Kritik an Migros-Deal mit Öl-Multi aus Aserbeidschan

Der orange Riese erweitert sein Migrolino-Netz um 55 Filialen. Dazu geht man mit dem kaukasischen Tankstellenbetreiber Socar eine Zusammenarbeit ein.

Steht bei Menschenrechtlern wegen der Zusammenarbeit mit dem aserbeidschanischen Öl-Multi Socar unter verstärkter Beobachtung: Die Migros-Tochter Migrolino.

Steht bei Menschenrechtlern wegen der Zusammenarbeit mit dem aserbeidschanischen Öl-Multi Socar unter verstärkter Beobachtung: Die Migros-Tochter Migrolino. Bild: Keystone

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Im letzten Herbst meldete der staatliche Öl- und Gaskonzern Socar aus Aserbeidschan die Übernahme des Tankstellennetzes der Esso Schweiz. 170 Filialen wechselten den Besitzer. Nun haben die Migros-Tochter Migrolino und Socar einen Franchise-Vertrag unterzeichnet. Demnach bleiben die Tankstellen-Shops zwar im Besitz von Socar. Sie werden aber unter der Marke Migrolino durch die Filialorganisation der Socar betrieben. Das Franchiseabkommen betreffe ausschliesslich das Convenience-Geschäft und tangiere das Treibstoffgeschäft von Migrol nicht, schreibt die Migros.

Die Ankündigung von Migros löste bei Menschenrechtlern kritische Stimmen aus. «Soeben stand Aserbeidschan massiv in der Kritik, mit dem Eurovision Song Contest seine schlechte Menschenrechtsbilanz aufzupolieren. Nun verkündet die Migros eine Kooperation mit der regimenahen Ölfirma Socar», sagt Urs Rybi von der Erklärung von Bern auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Und er fragt: «Tut sich hier der führende Detailhändler mit dem führenden Selbstbedienungsladen der aserbeidschanischen Elite zusammen?»

Auch Montreux Jazz Festival in der Kritik

Kritisiert wird von Menschenrechtlern, dass Socar eng mit dem Clan des aserbeidschanischen Präsidenten Ilham Alijew verbandelt ist. Immer wieder würden bei der Erschliessung von Ölfeldern Menschenrechte nicht eingehalten, sprich Menschen entschädigungslos zwangsumgesiedelt.

Kritik bekam auch das Montreux Jazz Festival zu hören, als im letzten April bekannt wurde, dass Socar als Hauptsponsor einsteigt. «Wir erachten es als kritisch, dass ein so renommiertes Jazzfestival nicht darauf achtet, ob seine Sponsoren in Menschenrechtsverletzungen verwickelt sind», zitierte der «Sonntag» damals Amnesty-International-Sprecherin Stella Jegher aus einem Brief an die Musikfestival-Verantwortlichen. Laut dem Blatt hatte damals auch die Migros einen Brief von Jegher erhalten, nachdem der «Blick» bereits im März über eine mögliche Zusammenarbeit von Socar und Migros berichtete.

Migros weist Verantwortung für Shops von sich

Migros scheint sich der Brisanz ihrer Zusammenarbeit mit Socar bewusst: «Die Migros verurteilt jegliche Art von Menschenrechtsverletzungen. Das haben wir auch gegenüber Socar klar geäussert», schreibt Migros-Sprecher Urs Peter Naef auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Allerdings verweist er auf die Verantwortung des aserbeidschanischen Tankstellenbetreibers: «Die betroffenen Tankstellenshops werden von den bisherigen Betreibern (der Firma ROC, Anm. der Redaktion) geführt. Auch die Shopangestellten sind weiterhin von ROC angestellt.» Es bestünde kein Vertragsverhältnis der Angestellten mit Migrolino.

Die ersten Socar-Tankstellen mit einem Migrolino-Shop würden voraussichtlich im Oktober ihren Betrieb aufnehmen, teilte die Migros am Dienstag weiter mit. Das Migrolino-Standortnetz wächst damit auf insgesamt 230 Shops. In ähnlicher Grössenordnung befindet sich Coop mit dem Ladenkonzept Pronto. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.06.2012, 17:41 Uhr

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