Liefern Sie Namen, Herr Wehrli

Laut dem Präsidenten von Economiesuisse wollen nach der Annahme der Abzockerinitiative mehrere Konzerne die Schweiz verlassen. Beweise nennt er keine.

Geschlossene Rollläden, geschlossene Firmen: Dieses Horrorszenario weckt die Economiesuisse.

Geschlossene Rollläden, geschlossene Firmen: Dieses Horrorszenario weckt die Economiesuisse. Bild: Reuters

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Die Economiesuisse-Spitze reiht Fehlleistung an Fehlleistung. Am Anfang standen mehrere Pannen im Kampf gegen die Abzockerinitiative. Trotzdem wollte Verbandspräsident Rudolf Wehrli nichts von begangenen Fehlern wissen: «Wir haben nichts falsch gemacht», sagte er der «SonntagsZeitung» und löste weit herum Kopfschütteln aus.

Nach der historischen Niederlage vom vergangenen Wochenende folgte bereits das nächste Missgeschick. In einem Interview mit dem SRF-Politmagazin «Rundschau» sagte Wehrli, mehrere Grosskonzerne stünden vor dem Wegzug aus der Schweiz. Er wisse persönlich von Firmen, die entsprechende Szenarien ausgearbeitet hätten und über Optionen für neue Standorte verfügten. Die Frage, um welche Unternehmen es sich denn handle, wollte Wehrli allerdings nicht beantworten.

Schlechter Verlierer

Zurück bleibt der Eindruck eines schlechten Verlierers, der die Öffentlichkeit erneut verärgert. Zumal sich in den vergangenen Wochen mehrere Grosskonzerne gegenteilig geäussert hatten, als sie auf die möglichen Folgen der Abzockerinitiative angesprochen worden waren. «Wir wollen in der Schweiz bleiben», sagte etwa Nestlé-Chef Paul Bulcke.

Und Roche-Präsident Franz Humer erklärte: «Sie können das Zuhause nicht einfach so verlegen.» An die Adresse all jener, die in der Vergangenheit von einem potenziellen Wegzug gesprochen hatten, sagte er: «Diese Drohungen, wir ziehen dann alle nach Timbuktu, kann ich nicht nachvollziehen.» Das war zwar weniger ein Seitenhieb gegen den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse als vielmehr gegen seinen langjährigen Antipoden Daniel Vasella. Dennoch sind Humers Worte bemerkenswert.

Kein Kinderspiel

Ex-Novartis-Präsident Vasella seinerseits hat zwar immer wieder unverhohlen mit dem Wegzug gedroht. Will der Pharmakonzern seinen Ruf in der Schweiz nicht vollends ruinieren, wird er diesen Schritt in nächster Zeit aber kaum machen. Auch die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse haben wenig Gründe, ihren Sitz zu verlegen. Europäische Länder kommen als Hauptsitzstandort zumindest kaum infrage, arbeitet die EU doch gerade an einer Deckelung der Banker-Boni. Zudem ist eine Sitzverlegung nicht eben ein Kinderspiel: Immerhin ist dafür eine Zweidrittelmehrheit der Aktionäre an der Generalversammlung nötig.

Selbst bürgerliche Politiker glauben nicht daran, dass nach Annahme der Minder-Initiative Unternehmen die Schweiz reihenweise verlassen. Der Zuger SVP-Regierungsrat Heinz Tännler bezeichnet die Drohungen als blosse Behauptungen der Gegnerschaft. Sein Parteikollege Ernst Landolt, Regierungsrat im Kanton Schaffhausen, rechnet ebenso wenig damit, dass Firmen wegziehen.

Standortvorteil tiefe Steuern

Wen also könnte Rudolf Wehrli gemeint haben? Etwa die Ölgiganten Transocean und Weatherford, die 2008 ihren Hauptsitz in die Schweiz verlegt haben? Denkbar wäre es, dass solche Firmen weiterziehen, Kapital ist schliesslich beweglich. Allerdings sind die beiden Firmen vor allem wegen der tiefen Steuern hier. Dass ein scharfes Aktienrecht diesen Vorteil vollends zunichte macht, ist zu bezweifeln.

Die Aussagen des Economiesuisse-Präsidenten werden noch aus einem weiteren Grund relativiert. Sein «eigenes» Unternehmen Clariant findet, dass die Abzockerinitiative keine negativen Folgen zeitigt. «Wir haben analysiert, wie sich die Initiative in der Praxis für uns auswirkt, wenn sie Gesetz wird. Wir sind zum Schluss gekommen, dass uns die Vorlage nicht schadet», sagte Konzernchef Hariolf Kottmann unlängst dem TA. Wehrli ist seit einem Jahr Verwaltungsratspräsident des Chemiekonzerns.

Unglaubwürdig

Im Zusammenhang mit Clariant zeigt sich auch, dass Wehrli zwar Wasser predigt, aber Wein trinkt. So erklärte er im Januar an seiner ersten Medienkonferenz als Economiesuisse-Präsident, dass ihm exorbitante Managerlöhne missfielen. Die Masslosigkeit der letzten Jahre schade dem ganzen System und setze den sozialen Zusammenhalt aufs Spiel. Gleichzeitig hat er – zusammen mit seinen Kollegen im Clariant-Verwaltungsrat – Konzernchef Kottmann einen Lohn von 7,4 Millionen Franken bewilligt. Zwar sind für Wehrli erst Löhne im zweistelligen Millionenbereich der Öffentlichkeit nicht mehr erklärbar. Dennoch ist es schwer nachzuvollziehen, wieso sich der Clariant-Chef mit seinem Lohn in ähnlichen Sphären bewegt wie sein Pendant bei Nestlé. Immerhin ist der Nahrungsmittelkonzern um ein Mehrfaches grösser und komplexer.

Wehrli hat bei Clariant schlicht jenes gesunde Mass überschritten, das er andernorts bei Kollegen in der Wirtschaft anmahnt. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

Erstellt: 08.03.2013, 06:48 Uhr

Rudolf Wehrli, Präsident des Wirtschaftsverbands Economiesuisse. (Bild: Keystone )

Ähnliche Managerlöhne wie bei Nestlé: Das Chemieunternehmen Clariant, dessen VR-Präsident Wehrli ist.

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