Interview

«Jedes Jahr kündigen etwa 100'000 Kunden den Grundanschluss»

Bis zu 1500 Jobs würden bei der Swisscom gestrichen, hiess es vor zwei Tagen. Der Telecomkonzern berichtigte umgehend. Jetzt nimmt CEO Carsten Schloter Stellung zur Reorganisation des Geschäfts.

«Ende 2013 könnten wir in der Schweiz mehr Mitarbeitende haben als heute»: Carsten Schloter, Swisscom-CEO.

«Ende 2013 könnten wir in der Schweiz mehr Mitarbeitende haben als heute»: Carsten Schloter, Swisscom-CEO. Bild: Keystone

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Die Swisscom streicht 400 Stellen. Ist das erst der Anfang?
Unser Ausblick gilt für die nächsten zwölf Monate. Dabei bleibt es. Es ist also nicht nur die Spitze des Eisbergs, wie gewisse Medien schreiben. Wir bauen 300 Stellen plus weitere 100 Jobs in Kaderpositionen ab. Gleichzeitig schaffen wir 300 neue Jobs. Allerdings werden wir uns auch in Zukunft anpassen müssen.

Was bedeutet das?
Jedes Jahr entscheiden sich etwa 100'000 Kunden dafür, den Grundanschluss bei der Swisscom zu kündigen. Dadurch fallen jährlich 50 Millionen Franken Umsatz weg. Auch die Zahl der Telefonzellen und der Anrufe bei der Auskunft nehmen ab. Gleichzeitig sehen immer mehr Leute über Swisscom TV fern, und immer mehr Firmen nutzen unser IT-Angebot. Heute betreuen wir die Daten von über 100 Banken. Am liebsten wäre es uns, wir könnten die Mitarbeitenden aus dem traditionellen Geschäft in den neuen Bereichen weiterbeschäftigen. Aber das gelingt nicht immer. Auf der einen Seite streichen wir Stellen, auf der anderen können wir seit Monaten über 50 Stellen nicht besetzen – etwa mit Software-Ingenieuren.

Dort werden die Stellen geschaffen?
Nicht nur. Ein weiterer Bereich sind regionale Vertriebsleute und Kundenberater für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Auch im Energiesektor, wo die Informatik künftig eine wichtigere Rolle spielen wird, um die Netze zu steuern, wollen wir Leute einstellen.

Wieso dieser Fokus auf kleine und mittlere Unternehmen?
Wir haben relativ anspruchsvolle Wachstumsziele in diesem Bereich. Im Saldo wollen wir hier 1,5 bis 2 Prozent pro Jahr wachsen – was für uns schon viel ist.

Die strukturellen Verschiebungen in Ihrem Geschäft sind nicht neu. Was ist an diesem Stellenabbau anders?
Wir sind seit Jahren mit der Frage konfrontiert, wo wir Ressourcen einsparen und in Wachstumsbereiche investieren können. Im Gegensatz zu früheren Jahren liegt der Fokus nun auf den Stabsstellen und den Managementpositionen.

Wo genau fallen Stellen weg?
Betroffen sind Bereiche wie Controlling, Buchhaltung, Kommunikation und Strategie sowie Führungspositionen.

Gab es dort Überkapazitäten?
Nein, das kann man so nicht sagen. Wir haben in den letzten Monaten angeschaut, auf welche Dienstleitungen der Stabsstellen wir künftig verzichten wollen. Das bedeutet aber nicht, dass die Leute vorher zu wenig effizient waren.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Unser Kommunikationsteam zum Beispiel organisiert Anlässe für viele verschiedene Konzernbereiche. Auf einige dieser Veranstaltungen werden wir in Zukunft verzichten. Und im Controlling werden wir den einen oder anderen Zahlenreport weniger erstellen.

Und wo fallen Kaderstellen weg?
Wir haben vor zwei Monaten angekündigt, dass wir innerhalb von Swisscom Schweiz gewisse transversale Aufgaben bündeln werden – zum Beispiel das Marketing. Das führt automatisch dazu, dass Führungspositionen wegfallen.

Hat die Reorganisation mit der Ernennung von Urs Schaeppi zum Chef von Swisscom Schweiz zu tun? Er avanciert damit zur Nummer 2.
Beides hängt zusammen. Wir sind zum Schluss gekommen, dass es sinnvoll ist, das Schweizer Geschäft zentral zu führen, mit einer starken Geschäftsleitung und einem Verantwortlichen.

Ein Finanzanalyst hat spekuliert, der Abbau könnte damit zusammenhängen, dass das Geschäft der Swisscom schlechter läuft als geplant. Was sagen Sie dazu?
Das ist absoluter Unsinn. Der strukturelle Umbau beschäftigt uns schon seit Jahren und bewegt sich jedes Jahr etwa in dieser Grössenordnung. Nur trifft es dieses Mal einen anderen Bereich. Unter dem Strich ist unser Personalbestand in den letzten sechs, sieben Jahren immer gewachsen. Ich glaube, dass wir Ende 2013 in der Schweiz mehr Mitarbeitende haben könnten als heute. Es könnte sogar gut sein, dass wir deutlich mehr als die 300 Stellen schaffen, die wir angekündigt haben.

Sie verhandeln seit dem Sommer mit der Gewerkschaft Syndicom über den Stellenabbau. Was ist dabei bislang herausgekommen?
Die Gespräche mit den Sozialpartnern sind noch nicht abgeschlossen. Wir hätten mit der Kommunikation gerne gewartet, bis die Zahlen definitiv sind, um dann zuerst die Mitarbeitenden zu informieren. Aufgrund der Fantasiezahlen in einem Medienbericht waren wir aber gezwungen, sofort zu reagieren. In der Regel gelingt es uns, 15 bis 20 Prozent der Betroffenen in anderen Bereichen weiterzubeschäftigen.

Sie rechnen mit Einmalkosten von 50 Millionen Franken. Was passiert unter dem Strich mit den Ausgaben?
In der Summe werden unsere Personalkosten nächstes Jahr steigen – trotz des rückläufigen Umsatzes. Gemäss dem aktuellen Szenario fallen unter dem Strich rund 100 Stellen weg – das sind 0,6 Prozent der Mitarbeitenden. Gleichzeitig steigen die Löhne um 1,2 Prozent. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2012, 10:15 Uhr

Carsten Schloter

Carsten Schloter leitet die Swisscom seit 2006. Der 48-Jährige hat einen deutschen Pass und wuchs in Frankreich auf.

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