Kritik an Lidl wegen Billigtextilien

Beim deutschen Discounter sind Textilien spottbillig. Konsumentenschützer kritisieren, das Personal vor Ort werde ausgebeutet. Lidl sieht das anders.

Zu billig: Konsumentenschützer kritisieren die Zulieferer von Lidl. Sie werden kaum kontrolliert.

Zu billig: Konsumentenschützer kritisieren die Zulieferer von Lidl. Sie werden kaum kontrolliert.

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Ob Baby-Bodys, Trekkingblusen oder Laufhosen – bei Lidl kostet kaum ein Bekleidungsstück mehr als 20 Franken. Wer da zugreift, soll kein schlechtes Gewissen haben: Lidl, heisst es auf der eigenen Website, leiste «einen grossen und wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern». Lidl kooperiere mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und sei davon überzeugt, dass sich dauerhafte Sozial-, Qualitäts- und Umweltstandards nur in einer offenen Zusammenarbeit entwickeln und umsetzen lassen.

Erschreckende Ergebnisse

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat den deutschen Discounter mit dem konfrontiert, was sich wirklich abspielt bei einigen Herstellern von Kleidern, die an einem mit der GTZ durchgeführten Pilotprojekt teilnehmen. Die Menschenrechtsorganisation ECCHR aus Berlin und das Netzwerk Clean Clothes Campaign hatten mehrere Lidl-Zulieferer in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesh, untersuchen lassen.

Die Ergebnisse sind erschreckend: Die Angestellten, überwiegend Frauen, klagen darüber, dass sie regelmässig Überstunden leisten müssen; oft werde diese Mehrarbeit kaum bis gar nicht bezahlt. Die Gehälter entsprächen zwar meist den lokalen Mindestlöhnen, also um die 30 Euro im Monat, dies reiche den Mitarbeitern zufolge aber oftmals nicht aus, um eine Familie zu ernähren. Auch würden Mitarbeiter immer wieder mit Lohnabzügen bestraft, wenn sie sich weigerten, Überstunden zu leisten. In den untersuchten Betrieben dürften sich die Arbeiter nicht gewerkschaftlich organisieren. Wer es versuche, werde entlassen, an den Pranger gestellt oder müsse Schlägertrupps fürchten.

Diskriminierung gehört zum Alltag

Diskriminierung gehöre zum Alltag: gegen Schwangere, Kranke, ganz allgemein gegen Frauen. In allen Firmen werde von sexuellen Belästigungen berichtet; Mädchen würden zum Teil gezwungen, sexuelle Beziehungen mit den Vorgesetzten einzugehen.

Die Verbraucherzentrale Hamburg wirft Lidl vor, seine Kundinnen und Kunden zu täuschen. Die Werbung des Unternehmens sei irreführend und damit unlauter. Denn der Discounter suggeriere darin, bestimmte Sozialstandards bei der Produktion von Nonfoodartikeln einzuhalten. In Wahrheit aber würden diese Massstäbe, wie die Untersuchung in Bangladesh belege, keineswegs beachtet.

Lidl entgegnet, das Unternehmen sei sich «der Verantwortung bei der Herstellung seiner Waren bewusst» und lehne «Kinderarbeit oder Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in den Produktionsstätten ab». Seit 2006 habe Lidl bei 7500 Untersuchungen die Arbeitsbedingungen der Zulieferer überprüft. Dazu kämen im Auftrag von Lidl 28 000 Untersuchungen durch externe Prüfinstitute, die sich speziell der Kinder- und Zwangsarbeit widmeten. Doch im Detail muss Lidl einräumen, dass einige seiner Zulieferer nicht oder nicht immer die hohen Standards erreichen, um die sich der Konzern bemüht.

Beleidigt und misshandelt

Auf Anfrage äussert sich Lidl zu mehreren Firmen aus Bangladesh, deren Arbeitsweise in der erwähnten Studie kritisiert wurde. So erklärt Lidl zur Firma C. in Dhaka (der Name ist der Redaktion bekannt, wird aber zum Schutz der Näherinnen nicht genannt), ein Importeur habe Lidl Anfang 2009 diesen Hersteller vorgeschlagen. Lidl habe daraufhin das unabhängige Prüfinstitut SGS Fresenius damit beauftragt, die Arbeitsumstände bei C. zu untersuchen. Die Kontrolle am 17. Mai 2009 habe «notwendige Verbesserungsmassnahmen in den Bereichen Entlöhnung und Arbeitssicherheit deutlich» gemacht. Am 22. Juli 2009 habe es die nächste, unangekündigte Kontrolle gegeben; alle Verbesserungen seien umgesetzt worden.

Drei Monate später aber berichtete ein Arbeiter der Fabrik C. für die Studie der Lidl-Kritiker, er habe allein in den zwei Wochen vom 6. bis 19. Oktober 43 Überstunden geleistet. Andere Mitarbeiter erzählten, dass Überstunden aus Angst vor Bestrafung grundsätzlich nicht abgelehnt würden. Wer sich weigere, müsse mit Beleidigungen und Misshandlungen rechnen. Vor allem Frauen würden bedroht; der Druck sei besonders massiv, wenn Liefertermine näherrückten. In der Studie heisst es, nach fünf Uhr nachmittags, nach Ende des achtstündigen Arbeitstags, dürfe niemand das Firmengelände ohne Zustimmung des Managements verlassen. Lidl erklärt, man habe die Firma C. im März 2010 unangekündigt überprüft und die in der Studie erwähnten Sachverhalte untersucht. In der Tat seien die von der Firma im Juli 2009 zugesagten Verbesserungen «bedauerlicherweise» nicht eingetreten. C. habe nun drei Monate Zeit bis zur nächsten Kontrolle.

Nur punktuelle Überprüfung der Zulieferer

Die Antworten des Discounters offenbaren, dass Lidl seine Zulieferer nur sehr punktuell überprüft und die «Audits» nicht mehr als einen Tag dauern. Fraglich ist, wer dabei Missstände offenlegen soll: Die Arbeiter müssen mit Strafen oder Entlassung rechnen, wenn sie sich beschweren, erst recht gegenüber Aussenstehenden. Schon die Verfasser der kritischen Studie mussten beharrlich um das Vertrauen der Angestellten werben, bis diese bereit waren, über ihren Arbeitsalltag zu berichten. Lidl betont, die Kontrollen führten durchaus dazu, dass unzuverlässige Zulieferer aussortiert würden. In einer Firma habe man bei insgesamt drei Kontrollen zwischen Ende 2007 und Ende 2008 keine deutliche Verbesserung festgestellt und deshalb den Produzenten «für eine weitere Geschäftsbeziehung zukünftig ausgeschlossen».

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat Lidl dazu aufgefordert, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben: Der Handelskonzern soll nicht mehr damit werben dürfen, seine Produkte seien sozialverträglich hergestellt worden. Lidl bestreitet einen Wettbewerbsverstoss. Die Sache soll nun gerichtlich geklärt werden. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat letzte Woche beim Landgericht Heilbronn eine Zivilklage eingereicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2010, 23:11 Uhr

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