehen steigende Kosten gegenüber, bedingt vor allem durch neue regulatorische Auflagen. Angesichts dieser Zahlen diagnostiziert die Research-Abteilung der Bank Vontobel bei der Kantonalbankengruppe einen ausgeprägten Konsolidierungsdruck.

«Schweizer Bank der Kantone»

Dass sich vor diesem Hintergrund noch immer 24 von 26 Kantonen eine eigene Kantonalbank leisten, macht betriebswirtschaftlich wenig Sinn. In einer Umfrage von Vontobel brachte der emeritierte Bankenprofessor Hans Geiger den Begriff einer «Schweizer Bank der Kantone» ins Spiel – gewissermassen die Fusion der 24 Kantonalbanken. Diese würde den Weg frei machen zu einer einheitlichen Informatik- und Produktplattform. Der Überbau – die Zahl der Bankräte, der Geschäfts­leitungs­mit­glieder und der Revisionsgesellschaften – würde drastisch abgespeckt. Das Sparpotenzial wäre – wenn auch erst noch zu errechnen – ohne Zweifel gross. Mit einer solchen Megafusion entstünde neben den beiden Grossbanken eine dritte Kraft, eine Art zweite Raiffeisengruppe.

Rocco Schilling, Analyst bei Vontobel Research, räumt ein, dass es neben der betriebswirtschaftlichen eine politische Brille gebe. Eine Fusion von Kantonalbanken würde Arbeitsplätze kosten. Die Vertreter der Kantone müssten sich deshalb überlegen, ob ihnen die höhere Dividende einen Abbau von Stellen wert sei. Schilling sieht die Kantonalbanken zurzeit in Wartestellung. Sie würden abwarten in der Hoffnung, dass die Zinsen in drei Jahren steigen. Sollte dies nicht der Fall sein, würde sich die Situation allerdings verschärfen. An diesem Punkt sieht Schilling den grossen Unterschied zwischen staatlichen und privaten Be­sitzern: «Bei Privaten muss es jeweils schnell gehen.»

Realistisch ist ein Zusammenschluss der Kantonalbanken nicht, wie Jörg Müller-­Ganz, Bankratspräsident der ­Zürcher Kantonalbank, bestätigt: «Zusammenschlüsse von Kantonalbanken dürften aus rechtlichen und föderalistischen Aspekten schwierig zu vollziehen sein.» Ähnlich argumentiert mit Verweis auf die Eigentümer der Staatsbanken der Präsident des Kantonal­banken­verbandes, Urs Müller. Er fügt bei: «Ich vermute, dass es auch in Zukunft noch 24 Kantonalbanken geben wird, dass diese aber wesentlich stärker kooperieren als heute.»

Viele Egos stehen sich im Weg

Verstärkte Kooperation ist das, was Schilling den Kantonalbanken nahelegt. Verbandspräsident Müller bezeichnete bei seiner Wahl im November 2011 das Unterstützen der Zusammenarbeit unter den Banken als sein zentrales ­Anliegen. Schon sein Vorgänger, Peter Siegen­thaler, sprach sich für eine Intensivierung der Zusammenarbeit aus. ­Konkret geschehen ist in den letzten ­Jahren allerdings wenig.

Beide Müller verweisen auf die Kantonalbankentochter Swisscanto, die unter anderem das Fondsgeschäft betreibt. Auch arbeiten die Kantonalbanken bei der Herausgabe von Pfandbriefen und Kreditkarten zusammen. In diesen Bereichen funktioniert die Zusammen­arbeit seit Jahren erfolgreich. Auch bietet die ZKB als grösste Kantonalbank den anderen ihre Dienstleistungen in der Kreditvergabe, im Auslandsgeschäft oder dem Asset-Management an. Ein eigentliches Zusammenrücken wird aber gar nicht erst versucht oder bleibt im Versuchsstadium stecken. So scheiterte etwa die angedachte gemeinsame IT-Plattform der Kantonalbanken von Zürich und der Waadt. Vielleicht hat Dominik Meyer von Vontobel Research recht, wenn er sagt, dass das Ego der verschiedenen Kantonalbanken-Chefs einer engeren Kooperation in die Quere komme.

Pannen und Pleiten

Was die Regulierung und die damit verbundene Kostenfolge betrifft, stellen sich die Kantonalbanken zurzeit gern als Opfer dar. So schrieb der Verband, «dass eine krisengetriebene internationale Regulierung zunehmend inland­orientierte Banken beeinträchtigt». Das greift zu kurz, haben doch einzelne Kantonal­banken wesentlich zur Krise beige­tragen. Die Zürcher und Die Basler ge­hören zum engsten Kreis jener Institute, die in den Steuerstreit mit den USA verwickelt sind. Die Basler sind zudem in den Skandal um den ASE-Betrugsfall verstrickt, bei dem zahlreiche Anleger Geld verloren haben.

Auch in früheren Jahren war die Welt der Kantonalbanken nicht heil. Die Immobilien­krise der 90er-Jahre wurde den Instituten von Bern, Solothurn und ­Appenzell Ausserrhoden zum Verhängnis. Erstere musste durch den Kanton mit weit über 1 Milliarde Franken ge­rettet werden. Letztere wurden von Bankverein beziehungsweise Bank­gesellschaft – beide inzwischen in der UBS aufgegangen – übernommen. Im Jahr 2000 mussten die Genfer Steuerzahler über 2 Milliarden Franken in ihre Bank einschiessen. Wenig später blühte das Gleiche den Waadtländern. 2008 schliesslich benötigte die Glarner Kantonalbank eine Finanzspritze des Kantons.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2014, 07:01 Uhr

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