Jung, verantwortungsvoll, vernetzt

Rotary und Kiwanis sind bei Jungen out. In Zürich entsteht eine Szene von sozial verantwortlichen Jungunternehmern. Nachhaltigkeit ist ihr Geschäftsmodell.

Hier setzt man sich für die wahren Werte und die Gesellschaft ein: Ein Blick in den Hub Zürich im Viaduktbogen, und Mitgründer Niels Rot blickt seinerseits in die Kamera.

Hier setzt man sich für die wahren Werte und die Gesellschaft ein: Ein Blick in den Hub Zürich im Viaduktbogen, und Mitgründer Niels Rot blickt seinerseits in die Kamera. Bild: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie treffen sich nicht im edlen Hotel Storchen, wo die Rotary-Sektionen in Zürich ihre Meetings abhalten. Auch nicht im Zunfthaus zur Haue, dem Treffpunkt des Zürcher Kiwanis Club. Zürichs junge Leader von morgen treffen sich zum «Dinner» im Park, also zu einem Picknick auf dem Rasen. Oder einmal die Woche zum «Sexy Salad», einem gemeinsamen Mittagessen im Hub Zürich in den ausgebauten Viaduktbögen im ehemaligen Industrieviertel.

Der Hub wurde Anfang Jahr bezogen. Hier gibt es drei Dutzend Arbeitsplätze für junge Unternehmer und Studenten mit einer Vision für eine bessere Welt. Mit einem Projekt können sie sich für die günstigen Arbeitsplätze bewerben. Der Holländer Niels Rot (28) ist Mitinitiant. Hubs existieren bereits seit längerem in London oder Johannesburg. «Das Interesse, Firmen mit sozialer oder ökologischer Zielsetzung zu gründen, ist gross», sagt Rot. Für die Umsetzung brauche es Unterstützung, deshalb hätten sie zu viert dieses Netzwerk aufgezogen. Der WWF hat Geld gegeben, auch der Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers glaubt ans Projekt und unterstützt es mit Beratungsleistungen.

Soziale Werte statt Streben nach Gewinn

In Zürich hat sich eine richtige Nachhaltigkeitsszene gebildet. Merkmale: jung, verantwortungsbewusst, vernetzt. Man weiss, dass Umweltschutz und Gewinne sich nicht beissen. Um die Welt zu retten, braucht es profunde Wirtschaftskenntnisse. Im Anzug fühlen sie sich ebenso wohl wie in Jeans und Turnschuhen. Ziel ist es, Geld zu verdienen. Aber nur mit Tätigkeiten, die der Gesellschaft dienen und der Natur nicht schaden. Regelmässig organisiert Niels Rot Veranstaltungen im Hub, Vorträge zum Thema Wasser zum Beispiel oder zu nachhaltiger Investition. Anderen Akteuren dieser neuen Szene stellt der Hub seine Räumlichkeiten zur Verfügung. So finden «Green Drinks» statt, Apéros für Leute, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Umweltschützer sitzen auf den Treppen neben Bankanalysten, Professoren neben ihren Studenten. Auch Sandbox, ein in Zürich gegründeter Club für besonders talentierte Persönlichkeiten, organisiert Veranstaltungen im Hub. Der Club hat 550 Mitglieder, wovon 40 in Zürich leben. Es werden Ideen ausgetauscht, Businesspläne geschmiedet, Sponsoren angesprochen. Wer aufgenommen werden will, muss empfohlen werden und bei der Jury einen «Wow»-Effekt auslösen, erklärt Mitgründer Nico Luchsinger. Der Club finanziert sich, indem seine Mitglieder für Firmen wie Ringier Brainstorming betreiben und ihre Ideen verkaufen.

Simon Reich, der bis jetzt im Technopark von Zürich arbeitete, hat soeben vom Hub die Zusage für einen Arbeitsplatz erhalten. Der Mittzwanziger ist Finanzchef beim ETH-Spin-off Habtronics. Die Firma hat eine Rehabilitationsmethode, den Gangtrainer, entwickelt. Noch sind solche Systeme teuer. Doch Reich und seine Kollegen arbeiten an einer günstigeren Technologie, sodass sich künftig mehr Menschen die automatisierte Gangrehabilitation leisten können – ihr Beitrag an das Gemeinwohl. «Ein Unternehmer möchte immer auch sozialen Mehrwert schaffen – nicht nur Profit für sich selbst», sagt er.Der 34-jährige Renat Heuberger ist Mitbegründer der Stiftung Myclimate und schon länger in der Szene. 2006 hob er South Pole aus der Taufe. Die Firma handelt mit Umweltzertifikaten. Im Gegensatz zu Myclimate ist South Pole eine Aktiengesellschaft, für Heuberger eine effizientere Gesellschaftsform, weil Geld einfacher beschafft und in den Klimaschutz investiert werden kann. 75 Mitarbeiter hat die Firma, die Gewinne schreibt. «Unternehmerische Lösungen für umweltrelevante Probleme», sagt er, «sind in vielen Fällen nicht nur effizienter, sondern auch nachhaltiger, weil nicht Spenden, sondern der Markt selber die positive Wirkung erzielt.»

«Machen, nicht jammern»

Daran glauben inzwischen auch etablierte Wirtschaftsvertreter. Der Privatinvestor und UBS-Verwaltungsrat Rainer Marc Frey hat mit einer Finanzspritze die Expansion von Socential ermöglicht. Er habe früher nachhaltige Firmen im Ausland unterstützt. «Ich freue mich, dass in dieser Richtung auch etwas in der Schweiz geht», sagt Frey.

Socential fördert soziales Unternehmertum, indem sie mit Partnern Sozialfirmen prüft und diese über eine Plattform an soziale Investoren vermittelt. Geschäftsführer Patrik Elsa stellt fest, dass sich die Finanzindustrie immer stärker für «soziale Kapitalmärkte» interessiert.Ein Vertreter der Finanzindustrie und fest verankert in der neuen Szene ist Falko Paetzold (28). Er ist Nachhaltigkeitsanalyst bei der Bank Vontobel. Wirtschaft, sagt er, habe er studiert, um die Sprache der Manager zu verstehen. Denn nur so könne wirklich etwas verändert werden. «Ich will machen, nicht jammern.» Paetzold veranstaltet in Zürich die «Green Drinks». Bankeninterne Apéros waren ihm zu langweilig. Er wollte den Kreis öffnen, schliesslich gebe es immer mehr Leute, die für Firmen arbeiten, die Gewinne und soziales Engagement unter einen Hut bringen. Inzwischen hat er mehr als 200 Adressen in seinem Mail-Verteiler. Rund 70 Personen nehmen regelmässig an den Apéros mit kurzen Inputs teil. Die Szene beschreibt Paetzold als dynamisch. Immer wieder, sagt er, treffe man auf neue Gesichter. «In Zürich geschieht im Moment einiges.»

One Young World in Zürich

Noch in diesem Jahr könnte es zu einem weiteren Wachstumsschub kommen. Der bekannte Werber Frank Bodin hat den internationalen Grossanlass One Young World nach Zürich geholt, der letztes Jahr erstmals in London stattfand. Vom Geist, der an dieser Veranstaltung mit 800 Teilnehmern geherrscht hatte, war er beeindruckt: «Ich dachte, diese Veranstaltung gehört eigentlich nach Zürich.» Hier werden junge Menschen von überall zusammenkommen. Bei der Auswahl der Leute, sagt Bodin, werde auf die bisherigen Leistungen geachtet. Zusammen diskutieren sie über die Brennpunkte dieser Welt. Der US-Nachrichtensender CNN nannte die Veranstaltung letztes Jahr das «WEF der Jungen». Und die alten Netzwerke, wo sich die Einflussreichen gerne treffen? Der Rotary Club hat nach eigenen Angaben Nachwuchsprobleme und kämpft wie der Kiwanis Club und der Lions Club mit der Überalterung.

Erstellt: 30.04.2011, 07:08 Uhr

Wo die Szene sich trifft

12. Mai 2011, 19.30 Uhr: «Food – what’s behind the label?» im Hub Zürich
www.hubzurich.org
31. Mai 2011, 19 Uhr: «Green Drinks» im Hub
7. Juni 2011: Sandbox im Hub,
www.sandbox-network.com
1.–4. September 2011: Internationale Konferenz One Young World,
Kongresshaus Zürich
www.oneyoungworld.com

Artikel zum Thema

Soziale Netzwerke verraten künftiges Käuferverhalten

Marktforscher und Werbetreibende werten auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken Kommentare aus, um künftige Nachfragen zu erkennen. Mehr...

Erfolgreiche Jungunternehmer mit Jöö-Faktor

Schulabgänger suchen oft lange nach einer Stelle. Nicht so Arthur Gassmann und David Kempf. Die beiden verfügen über eine Stelle und eine Firma. Mehr...

Jungunternehmer wirft sich für Betagte ins Zeug

Ein junger Herrliberger Akademiker gründet mit einem Freund ein Start-up-Unternehmen. Er will arbeitswillige Pensionierte an KMU weitervermitteln. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Mamablog Mama, bleib doch mal stehen!

Never Mind the Markets Polen und Ungarn sind keine Schwellenländer

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...