Löhne 2019: Wem wie viel im Portemonnaie bleibt

Die Bilanz für die Lohnrunde fällt besser aus als noch im Herbst angenommen. In welchen Branchen die Zuwächse am stärksten sind.

Beschäftigte in der Pharmaindustrie kommen auch in diesem Jahr in den Genuss einer überdurchschnittlichen Lohnsteigerung (unser Bild stammt aus einem Labor der Firma Polyphor in Allschwil BL). Bild: Christian Beutler/Keystone

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Entgegen ersten Tendenzen hat die jüngste Lohnrunde den meisten Beschäftigten doch noch zu einer leichten Stärkung ihrer Kaufkraft verholfen. Wie das auf Lohnerhebungen spezialisierte Portal Lohntendenzen.ch in seiner dritten Umfrage ermittelt hat, sind die Einkommen der Arbeitnehmenden im Mittel um 1,2 Prozent erhöht worden. In der ersten, im letzten August durchgeführten Umfrage hatte sich eine durchschnittliche Lohnsteigerung von 0,9 Prozent abgezeichnet.

Bei einer mittleren Teuerungsrate von 0,9 Prozent im Gesamtjahr 2018 ergibt sich für den Durchschnittsbeschäftigten somit ein reales Lohnplus von 0,3 Prozent. Angesichts des letztjährigen Schweizer Wirtschaftswachstums von real 2,5 Prozent mutet dieses Ergebnis nicht eben grandios an. Anderseits kühlte sich die heimische Konjunktur im zweiten Halbjahr 2018 markant ab, und die Ökonomen des Bundes haben jüngst ihre Wachstumsprognose für 2019 angesichts der schwächelnden Weltwirtschaft von 1,5 auf 1,1 Prozent zurückgenommen.

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An der Umfrage von Lohntendenzen.ch haben 311 Unternehmen weit überwiegend aus der Deutschschweiz mit insgesamt gegen 600'000 Beschäftigten teilgenommen. Bei 80 Prozent der Angaben handelt es sich um definitive Lohnabschlüsse.

«Arbeitgeber sind etwas schuldig»

Die Arbeitgeber sind mit der jüngsten Lohnrunde und ihrem Plus von 1,2 Prozent zufrieden. «In Anbetracht des rückläufigen Produktivitätswachstums der letzten Jahre und des Nachholbedarfs bei den Investitionen nach dem Frankenschock ist dieses Lohnwachstum keine Selbstverständlichkeit», sagt Simon Wey, stellvertretender Leiter des Ressorts Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Es habe sich gezeigt, dass die Arbeitgeber bereit seien, substanzielle Lohnerhöhungen zu sprechen, sofern es die wirtschaftlichen Gegebenheiten zulassen. Nach wie vor gebe es aber Branchen, so Wey, «bei denen die wirtschaftliche Situation keine grossen Lohnsprünge zulässt».

«Angesichts der guten Wirtschaftslage hätten die Firmen die Löhne stärker erhöhen sollen.»Daniel Lampart, Chefökonom SGB

Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, lässt hingegen seine Enttäuschung über den Ausgang der Lohnverhandlungen deutlich anklingen: «Angesichts der guten Wirtschaftslage hätten die Firmen die Löhne stärker erhöhen sollen. Sie sind den Arbeitnehmenden in der nächsten Lohnrunde noch etwas schuldig.» Das gelte namentlich für die langjährigen Mitarbeitenden, die in den schwierigen Jahren viel geleistet hätten, ohne dass ihre Löhne gestiegen seien. Als Pluspunkt vermerkt Lampart – neben der Reallohnsteigerung –, dass «es wieder vermehrt generelle Lohnerhöhungen gab».

Tatsächlich ist der Anteil jener Unternehmen, die höheren Löhnen für sämtliche Mitarbeitenden zustimmten, merklich gestiegen, wie aus den Erhebungen von Lohntendenzen.ch hervorgeht. Immerhin 37 Prozent der befragten Arbeitgeber haben in der jüngsten Umfrage die Bereitschaft zu generellen Einkommensverbesserungen erkennen lassen – 8 Prozentpunkte mehr als noch im letzten August. Nachdem schon im Vorjahr ein ähnlich hoher Anteil festzustellen war, ist nun zum zweiten Mal in Folge die langjährige Durchschnittsquote von 30 Prozent generellen Lohnanhebungen deutlich überschritten worden.

Teuerungsausgleich ist wieder ein Thema

Andreas Kühn, Geschäftsführer von Lohntendenzen.ch, streicht denn heraus, dass «von einem stetigen Rückgang genereller Lohnerhöhungen keine Rede sein kann». Richtig ist aber auch: Vor der Finanzkrise von 2008/09 waren rund zwei Drittel der Arbeitnehmenden in den Genuss genereller Einkommenssteigerungen gekommen. Daniel Lampart hatte deshalb bereits im vergangenen Herbst eine «Wende» hin zu Lohnerhöhungen für alle Beschäftigten verlangt.

«Damit einher geht der Vormarsch individueller Lohnerhöhungen.»Andreas Kühn, Geschäftsführer Lohntendenzen.ch

Das Jahrzehnt seit der Finanzkrise war hierzulande allerdings geprägt von minimalen bis negativen Inflationsraten, sodass die gewerkschaftliche Forderung nach einem Teuerungsausgleich für alle an Überzeugungskraft verlor. Damit einher gehe, so Kühn, «der Vormarsch individueller Lohnerhöhungen». Laut seinen Erhebungen ist der Anteil der Firmen, welche die Einkommen individuell anpassen, seit 2007 von knapp 70 auf über 90 Prozent geklettert.

Am weitesten verbreitet sind generelle Lohnanhebungen in der öffentlichen Verwaltung: Der entsprechende Anteil unter den befragten «Unternehmen» liegt bei 61 Prozent. Auch in der metallverarbeitenden Industrie (55 Prozent), im Bereich Uhren, optische und elektronische Erzeugnisse (54 Prozent) sowie im Baugewerbe (50 Prozent) hat mindestens die Hälfte der befragten Firmen für 2019 allen Mitarbeitenden eine Lohnerhöhung zugesprochen. Im Finanz- und Versicherungssektor sowie in der Informationstechnologie war dies nur bei 20 respektive 15 Prozent der Unternehmen der Fall.

Bleibt noch die Frage, in welchen Wirtschaftszweigen die grössten und geringsten Lohnzuwächse zu verzeichnen sind. Spitzenreiter sind und bleiben die Informationstechnologie und Dienstleistungen für Unternehmen, wo die Bezüge in diesem Jahr im Mittel um je 1,7 Prozent erhöht worden sind. Traditionell auf den vorderen Plätzen rangiert auch die Pharmaindustrie (+1,4 Prozent) – was im Fall der öffentlichen Verwaltung (+1,4 Prozent) schon eher überraschend ist. Während sich die Lohnerhöhungen bei den Finanzdienstleistern mit 1,2 Prozent im landesweiten Durchschnitt bewegen und der Gross- und Detailhandel, die Chemieindustrie und das Baugewerbe knapp an diesen Mittelwert herankommen, müssen sich die Beschäftigten im Gesundheitswesen (+0,8 Prozent) mit einer spürbar geringeren Steigerung zufriedengeben.

Erstellt: 18.03.2019, 16:50 Uhr

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