Kunden von Ticketcorner ärgern sich über neue Gebühren

Ob Konzert, Theater oder Eishockeymatch – Marktleader Ticketcorner verdient mit. Selbst wer die Tickets im Internet ordert und zu Hause ausdruckt, liefert Gebühren ab.

Anstehen, Warten und Gebühren zahlen: Kunden stehen Schlange vor dem Ticket Corner im Zürcher Hauptbahnhof.

Anstehen, Warten und Gebühren zahlen: Kunden stehen Schlange vor dem Ticket Corner im Zürcher Hauptbahnhof. Bild: Keystone

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Da lag Ringiers Boulevardblatt tüchtig daneben. Im Februar 2010 wurde die Übernahme des grössten Schweizer Ticketanbieters, Ticketcorner, bekannt gegeben. Den Kaufpreis von 65 Millionen Franken teilten sich die deutsche CTS Eventim und das Schweizer Verlagshaus Ringier. Der «Blick» verkündete damals in grossen Lettern: «Fans von grossen Events dürfen sich freuen: Bald läuft alles moderner!»

Moderner ja, aber keineswegs nur zur Freude der Fans von grossen Events. Im September zum Beispiel ärgerten sich die Anhänger der Kloten Flyers grün und blau über Ticketcorner. «Print@home» – die Möglichkeit, Eintrittskarten übers Internet zu bestellen und zu Hause auszudrucken – funktionierte tagelang nicht, wie der «Zürcher Unterländer» berichtete.

Kosten entstehen nicht zu Hause

Verschnupft sind aber nicht nur die Eishockeyfans. Anderen Kunden von Ticketcorner stösst auf, dass der Kartenanbieter laufend neue Gebühren ausheckt. Schon Anfang Jahr führte Ticketcorner eine Gebühr auf Internetbezügen ein. Diese ist zwar mit 80 Rappen bis 3.50 Franken eher gering, löst aber besonders heftigen Ärger aus. «Da drucke ich auf dem eigenen Drucker auf eigenem Papier ein Ticket aus und muss dafür noch eine Gebühr bezahlen. Das ist wirklich dreist!», empört sich ein Leser des «Tages-Anzeigers».

Andreas Angehrn, Chef von Ticketcorner, räumt ein: «Wenn der Kunde zu Hause ein Billett ausdruckt, entstehen für Ticketcorner direkt keine Kosten.» Indirekt aber schon – durch die Bereitstellung des Systems und die Programmierung. Zusätzliche Kosten entstehen am Ort der Veranstaltung. Denn wer ein Ticket übers Internet bestellt, kann dieses einmal, aber auch 10- oder 30-mal ausdrucken und damit seinen Freundeskreis illegal bedienen. Es liegt in der Verantwortung von Ticketcorner, einen solchen Missbrauch zu verhindern.

Selber drucken kostet

Mehrfach gedruckte oder kopierte Tickets lassen sich nach Angehrn unmöglich visuell kontrollieren. Deshalb brauche es vor Ort elektronische Lesegeräte. Nach Angehrn werden die Zutrittsdaten in Echtzeit an diese Geräte am Veranstaltungseingang übermittelt. Diese technische Infrastruktur muss installiert und vor Ort durch professionelles Personal von Ticketcorner betreut werden. «Ohne diesen Aufwand wäre das für den Konsumenten bequeme und günstige Onlinebooking nicht möglich», sagt Angehrn. Man erhebe die Gebühren nach dem Verursacherprinzip. Die Verursacher sind in diesem Fall jene, die ihre Karten online kaufen und zu Hause ausdrucken.

Wer also bei Ticketcorner über das Internet mit Kreditkarte oder Postcard bezahlt und sein Ticket selbst ausdruckt, begleicht bei einem Auftragswert bis 44.95 Franken zusätzlich eine Gebühr von 80 Rappen. Liegt der Auftragswert über den 44.95 Franken, kostet die Bearbeitungsgebühr pauschal 3.50 Franken. Hauptkonkurrent Starticket bietet diesen «Print@home-Service» nach wie vor gratis an.

Teuer wirds bei Verkaufsstellen

Spürbar höher sind die Gebühren seit Mitte Jahr für jene, die ihre Karten bei einer der rund 1400 Vorverkaufsstellen beziehen. Bei Ticketcorner variieren sie je nach Auftragswert zwischen 1.50 und 12 Franken – pro Auftrag. Die Gebühren von Starticket liegen hier mit 1 bis 5 Franken nur scheinbar tiefer, da sie nicht pro Auftrag, sondern pro Ticket erhoben werden.

Auch diese Gebühren lösen bei der Kundschaft Ärger aus, verteuern sie doch die Eintrittspreise für die Veranstaltungen merklich. Mit dieser Gebühr zahle der Kunde den Service an den Vorverkaufsstellen, sagt Ticketcorner-Chef Angehrn – die Beratung, aber auch die für die Aushändigung der Karten nötige Infrastruktur.

Angehrn begründet die neue Gebühr aber auch mit dem Rückgang der Ticketverkäufe an den Vorverkaufsstellen. Immer mehr Leute beziehen ihre Karten über das Internet – nicht nur, aber auch, weil das der billigste Kanal ist. Weil nach Angehrn gleichzeitig die Kosten an den Verkaufspunkten gestiegen seien, habe Ticketcorner die Vertriebskonditionen gegenüber den nationalen Verkaufspartnern verbessern müssen. «Nur so kann Ticketcorner gewährleisten, dass den Kunden weiterhin über 1400 Verkaufspunkte in der ganzen Schweiz erhalten bleiben», sagt Angehrn.

Schweigen bei Post und SBB

Die SBB sind mit rund 200 Verkaufspunkten der zweitwichtigste Vertriebspartner von Ticketcorner. Konzernsprecher Reto Kormann sagt mit Blick auf die Mitte Jahr neu eingeführten Bearbeitungsspesen: «Die Gebühr fliesst vollumfänglich an Ticketcorner.» Man habe aber «parallel dazu vertragliche Anpassungen in Bezug auf die Kommissionierung» vorgenommen. Mehr will Kormann nicht dazu sagen. Man habe Stillschweigen vereinbart. Auch bei der Post, die in rund 1000 Poststellen Karten von Ticketcorner veräussert, hüllt man sich über die Margen und Vertragskonditionen in Schweigen.

Ticketcorner verkauft rund die Hälfte aller Karten über den Internetkanal, gut 40 Prozent über die Verkaufsstellen und 5 Prozent über Callcenter. Ticketcorner ist seit 2010 eine 100-Prozent-Tochter von Eventim CH. Diese gehört zu je 50 Prozent dem Verlagshaus Ringier und der Münchner CTS Eventim, der grössten Anbieterin von Tickets in Europa. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2011, 14:07 Uhr

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