Hintergrund

Kratzer im Ikea-Lack

Ikea gibt sich weltoffen, familienfreundlich und ökologisch. Alles nur Fassade, sagt ein Ex-Kader.

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Ikea: Man denkt an Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga – und das nicht nur in der gut dotierten Kinderabteilung. In seinem Buch «Die Wahrheit über Ikea» demontiert Johan Stenebo, von 1989 bis 2009 in diversen Top-Positionen angestellt, dieses Image.

Das beginnt bei Ingvar Kamprad, dem Gründer – laut Stenebo eine Person voller Paradoxe: witzig bis sarkastisch, geduldig und unermüdlich, rechenstark und genial in der Führung. Doch der freundliche, alte Patriarch halte wenig von Frauen im Kader, noch weniger von Ausländern – am liebsten fälle er strategische Entscheide mit Männern aus seinem Dorf. Gerne gestehe er persönliche Schwächen ein, die er gar nicht habe – Legasthenie, ein Alkoholproblem, Dummheit, ein mieses Englisch –, um Journalisten von delikaten Fragen zu Ikea abzubringen. Die angebliche Schwäche für die Nazis in den Fünfzigerjahren hatten zwei Bücher bereits früher thematisiert. Auch Stenebo erwähnt Kamprads Wurzeln: eine deutschstämmige, sehr autoritäre Familie mit einem eingefleischten Nazi als Vater.

Undurchsichtiges Firmennetz

Kamprads Ruf als Geizhals ist legendär. Der Milliardär und reichste Schweizer gönne sich privat wenig, Ferien seien ihm ein Graus, selbst sein Haus am Genfersee sei relativ bescheiden. Ein Manager, der unnötigerweise im Hotel übernachte, mache ihn zornig. Bezüglich der Einnahmen, die Kamprad aus dem Konzern zieht, bezichtigt Stenebo den Unternehmer der Lüge.

Das undurchdringliche Geflecht an Holdings, Stiftungen und Trusts, zum Teil in der Karibik, diene nur dazu, den Reichtum Kamprads zu verstecken und die Steuern für ihn und das Unternehmen zu optimieren. Aus Gründen, die nur Kamprad selber kenne, wolle er nicht einsehen, dass Steuern in die allgemeine Wohlfahrt münden. Auch wenn der Gründer das Gegenteil behaupte: Ikea sei eine Geldmaschine für ihn und seine Familie.

Optimierte Fertigungstechniken

Kamprads Vision, Möbel billiger und besser als andere herzustellen, ging nicht immer auf. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden riesige Waldareale in der Ukraine, Russland und Weissrussland gesichert und einige Sägewerke gebaut. Doch milde Winter mit viel Morast sorgten dafür, dass Ikea das Holz nicht aus den Wäldern brachte; man hatte keine Wege gebaut. So musste sich Ikea zu hohen Preisen auf dem freien Markt eindecken, die eigenen Kapazitäten blieben ungenutzt.

Bei den Lieferanten kann Ikea in der Regel jedoch dank der riesigen Volumen die Einkaufspreise fast beliebig drücken. Doch indem viele Textilien weltweit bei einem einzigen Hersteller beschafft werden, schafft man ein grosses Klumpenrisiko. Zudem spare Kamprad immer beim Lagerraum. «Artikel ist nicht lieferbar» ist bei Ikea deshalb noch heute oft zu hören. Kunden, die günstige Ware wollten, hätten das in Kauf zu nehmen, lautet das inoffizielle Mantra. Die Preise kann Ikea auch tief halten, weil die Fertigungstechnik stets perfektioniert und optimiert wird. Beim Couchtisch Lack etwa, einem Renner im Sortiment, habe man den Preis so um die Hälfte senken und den Gewinn beibehalten können.

Öko-Engagement gering

Zur Beruhigung des Gewissens finanziere Ikea diverse ökologische Projekte und unterstütze Organisationen wie den WWF oder Greenpeace. Doch an die grosse Glocke hänge man das nicht, sondern weise erst darauf hin, wenn man wieder mal unter Beschuss komme – für Daunen von lebend gerupften Tieren oder Holz aus illegalen Abholzungen. Um Ikea ökologisch zu positionieren, wurden Energiesparlampen schon mal zum Selbstkostenpreis verkauft. Gemessen an der Finanzkraft, sind die von Ikea für Ökologie und Wohltätigkeit aufgeworfenen Beträge laut Stenebo gering.

Im Nachwort schreibt der frühere Kadermann, was ihm in den 20 spannenden Jahren bei Ikea gefehlt hat: das ehrliche und kritische Gespräch über Ikea. Gerade weil Ikea nicht kotiert sei, habe der Konzern die moralische Pflicht, Transparenz herzustellen.

Anfang Oktober wurden erstmals in der Geschichte des Unternehmens Gewinnzahlen veröffentlicht: Bei 21,8 Milliarden Euro Umsatz resultierten 2,5 Milliarden Gewinn. Offiziell wird ein Zusammenhang zu Stenebos Buch dementiert.

Erstellt: 01.11.2010, 08:52 Uhr

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Das Buch

Die Wahrheit über Ikea. Johan Stenebo, Campus 2010, 285 Seiten.

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