Keine Garantien von den USA

Vom US-Geschäft hat sich die neue Notenstein Bank scheinbar entschlackt. Doch wie riskant ist es, Wegelin-Mann Adrian Künzi an die Spitze des neuen Unternehmens zu setzen?

«Dazu will, kann und darf ich mich nicht äussern»: Adrian Künzi an der Pressekonferenz. (27. Januar 2012)

«Dazu will, kann und darf ich mich nicht äussern»: Adrian Künzi an der Pressekonferenz. (27. Januar 2012) Bild: AFP

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Die Raiffeisen-Gruppe kauft die Privatbank Wegelin, aber nicht ganz. Sie übernimmt die Bilanzpositionen, die meisten Mitarbeitenden, die Verträge, die Lizenzen, die Infrastruktur und – wenn diese mitmachen – einen Grossteil der Kunden. Sie übernimmt nicht die US-Kunden, deretwegen Wegelin ins Trudeln geraten ist. Dieses um den US-Mief entschlackte Institut wird in Notenstein Privatbank umgetauft. Gemäss Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist damit sichergestellt, dass sich die USA nicht länger für die neue Raiffeisen-Tochter interessieren: «Raiffeisen ist aufgrund der neuen Kundenstruktur überhaupt nicht exponiert.»

Nur: Teilen die USA diese Meinung? «Garantien gibt es in diesem Geschäft nicht», sagt Vincenz. Die Aufsichtsbehörde Finma sei zum Schluss gekommen, dass die Transaktion unproblematisch sei.

Unbefleckte Wegelin-Chefs

Unproblematisch? Immerhin steht mit Adrian Künzi einer von acht bisherigen Teilhabern von Wegelin an der Spitze der neuen Notenstein Privatbank. Und mit Magne Orgland wechselt ein weiterer Wegelin-Teilhaber zur neuen Bank. Künzi sieht darin kein Problem. Orgland sei bei Wegelin für das Asset Management – die Vermögensverwaltung – verantwortlich gewesen. Er selbst habe als jüngster Teilhaber vor allem das Geschäft in der Westschweiz aufgebaut. Beide hätten keine Berührungspunkte zum US-Geschäft gehabt.

Frage an Künzi anlässlich der Medienkonferenz gestern in Zürich: «Wo waren Sie 2008, als die Wegelin-Teilhaber beschlossen, von der UBS US-Kunden zu übernehmen?» Antwort: «Dazu will, kann und darf ich mich nicht äussern.» Frage: «Gehen Sie davon aus, dass Sie von den US-Behörden nicht zur Verantwortung gezogen werden?» Künzi: «Auf diese Frage möchte ich nicht antworten. Ich gehe aber davon aus, dass in den nächsten Monaten im Streit zwischen den USA und der Schweiz eine Einigung erzielt wird.»

Künzi und Vincenz betonen, dass man während des ganzen Prozesses mit den Behörden in Kontakt gestanden sei – auch mit US-Behörden. Mit welchen, vermochte Vincenz nicht zu sagen. Die Finma habe diese Kontakte gepflegt. Bei der Finma weiss man davon nichts.

Sprecher Tobias Lux bestätigt hingegen, dass man sich auch bei der Aufsicht die Frage gestellt habe, ob diese Lösung vor US-Zugriffen schütze. Man sei zum Schluss gekommen, dass die von den beteiligten Banken ergriffenen Massnahmen die aus dem US-Geschäft erwachsenden Risiken angemessen berücksichtigen würden. Zum einen treten nur Mitarbeitende zur Notenstein Privatbank über, die nicht oder nur unwesentlich mit dem US-Geschäft in Berührung kamen. Zum andern bleibt die Bank Wegelin mit sechs verantwortlichen Teilhabern erhalten. Sie können noch immer von den USA belangt werden. «Wegelin ist keine leere Hülle», so Lux.

Unklares Verkaufsmotiv

Im Dunkeln bleibt, weshalb sich die Teilhaber von Wegelin über Nacht zur Flucht nach vorne entschlossen haben. Vor gut zwei Wochen hat die Bank noch eine Medienmitteilung unter dem Titel «Keine Gefahr für Wegelin» verbreitet. Konrad Hummler, Mitbegründer und Sprachrohr der St. Galler Privatbank, gab sich am Telefon wortkarg wie sonst nie: «Ich beantworte keine Fragen.» Künzi führte an der Medienkonferenz aus, dass die hohe Kadenz der Presseartikel die Situation für Wegelin verändert habe. Zentral im Banking sei immer das Vertrauen. Dieses sei durch diese Artikel infrage gestellt worden. In einer solchen Situation sei es wichtig, rasch zu handeln. Ob die USA den Druck auf Wegelin verstärkt hätten, wollte Künzi genauso wenig beantworten wie weitere Fragen zum Motiv des plötzlichen Verkaufs.

Auch beim Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) gibt man sich wortkarg auf die Frage, was zum Ende der ältesten Privatbank der Schweiz geführt habe. Sprecher Mario Tuor gab nur zu Protokoll, dass die Angelegenheit zeige, wie dringend notwendig es sei, dass die Verhandlungen mit den USA zum Abschluss kommen. Laut Tuor hat die Schweiz mit den Vereinigten Staaten eine weitere Verhandlungsrunde terminiert. Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf geht davon aus, dass der Bankenstreit mit den USA noch im laufenden Jahr gelöst wird.

Die Übernahme von Wegelin durch Raiffeisen ging blitzschnell vonstatten. Gemäss Vincenz traten die Wegelin-Teilhaber letzte Woche an die Genossenschaftsbank heran. «Wir waren froh, dass wir in einer ähnlichen Situation schon gewisse Vorarbeiten geleistet hatten», sagte Vincenz in Anspielung auf die gescheiterte Übernahme von Sarasin. Im Fall Wegelin gab es keine weiteren Bieter. Über den Kaufpreis ist Stillschweigen vereinbart worden. Vincenz sagt nur: «Wir haben einen üblichen Marktpreis bezahlt.»

(Der Bund)

Erstellt: 28.01.2012, 07:06 Uhr

Raiffeisen schluckt Wegelin. (Video: Keystone )

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