Kleider aus saurer Milch

Die deutsche Unternehmerin Anke Domaske verwandelt überschüssige und verdorbene Milch in Stoff.

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Als die Mikrobiologin Anke Domaske 26 Jahre alt war, erkrankte ihr Stiefvater an Leukämie. «Er wusste nicht, was er anziehen soll, weil sein Immunsystem so geschwächt war und seine Haut auf alles empfindlich reagierte», sagt die Gründerin von Qmilk Deutschland GmbH in Hannover. Die meisten Stoffe enthalten Spuren von Chemikalien, die während der Herstellung verwendet wurden. Das beginnt schon beim Anbau der Pflanze für die späteren Stoffe. Die Baumwollindustrie verwendet nach Angaben des WWF 35 Prozent der weltweit eingesetzten Pflanzenschutzmittel.

Deshalb machten sich Anke Domaske und eine kleine Schar von Freunden auf den Weg zum nächsten Supermarkt und kauften für rund 200 Franken Milch und ein paar elementare Küchengeräte, darunter ein grosses Einmach-Thermometer. Sie begannen zu experimentieren, zunächst aufgrund einer Technik aus den 30er-Jahren, mit der Fasern aus dem Milcheiweiss Kasein hergestellt wurden.

«Wir testeten über 3000 Rezepte», sagt Anke Domaske. Es dauerte neun Monate, bis die Gruppe einen Stoff hatte, der sich im Wasser nicht auflöste. Sie erinnert sich gut an die vielen Kritiker. «Die sagten uns, wir sollten Chemikalien verwenden, dann hätten wir keine Probleme. Aber ich war stur und insistierte, dass es ausschliesslich mit natürlichen Mitteln funktionieren müsse.»

Zwei Liter Wasser für ein Kilo Stoff

Domaskes Herstellungsprozess wird nun patentiert, aber das Prinzip ist eigentlich simpel: Nimm Milch, lass sie sauer werden, trockne sie aus, bis sie zu einem Proteinpulver wird, wie es die Sportler brauchen, mische Wasser und ein paar andere natürliche Zutaten bei, extrudiere das Gemisch zu einer flauschigen, Baumwollknäuel-ähnlichen Substanz und verarbeite diese dann zu Fasern. Anke Domaske nimmt nur «Abfallmilch» und sagt, es brauche lediglich zwei Liter Wasser, um ein Kilogramm Stoff herzustellen, der sich für umgerechnet etwa 27 Franken verkauft.

Wegen der strikten Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften schütten deutsche Bauern jedes Jahr rund 2 Millionen Tonnen Milch weg – genug, um 770 Schwimmbecken mit olympischen Ausmassen zu füllen. Qmilk verwendet nur einen kleinen Teil davon, jährlich 1000 Tonnen, und zahlt etwa 4 Rappen je Liter. Mittlerweile arbeitet das Unternehmen eng mit etwa 20 Bauern in Deutschland zusammen, aber Anke Domaske will ausbauen.

«Ich finde das grossartig»

Einer der Bauern, die mit Qmilk zusammenspannen, ist Bernd Pils. Er hat einen Hof mit 120 Milchkühen etwa 160 Kilometer von Hannover entfernt. Er sagt, dass er keine Milch verkaufen darf, wenn seine Kühe säugen oder krank sind und Medikamente bekommen. Er kann sie jetzt aber an Qmilk verkaufen. «Ich finde das grossartig», sagt er, «denn es gibt immer einen Teil Milch, den wir nicht für den menschlichen Gebrauch verkaufen können.»

Anke Domaske legt keine detaillierten Geschäftsergebnisse vor, sagt aber, dass sie über 1000 Anfragen zur Qmilk-Faser bekam, als sie ihr Unternehmen 2011 mit zehn Angestellten und einem Startkapital von 6 Millionen Franken offiziell lancierte.

Heute produziert sie in zwei Schichten. Im Mittelpunkt steht die 11-Meter-hohe Extrusionsmaschine, die lange Fäden herstellt, nicht unähnlich einer Spaghettimaschine. Anke Domaske liebt es, ab und zu einen Faden in den Mund zu nehmen, um Besuchern zu zeigen, wie sicher das Material ist. Der fertige Stoff stösst Bakterien ab, ist seidenweich, biologisch abbaubar, tauglich für die Waschmaschine und hält im Sommer kühl und im Winter warm.

Seit mehreren Jahren verkauft Anke Domaske nun selbst entworfene Kleider und liefert Stoffbahnen an andere Modeschöpfer. Langfristig möchte sie auch an Autohersteller, Möbelfabrikanten und Spitäler verkaufen.

Das «weichste» Toilettenpapier

Das Produkt eines bestimmten Kunden von Qmilk wird man allerdings nie auf dem Laufsteg oder in einem Luxuswagen sehen. Es heisst Carezze di Latte und ist ein hochwertiges Toilettenpapier, das in Italien seit Dezember für etwa drei Franken je vier Rollen verkauft wird. Es wird von der italienischen Papierfirma Lucart hergestellt, die sich ihrer Umweltfreundlichkeit rühmt. «Die Suche nach Fasern aus Abfallstoffen ist der letzte Schrei», sagt Stefano Staffieri, der Marketingchef von Lucart.

Lucarts Forscher und Entwickler wollten das populäre WC-Papier weiter verbessern und stiessen dabei auf einen italienische Kleiderhersteller, der unter anderem Stoffe von Qmilk verwendet. Lucart entwickelte ein Verfahren, das es jetzt patentieren lässt, um dem Toilettenpapier eine gewisse Menge der milchhaltigen Faser beizumischen. «Wir haben nun das weichste Toilettenpapier, das man auf dem Markt finden kann», sagt Staffieri. «Es ist das einzige Produkt seiner Art, und die Konsumenten sind ganz wild darauf.»

Ein Arte-Beitrag über Qmilk. (Quelle: Youtube)

Sowohl Domaske wie Staffieri betonen, dass Milch nicht das einzige Lebensmittel ist, das man in Stoff verwandeln kann. Orangen- und Bananenfasern etwa werden ebenfalls auf ihre mögliche Tauglichkeit geprüft, um Nahrungsmittelabfälle zu vermindern.

Es ist auch nicht so, dass nur in Deutschland oder anderen Industriestaaten überschüssige Milch anfällt. Anke Domaske weist darauf hin, dass Indien grosse Probleme mit seinen Kühlsystemen hat und die Milch oft verdirbt. «Weltweit ist die Menge an Abfallmilch enorm.» Und wenn es nach ihrem Willen geht, werden Millionen Menschen eines Tages saure Milch tragen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2017, 15:27 Uhr

Initiantin:
Anke Domaske

Projekt:
QMilk, Deutschland

Website:
www.qmilk.eu

Autor:
Nick Spicer, «Sparknews»

Übersetzung:
Rosemarie Graffagnini

QMilk

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