Jetzt purzeln die Preise an der Zapfsäule

Der Ölpreis befindet sich seit Wochen im freien Fall. Einige Tankstellenbetreiber haben die Benzinpreise bereits gesenkt. Wird dieser Trend anhalten?

Werden die Preissenkungen anhalten? Eine Schweizer Automobilistin tankt an einer BP-Tankstelle am Mittwoch, 24. August 2011 im österreichischen Höchst.

Werden die Preissenkungen anhalten? Eine Schweizer Automobilistin tankt an einer BP-Tankstelle am Mittwoch, 24. August 2011 im österreichischen Höchst. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tanken wird fürs Erste billiger. Am Samstag wurde eine neue Preissenkungsrunde eingeläutet. Grund dafür ist der Ölpreis, der fällt und fällt. Und dies seit Februar. Insbesondere die schlechten Konjunkturdaten aus den USA und die Rezession in Europa lassen den Ölpreis purzeln. Bereits vor wenigen Tagen wurde die psychologische Preismarke von 100 Dollar je Barrel nach unten durchstossen. Am 24. Februar notierte ein Barrel Rohöl noch bei 128 US-Dollar. Heute wurde ein neuer Tiefststand mit 98.52 Dollar je Barrel Öl der Sorte Brent erreicht.

Der Preis an der Zapfsäule wird vom Preis für das raffinierte Endprodukt und vom Wechselkurs zum Dollar bestimmt. Hinzu kommen in der Schweiz staatliche Abgaben wie Mineralölsteuer, Importabgaben und Mehrwertsteuer. Die Preise für Rohöl und Benzin sind in den vergangenen Wochen um bis zu 15 Prozent gesunken. Der Dollar ist im Vergleich um nur fünfeinhalb Prozent gestiegen. Unterm Strich deutet das klar auf Preissenkungen hin. British Petrol bestätigt die Zahlen.

Ob es zu landesweit umfassenden Preisrückgängen kommen wird, ist aber fraglich. Die Tankstellenvereinigung Avia teilt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit: «Unsere Mitgliedfirmen setzen die Preise an der Säule individuell nach den konkreten Beschaffungspreisen und den regionalen Marktgegebenheiten fest.» Ob es zu Preissenkungen kommen wird, da die Preise gesunken sind? «Darauf können wir aus Wettbewerbsgründen nicht näher eingehen.»

Die Migrol, die sich ebenfalls im Wettbewerb mit anderen Anbietern befindet, ist antwortfreudiger: «Wir haben per Samstag den Benzinpreis um zwei Rappen je Liter gesenkt», sagt Sprecher Marco Schmucki zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Auch Isabelle Thommen, Sprecherin von BP, teilt mit, dass der Benzinpreis per heute und morgen um zwei Rappen gesenkt werde.

Wie weit der Preis noch sinken wird, ist derzeit nicht absehbar. Diverse Analysten sehen den Ölpreis bis Herbst bei unter 90 Dollar je Barrel. Sollte Griechenland aus der Eurozone fliegen und auch noch Krieg im Nahen Osten ausbrechen, könnte es sogar noch schlimmer kommen: «Was dann passieren würde, ist derzeit kaum absehbar», sagt der Geschäftsführer der Erdölvereinigung, Niklaus Boss.

Preisbildung in der Kritik

Einstweilen deutet alles auf weiterhin sinkende Benzinpreise hin. Ob die Preissenkungen auch adäquat weitergegeben werden, ist aber in der Schweiz durchaus umstritten. Daran ändern die jüngsten Preiskorrekturen nichts. Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm äusserte schon im August 2008 gegenüber der «Luzerner Zeitung» Zweifel, ob bei der Preisbildung alles mit rechten Dingen zugehe. Steige der Ölpreis, so erhöhten die Konzerne die Preise an der Zapfsäule umgehend – doch bei sinkenden Ölpreisen erfolge die Reaktion mit Verzögerung. Daran hatte sich laut Strahm bis zum Stand April 2011 nichts geändert: «Ich sehe seither auch keinen Strukturwandel auf den Schweizer Märkten.»

Kurioserweise gibt es die Beschwerden über zu teures Benzin nur in Deutschland und in Österreich. In der Schweiz herrscht offenbar eitel Sonnenschein: Weder die Wettbewerbskommission noch das Bundesamt für Energie, noch die Konsumentenschützer oder die Preisüberwacher stellen zu hohe Preise beim Benzin fest. Und das, obwohl der Treibstoffpreis laut Bundesstatistik seit 2009 bis Anfang 2012 um fast ein Viertel in die Höhe geschossen ist. Damit wurde das Preisniveau vom Krisenjahr 2008 erreicht, nachdem der Benzinpreis zwischenzeitlich schon deutlich niedriger war.

Schwierige Beweisführung

Die Untersuchungen in Deutschland machen deutlich, dass die Beweisführung für mutmassliche Preisabsprachen oder überzogene Benzinpreise äusserst schwierig ist. Dreieinhalb Jahre lang haben die Wettbewerbshüter vom Bundeskartellamt je 100 Tankstellen und ihre Preise genau beobachtet – in und um die Grossstädte Hamburg, Berlin, München und Leipzig. Für Preisabsprachen, die kartellrechtlich relevant wären, fanden die Ermittler zwar keine Belege – doch die fünf grossen Mineralölkonzerne, angeführt von Aral und Shell, «beherrschen den Markt gemeinsam. Sie bilden ein sogenanntes Oligopol», teilte das Kartellamt vor einem Jahr mit. «Bei funktionierendem Wettbewerb wären die Preise niedriger.»

In der Schweiz gehen die Behörden unverhohlen von einem funktionierenden Wettbewerb aus. Warum BP genauso wie etwa Migrol den Benzinpreis fast zeitgleich um zwei Rappen senkt, bleibt indes rätselhaft. Die Erklärung dazu von BP: «Wir wissen nicht, wie die Mitbewerber den Benzinpreis berechnen. Generell sind wir in der Schweiz mit Preissenkungen und -steigerungen vorsichtiger als in Deutschland oder Österreich. Wir ändern die Preise seltener, gehen dafür gegebenenfalls normalerweise um zwei bis drei Rappen runter.»

Erstellt: 04.06.2012, 20:49 Uhr

Artikel zum Thema

Voller Tank, leeres Portemonnaie

Hintergrund Schuld am teuren Benzin ist nicht der hohe Erdölpreis, sondern die Verarbeiter. Die Raffinerien versuchen ihr Geschäft zu optimieren, bezahlen müssen die Autofahrer. Mehr...

Iran-Krise schlägt auf Benzinpreise durch

An den Schweizer Zapfsäulen stieg der Preis pro Liter in den vergangenen Monaten um 5 bis 10 Rappen. Die Preisspirale dürfte sich weiterdrehen. Mehr...

Benzin-Abzockerei – auch in der Schweiz?

Exklusiv Die Benzinpreise sind in Deutschland laut einer Studie wegen eines Oligopols zu hoch. Das Kartellamt will eine weitere Konzentration der Konzerne untersagen. Den Schweizer Preisüberwacher interessiert das sehr. Mehr...

Bildstrecke

Der hohe Ölpreis als Gefahr für die Konjunktur

Der hohe Ölpreis als Gefahr für die Konjunktur Krise in Nahost und Förderengpässe beim Rohöl - der Ölpreis mit Stand März.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Helle Freude!
Mamablog Vom Dammriss meiner Schwiegermutter
Geldblog Für wen sich ein AHV-Aufschub lohnt

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...