Kalt, unpünktlich, extrem motiviert

Als Marissa Mayer von Google zu Yahoo wechselte, schien sie ein Glücksfall für den kriselnden Internetkonzern. Heute überwiegt die Ernüchterung.

Sie war im fünften Monat schwanger, als sie bei Yahoo anfing. Zwei Wochen nach der Geburt war Marissa Mayer zurück im Büro.

Sie war im fünften Monat schwanger, als sie bei Yahoo anfing. Zwei Wochen nach der Geburt war Marissa Mayer zurück im Büro. Bild: Kristoffer Tripplaar (Alamy)

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Im Frühling 2012 fasst Marissa Mayer einen Entschluss: Sie will weg von Google, wo sie immer mehr an den Rand gedrängt wird. Und sie will sich noch einmal als hart arbeitende, kompromisslose Software-Ingenieurin beweisen. Als sie im Sommer das Angebot erhält, den Sanierungsfall Yahoo zu übernehmen, zögert sie darum nicht. Sie weiss zwar, dass sie gegen viele Skeptiker wird ankämpfen müssen, auch deswegen, weil die letzte Frau auf dem Chefsessel von Yahoo, Carol Bartz, unsanft abgesetzt worden ist. Das ist noch kein Jahr her. Deren Nachfolger stolperte über einen gefälschten akademischen Titel.

Doch Mayer ist sich ihrer Sache sicher. Es gibt nur ein kleines Problem: Sie ist im fünften Monat schwanger. Zwar gibt es Gerüchte, aber sie selbst hat sich dazu noch nie geäussert. Ihre Schwangerschaft scheint ihr zu unbedeutend – fast banal –, als sie mit ihrer Arbeit zu vermischen. Doch jetzt muss sie Klarheit schaffen. Das Anstellungsgespräch ist hervorragend verlaufen; ihre Detailkenntnisse des Konzerns haben die Investoren um den aggressiven Hedgefonds-Manager Daniel Loeb, die den Kurswechsel bei Yahoo vorantreiben, beeindruckt. Mayer wartet noch einen Tag – und wagt dann den Schritt: Sie bestätigt ihre Schwangerschaft.

Ein Nichtereignis. Zu Mayers totaler Verblüffung nimmt der Verwaltungsrat es achselzuckend zur Kenntnis. Ein Hinderungsgrund für die Wahl, wie sie insgeheim befürchtet hat, ist es auf jeden Fall nicht. Umso unerwarteter trifft sie die öffentliche Reaktion: Im Internet bricht ein Sturm der Entrüstung los. Schwanger und karrieregeil – das geht ­irgendwie nicht. Das Magazin «Forbes» fragt in typisch provokativer Manier: «Die schwangere Chefin – sollen wir Marissa Mayer hassen?»

Voller Widersprüche

Nicholas Carlson zeigt in der ersten umfassenden Biografie, wie die 39-jährige Managerin funktioniert, die sich selbst als scheu und zurückgezogen schildert. Und er kommt zum Schluss, dass sie praktisch keinem der Stereotypen entspricht, die für Unternehmer im Silicon Valley gelten: «Marissa Mayer fasziniert wegen ihrer Widersprüche. Auf der Bühne, vor Hunderten oder Tausenden, ist sie warmherzig, charmant und zu spassig. Aber in einem Raum mit einigen wenigen, ist sie kalt, unpersönlich und konfrontativ.»

Sie bezeichnet sich als spröden Geek, aber kleidet sich in teure Modelabels. Bei Google unterhielt sie eine persönliche PR-Gruppe innerhalb des Marketings. Bei Yahoo bestand einer ihrer ersten Entscheide darin, sich auf dem Titelblatt des Modemagazins «Vogue» in Szene zu setzen. Das hat System: Früh schon in ihrer Karriere hat sie die Wichtigkeit einer starken Marke erkannt. Bei Google war sie es, die den schlichten, sauberen Internetauftritt durchgesetzt hat und damit bis heute stilbildend wirkte.

Stress schlägt auf die Stimme

Mayers Rettungsplan für Yahoo geht von einfachen, aber korrekten Erkenntnissen aus: Erstens ist die Belegschaft demotiviert. Zweitens bedarf es zur Sanierung einen gemeinsamen Kraftakt der besten Angestellten. Sie selber will mit bestem Beispiel vorangehen. Sie arbeitet oft bis Mitternacht, gönnt sich vier Stunden Schlaf und ist morgens oft wieder die Erste im Büro. Doch der schnelle Erfolg bleibt aus. Google und Facebook sind agiler: Yahoo verliert weiterhin an Marktanteilen und schafft es nicht, sein verstaubtes Image abzulegen.

Mayer hat Glück: Obwohl Yahoo seit ihrem Start 2012 kein echtes Wachstum im Kerngeschäft erzielt, legt die Yahoo-Aktie im gleichen Zeitraum um 200 Prozent zu. Das täuscht über die Tatsache hinweg, dass der Turnaround bis heute auf sich warten lässt. Hinter dem Höhenflug der Aktie steckt die Beteiligung am chinesischen Internetkonzern Alibaba. Klammert man diese aus, zeigt sich, dass Yahoo an den Märkten als Unternehmen ohne eigene Substanz bewertet wird.

Das belastet Mayer; und der Stress ist zunehmend sichtbar. In ihren Auftritten wirkt sie angespannter als früher. Ihre Stimme ist permanent heiser, und ihr merkwürdiges Lachen erscheint noch verklemmter. Kurz: Mayer steht nach ­ihren ersten 30 Monaten unter einem enormen Erfolgsdruck. Neben unfassbar schlechten Personalentscheiden ist auch der Rückhalt bei den Mitarbeitenden völlig verschwunden. Mayer ist eine schwierige und schwer zu befriedigende Chefin und um einiges unberechenbarer und dunkler, als ihr korrektes Äusseres ahnen liesse.

«Gott, Familie und Yahoo»

Mayer wächst in Wisconsin auf, im Mittleren Westen, in einem ähnlichen Umfeld wie Google-Gründer Larry Page. Sie kommt aus dem soliden, eher betulichen Mittelstand im amerikanischen Heart­land. Was ihre durchaus ernsthafte Antwort erklärt auf die Frage, was ihr am wichtigsten sei im Leben: «Gott, Familie und Yahoo, in dieser Reihenfolge.»

Ihr Arbeitsethos grenzt ans Übermenschliche. Nach der Geburt ihres Sohnes nahm sie lediglich zwei Wochen Urlaub und erklärte vergnügt, Mutter zu sein, sei doch supereinfach. Der Proteststurm der Frauen ist ihr gewiss. Erst recht, als bekannt wird, dass sie ihr Büro zu einem privaten Wohnzimmer umbauen lässt und rund um die Uhr eine private Kinderschwester beschäftigt. Es brauchte einige Zeit, bis ihr dämmerte, dass sie mit ihrer Unbedarftheit der Sache der arbeitstätigen Mütter geschadet hat. Sie versucht es gutzumachen indem sie bei Yahoo acht Wochen bezahlten Elternurlaub einführt – für US-Verhältnisse eine grosszügige Praxis.

Kein Kommentar

Ihr Führungsstil bleibt indessen eine Quelle ständiger Irritation. Sie ist berüchtigt dafür, immer zu spät zu kommen und Sitzungen ohne Grund platzen zu lassen. Gefürchtet ist ihre kaltschnäuzige Art, Mitarbeiter abzukanzeln und gleichzeitig die Lorbeeren für die Ideen anderer zu beanspruchen. Sie gilt als Mikromanagerin, die stundenlang über neue Regeln für den Firmenparkplatz debattiert, während sie grosse strategische Entscheide wie jenen über die Alibaba-Beteiligung vor sich herschiebt.

Genau das ist Mayers grösstes Handicap: Ihre emotionale Kälte und ihre Dauerverspätungen entmutigen die Mitarbeiter. Zu diesem Schluss kommt Carlson auf Basis Dutzender von Mitarbeitergesprächen. Mayer selber lässt sich vom Biografen nicht befragen. Ihre Medienstelle verweigert jede Auskunft. Diese Praxis des Ignorierens ist inzwischen zum Standard bei Internetfirmen geworden. Im Fall Yahoo ist das besonders befremdlich, zumal die Chefin einen ganz anderen Stil pflegt, wenn es um die Inszenierung der eigene Person geht.

Andere Regeln als für Männer?

Ob Mayer der Turnaround gelingt, ist noch immer unklar. Nur mehren sich die Stimmen, wonach es wohl besser wäre, Yahoo aufzuspalten und das Kerngeschäft mit einem anderen Altkonzern wie AOL zu verschmelzen. Mayer machte bereits eine Konzession in dieser Richtung, als sie vor kurzem eine Holdinggesellschaft gründete, in der die Alibaba-Beteiligung und kleinere Geschäftssparten im Wert von 40 Milliarden Dollar untergebracht werden. Dies ist als Versuch zu werten, eine Rebellion der Grossaktionäre zu verhindern.

Mayer wäre nicht die Erste, die es trotz aller Unkenrufe doch noch schafft. Steve Jobs musste seinen Konzern verlassen, bevor er zurückkehren und ihn zum Erfolg bringen konnte. IBM und ­Microsoft brauchten zehn Jahre, bevor sie neu aufgestellt waren. Aber in allen Fällen waren selbstsichere, schwierige und rücksichtslose Männer an der Macht. Die Frage ist, ob eine Frau mit vergleichbaren Eigenschaften damit die gleichen Chancen auf Erfolg hat.

Nicholas Carlson: Marissa Mayer and the Fight to Save Yahoo!. Hodder & Stoughton 2015. 368 S., ca. 22 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2015, 23:28 Uhr

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