«Kein Wunder, steht die Schweiz im Ranking auf Platz eins»

Er ist der Vater der erfolgreichen Cloud-Sparte von Amazon. Wie Europäer im Wettbewerb bestehen können, erklärt Werner Vogels.

«Es gibt zum Glück keinen Algorithmus für Erfahrung»: Werner Vogels im Gespräch mit DLD-Präsident Yossi Vardi. Video: YouTube / DLDconference


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Werner Vogels ist häufiger Gast auf der Technologiekonferenz DLD, die stets im Januar in München stattfindet. Der sechzigjährige Niederländer verantwortet als CTO (Chief Technology Officer) im Top-Management von Amazon.com die Technikstrategie des Online-Warenhauses. So gilt Vogels als einer der Väter der erfolgreichen Cloud-Sparte von Amazon. Forschung und Entwicklung seien der Schlüssel zum Erfolg, sagt er.

Herr Vogels, Sie sind Technikchef von Amazon. Was machen Sie da genau?
Mein Job lautet, Innovationen im Auftrag unserer Kunden voranzutreiben. Bei Amazon existiert keine konzernweite IT-Abteilung. Entwicklungen finden dort statt, wo sie gebraucht werden. So sitzen die Manager der Abteilung Bücher, Schuhe oder Windeln mit den jeweiligen IT-Entwicklern zusammen und besprechen Neuerungen. Als ich 2005 anfing, ging es als CTO vor allem darum, die Technikstrategie von Amazon zu definieren. Inzwischen bin ich meist beim Kunden und schaue, wie unsere Produkte genutzt werden und welche Herausforderungen es gibt.

Was beschäftigt die Kunden derzeit?
Viele Unternehmen wollen den digitalen Wandel stemmen, ihnen fehlen aber die Fachkräfte dafür. Einige versuchen Prozesse, die sie früher ausgelagert haben, wieder selbst zu machen – auch dafür fehlt es an Talenten. Schliesslich kämpfen unsere Kunden mit der Flut an Daten und den Möglichkeiten, Informationen auszuwerten. Wieder ein Ort, an dem es an Personal mangelt. Wir versuchen, über Amazon Web Services, AWS, Cloud-Dienstleistungen in unseren Rechenzentren zu bündeln und als Paket anzubieten, um solche Probleme bei den Kunden zu lösen.

«Jeder Amazon-Mitarbeiter darf und soll Neues in seinem Bereich einbringen.»Werner Vogels

Wie wichtig ist der Fortschritt für den Geschäftserfolg von Amazon selbst?
Wenn wir aufhören, besser zu werden, sterben wir tausend Tode: Zunächst wird einer in diesem Feld mehr Erfolg haben, dann jemand in einem anderen. Mit der Zeit würde Amazon so an Bedeutung verlieren. Aber das ist der normale Lauf im Wirtschaftsleben. Deshalb müssen wir stets neue Ideen haben und unser Geschäft darauf ausrichten. Jeder Amazon-Mitarbeiter darf und soll Neues in seinem Bereich einbringen. Erst wenn wir einiges an Kapital investieren müssen, entscheidet auch das obere Management mit. Das geht manchmal schief, wie etwa mit dem Fire Phone, unserem Smartphone – manchmal nicht, wie bei AWS.

Sie gelten als einer der Väter des Amazon-Cloud-Dienstes AWS. Vor zwölf Jahren gab es diesen Service noch nicht, heute setzt Amazon jährlich 27 Milliarden Dollar damit um.
Amazon profitiert sehr von AWS – und umgekehrt. Das Handels- und das Cloud-Geschäft befruchten sich gegenseitig. Unsere stationären Amazon-Go-Läden etwa wären ohne die Technologiebasis von AWS nicht denkbar – Dienste, die wir jedem über die AWS-Cloud anbieten. Umgekehrt nutzen wir zum Beispiel den Empfehlungsalgorithmus aus dem Handelsgeschäft für unsere Cloud-Kunden.

Cloud-Services gibt es allerdings nicht mehr nur von Amazon: Google, Microsoft und unzählige regionale Dienstleister spielen mit. Was unterscheidet Ihr Angebot?
Es gibt zum Glück keinen Algorithmus für Erfahrung. Wir sind der Cloud-Pionier, haben unsere Preise inzwischen 69 Mal gesenkt und investieren weiter. Jahr für Jahr kommen weit mehr als tausend neue Funktionen und Dienste in der Cloud dazu. Unsere Kunden schätzen das. Aber der Markt ist gross genug, dass auch andere daran teilhaben: globale Spieler ebenso wie lokale oder solche, die sich auf Branchen spezialisieren.

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Was denken Sie? Wird AWS einmal grösser sein als das Handelsgeschäft von Amazon?
Vor einigen Jahren hätte ich über diese Frage noch gelächelt. Heute könnte ich mir gut vorstellen, dass das Cloud-Geschäft eines Tages grösser sein wird als der Handelsbereich. Doch einfach wird das nicht: Das Kerngeschäft von Amazon wächst Jahr für Jahr um mehr als 20%.

Wäre die Ausgliederung von AWS in ein eigenes Unternehmen denkbar?
Es gibt derzeit keine Pläne dafür.

«Sprache schafft Menschen Zugang zu Technologie, denen dies vorher verwehrt war.»Werner Vogels

Wo sehen Sie Wachstumsfelder von Amazon neben dem Cloud-Geschäft?
Lernende Maschinen und die Verarbeitung von natürlicher Sprache sind zwei spannende Bereiche. Die Fortschritte in beiden Gebieten erleben unsere Kunden bei unserer virtuellen Assistentin Alexa, die in den Echo-Lautsprechern und inzwischen vielen anderen Geräten verbaut ist, von der Mikrowelle bis zum Auto. Natürliche Sprache, die Alexa versteht, ist für uns Menschen die ideale Schnittstelle zum Computer. Tastatur und Maus oder Wischbewegungen auf einem Smartphone-Display dagegen sind Eingabemethoden, die uns die Maschinen diktieren. Sprache schafft Menschen Zugang zu Technologie, denen dies vorher verwehrt war.

Woran denken Sie?
Mit dem International Rice Research Institute IRRI etwa haben wir ein Projekt aufgesetzt. Das Institut entwickelt von den Philippinen aus widerstandsfähige Reissorten, die eine Dürre oder Fluten überstehen. Seit einiger Zeit betreibt es eine Datenbank über die AWS-Cloud. Nur hatten die Bauern auf dem Feld keine Computer, um Daten einzuholen. Deshalb nutzen wir nun Sprachdienste. Die Farmer starten die Abfragen mit ihrem Smartphone. Und über Machine Learning lernt die Datenbank, und gibt Empfehlungen ab, etwa für die Menge an Dünger. Solche Beispiele gibt es einige – bestimmt auch in Ihrem privaten Umfeld: Denken Sie an Senioren, denen der Umgang mit Technik mithilfe von Sprache leichter fällt.

Ist Alexa denn schon künstliche Intelligenz? Mich jedenfalls missversteht sie oft genug, wenn ich die Syntax nicht genau beachte.
Wir verwenden maschinelles Lernen bei Alexa, einen Teilbereich von künstlicher Intelligenz, genauso wie die Verarbeitung von natürlicher Sprache. Der Prozess ist komplexer, als es scheint: Zunächst muss die Spracheingabe erkannt werden, dann in Text gewandelt und der Befehl verstanden werden, daraufhin wird die entsprechende Aktion gestartet. Schliesslich wird der Text wieder in Sprache gewandelt und an den Nutzer übermittelt.

«Die Cloud hat die IT-Landschaft grundlegend verändert.»Werner Vogels

Viele haben Sorgen um den Datenschutz, fürchten, dass Alexa sie ausspioniert.
Alexa wacht nur auf das Aktivierungswort hin auf. Gespeichert wird bei uns, sicher verschlüsselt, und nur, was der Nutzer als Befehl sagt. Sonst nichts. Weder auf dem Gerät noch in der Cloud. Kundenvertrauen ist das wichtigste Kapital. Die Privatsphäre unserer Kunden zu schützen, ist unsere oberste Priorität, und das wird sich niemals ändern.

Auf der DLD-Konferenz sagte ein Sprecher: «Wenn Daten das neue Öl sind, wird China zur Opec.» Welche Chancen bleiben da westlichen Unternehmen noch?
Die Cloud hat die IT-Landschaft grundlegend verändert. IT ist kein Unterscheidungsmerkmal mehr, so wie vor einigen Jahrzehnten noch. Jeder hat durch die Cloud Zugriff auf Rechen- und Speicherressourcen, so viel und so lange, wie er möchte. Insofern gebe ich dem Kollegen recht: Richtig analysierte und genutzte Daten können für den Vorsprung im globalen Wettbewerb sorgen.

Aber gerade europäische Unternehmen tun sich international schwer.
Es gibt so viele Innovationen von europäischen Unternehmen. Sie müssen nur ihren Platz finden, an dem sie wirklich gut sind. SAP ist das klassische Beispiel eines europäischen Konzerns, der den globalen Durchbruch geschafft hat. Aber denken Sie an den Musikstreamingdienst Spotify oder den Telekommunikationsanbieter Skype – auch das sind Ideen aus Europa.

Skype gehört nun zu Microsoft. Haben die USA im IT-Sektor nicht immer die Nase vorn, schon wegen der Grösse des Marktes?
Das ist natürlich ein Standortvorteil. Ich verspüre in vielen Orten der Welt auch einen Hunger nach Unternehmertum, den ich in Europa häufig vermisse. Andererseits: Junge, amerikanische Gründer gehen davon aus, dass der Rest der Welt wie die USA tickt. Europäische Gründer wissen um die Vielfalt von Steuersystemen und Sprachen. Kein Wunder, steht die Schweiz im Global Innovation Index 2018 auf dem ersten Platz. Die Lust auf Innovation macht den Unterschied. Wissen Sie, welches Unternehmen am meisten in Forschung und Entwicklung investiert? Amazon – unser Budget ist doppelt so hoch wie das des Zweitplatzierten, Microsoft.

An der Börse lief es zuletzt auch gut für Amazon: Der Kurs hat sich seit 2017 verdoppelt. Was könnte den Lauf stoppen?
Warren Buffett sagte mal, dass die Börse auf kurze Sicht ihren Launen folgt. Auf lange Sicht haben wir gezeigt, dass sich unsere Innovationen für Investoren auszahlen. Diesen Kurs setzen wir fort. Wie Jeff Bezos schon 1997 im ersten Brief an unsere Aktionäre geschrieben hat: Wir denken bei Amazon langfristig. Und wir fokussieren uns auf die Kunden – nicht auf die Anleger.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 29.01.2019, 16:05 Uhr

Zur Person

Werner Vogels ist ein Amazon-Urgestein. Seit 2004 schon arbeitet er bei dem Online-Warenhaus, seit 2005 als CTO (Chief Technology Officer). Sein grösstes Verdienst war, das Fundament für den Cloud-Dienst Amazon Web Services (AWS) mit zu legen, der 2006 an den Start ging.

Der Sechzigjährige kommt aus den Niederlanden und gilt als renommierter Spezialist für verteilte IT-Systeme. Nach dem Militärdienst studierte Vogels zunächst Radiologie und arbeitete in einem Krebszentrum. 1985 nahm er ein Studium der Informatik in Den Haag auf.

Nach seinem Abschluss 1989 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, zunächst an der Universität in Porto, anschliessend an der Cornell University in Ithaca, New York. 2003 absolvierte er seinen Ph. D. in Informatik in Amsterdam. Foto: Reuters / Richard Brian

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