«Lohnsenkungen waren nur ein Bestandteil»

Länger arbeiten und weniger Lohn – dafür den Job behalten. Möbelfabrikant Michael Girsberger rührt an einem Tabu. Was hinter seinen Gedanken steckt.

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Herr Girsberger, Sie haben angesichts des starken Frankens öffentlich temporäre Lohnsenkungen gefordert. Wie waren die Reaktionen?
Michael Girsberger: Überrascht war ich über die Anzahl, nicht so sehr über den Inhalt. Reaktionen, die direkt an mich gelangten, waren positiv. Bei jenen, die im Internet Medienberichte kommentieren, sieht es anders aus.

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Würden Sie für den Erhalt ihres Jobs eine Lohnsenkung in Kauf nehmen?




Die einen haben sich wohl aus der Optik des Arbeitgebers geäussert, die anderen eher als Arbeitnehmer.
Lohnsenkungen waren aber gar nicht das Thema meines Gastkommentars in der NZZ. Geschrieben habe ich diesen, weil Politiker und Medien die zunehmend problematische Situation der mittelständischen Fertigungsindustrie bis vor kurzem viel zu positiv dargestellt haben. Ich habe Lösungen skizziert, wie man verhindern könnte, dass noch mehr Arbeitsplätze verloren gehen, weil sie ins Ausland verlegt werden. Temporäre Lohnsenkungen waren nur ein Bestandteil meiner Vorschläge.

Es ist unbestritten die kontroverseste Forderung.
Deshalb plädiere ich zuerst für eine Erhöhung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn. Auch diese führt zu einer Senkung der Kostensätze, was heute entscheidend ist. Diese Massnahme sollte im Gegensatz zu Lohnsenkungen nicht nur temporär eingeführt werden.

Was sagen Ihre Mitarbeitenden dazu?
Für breite Unruhe haben die Zeitungsberichte nicht gesorgt. Aber ich wurde darauf angesprochen.

Mir als Arbeitnehmer würde es wahrscheinlich die Stimmung vermiesen, wenn mein Chef mir so etwas mitteilen würde. Verstehen Sie das?
Voll und ganz. Mehr arbeiten bei gleichem Lohn kommt verständlicherweise nicht gut an. Wenn man zusätzlich über temporäre Lohnsenkungen spricht, muss man sich auch bewusst sein, dass fünf Prozent weniger Lohn jemanden mit kleinerem Einkommen und einer Familie viel härter trifft als eine alleinstehende Person mit hohem Einkommen. Das ist demotivierend.

Eigentlich müsste man darum wenn schon höhere Einkommen stärker kürzen als tiefe. Grundsätzlich ja. Allerdings muss bei den oberen Führungskräften der Stellenwettbewerb berücksichtigt werden. Je anspruchsvoller der Verantwortungsbereich ist, desto schwieriger sind sie zu finden.

Bestünde das Risiko, Ihre Manager zu verlieren?
Ich denke schon. Denn unsere Firma zahlt insbesondere bei den höheren Führungskräften vernünftige, aber keineswegs überdurchschnittliche Löhne. Also dürften sie nicht zu stark gesenkt werden. Sonst wird die Lücke zum Markt plötzlich zu gross, und man riskiert, Führungskräfte zu verlieren, auf die man nicht verzichten kann. Beim Lohn für eine anspruchsvolle Führungsposition gehts also vor allem um die Wettbewerbssituation. Bei einem kleineren Lohn gehts darum, ob Betroffene weiterhin ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Oben schadet sich die Firma, und unten sind Lohnsenkungen unsozial. Sie sind also gar nicht praktikabel.
Grundsätzlich richtig. Denn auch wenn sie nur temporär sind, gefährden sie die Motivation der Mitarbeitenden und schwächen deren Kaufkraft.

Warum bringen Sie dann eine solche Massnahme überhaupt ins Spiel?
Es geht um die Frage des kleineren Übels. Verlieren Mitarbeitende ihre Stelle und bleiben dann arbeitslos, ist ihre finanzielle Situation wesentlich schlimmer. Aber auch dem Staat entgehen Einnahmen, und er muss mehr Arbeitslose unterstützen. Zudem bin ich überzeugt, dass eine temporäre Lohnsenkung heute zwar schmerzhaft, aber verkraftbar wäre: Öffentliche Verkehrsmittel, Mieten und Krankenkassenbeiträge sind zwar unverändert teuer, aber Konsumgüter wurden bedeutend günstiger. Mit demselben Salär kann man sich heute mehr leisten als noch vor zehn Monaten.

Kommt für Ihre Firma ein solcher Schritt also wirklich infrage?
Ich kann nicht etwas öffentlich vorschlagen, wenn es für die eigene Firma ausgeschlossen wäre. Ich mache mir zwangsläufig solche Gedanken. Konkret aufgegleist ist aber noch nichts in dieser Art.

Falls es so weit käme, würden Sie Ihre eigenen Bezüge ebenfalls reduzieren?
Als wir 2011 die 44,5-Stunden-Woche bei gleichem Lohn einführten, akzeptierten alle oberen Führungskräfte gleichzeitig eine Lohnkürzung von fünf Prozent. Seither ist auch mein gekürzter Lohn unverändert geblieben. Und ich füge nochmals hinzu, dass unsere Managerlöhne schon vor der Kürzung durchaus massvoll waren. Das gilt auch für mein Einkommen. Anderweitige Vergütungen für das Management wie Leistungszulagen, Sonderspesen oder teure Geschäftswagen gibt es bei uns nicht.

Wie kam das 2011 an, als Sie Ihre Mitarbeitenden informierten?
Das war nicht einfach. Ich setzte mir zum Ziel, dass alle Mitarbeitenden dem Schritt zustimmen. Ich war etwas nervös und unsicher, ob das gelingt – vor allem, weil die Wirtschaftssituation und der Franken-Euro-Kurs damals noch günstiger waren.

Gelang es?
Zum Glück ja.

Ohne Gruppendruck?
Theoretisch ist alles möglich. Gruppendruck kann in beide Richtungen entstehen. Ich glaube, sagen zu dürfen, dass es bei uns ohne Druck über die Bühne ging. Jedenfalls rechne ich es den Mitarbeitenden sehr hoch an, dass sie damals ausnahmslos Ja sagten und dass sie bis heute mitmachen.

Die 44,5-Stunden-Woche gilt also weiterhin?
Ja. Allerdings – und das wissen die Mitarbeitenden – müssen wir sie jedes Jahr bei der Paritätischen Berufskommission neu beantragen. Die Kommission, in der die Gewerkschaften und die Arbeitgeber vertreten sind, muss zustimmen. Gegenüber der Gewerkschaft gewähren wir uneingeschränkt Einblick in unsere Geschäftszahlen.

Der Arbeitgeberverband rät davon ab. Er traut Gewerkschaften nicht über den Weg. Teilen Sie dessen Bedenken nicht?
Absolut nicht. Ich habe bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Wir wurden nicht ein einziges Mal in irgendeiner Art von den bernischen Gewerkschaftsvertretern enttäuscht. Das heisst nicht, dass die Diskussionen jeweils einfach verlaufen.

Stehen Sie mit dieser Meinung nicht allein auf weiter Flur da unter den Arbeitgebern?
Vielleicht schon. Umso mehr hoffe ich, dass beide Seiten – Arbeitgeber und Gewerkschaften – umdenken, um eine transparente und verstärkt unternehmerisch agierende Sozialpartnerschaft zu etablieren. Die einstigen Gegenspieler müssen zu Verbündeten werden.

Die Gewerkschaften sträuben sich dennoch kategorisch gegen Lohnsenkungen.
Es ist verständlich, dass sie nicht generell zustimmen können. Firmenbezogen sollten sie aber in Anbetracht der aktuellen Probleme zumindest gesprächsbereit sein.

Wie können sich Mitarbeitende sicher sein, dass ihr Verzicht notwendig und sinnvoll ist?
Sie müssen regelmässig über den Geschäftsverlauf informiert werden. Die oberen Führungskräfte müssen vorangehen und ebenfalls Federn lassen. Die Zugeständnisse müssen an die Geschäftsergebnisse geknüpft werden. Bessert sich die Ertragslage oder zieht die Teuerung an, müssen Lohnreduktionen zurückgenommen werden. Als letzter, wichtiger Punkt: Für die transparente und ehrliche Handhabung braucht es die Unterstützung und die Kontrolle der zuständigen Gewerkschaft.

Lässt sich die Abwanderung von Jobs überhaupt abwenden?
Leider nur zum Teil. Bei zu grossen Kostenunterschieden in der Fertigung sind Verlagerungen unausweichlich. Sonst gehen die preisliche Wettbewerbsfähigkeit und die Rentabilität verloren. Umso mehr geht es darum, die Abwanderung zu begrenzen.

Wie viel zu teuer ist eigentlich die Schweizer Produktion gegenüber den Nachbarländern?
Das hängt sehr vom Land, vom Produkt und von den Konkurrenten ab. Einige unserer Komponenten sind 20 Prozent teurer als in Deutschland, andere über 50?Prozent.

Statt auszulagern oder für weniger Lohn zu arbeiten, könnte man noch stärker auf industrielle Automation setzen. Viele sehen darin ein Rezept gegen die Deindustrialisierung.
Es gibt Prozesse, die sich nicht weiter vereinfachen lassen oder zu selten anfallen. Dann ist der Einsatz eines Bearbeitungscenters oder eines Roboters unwirtschaftlich. Manche Arbeitsprozesse sind auch zu anspruchsvoll. Das gilt zum Beispiel für die Innenverkleidung eines teuren Autos mit Lederapplikationen und aufwendigen Näharbeiten.

Kommt es wirklich so düster, wie die Gewerkschaft Unia warnt? Sie befürchtet den Verlust von 30'000 Arbeitsplätzen.
Ich will es nicht dramatisieren. Nur mehren sich derzeit die Meldungen über den Abbau von Arbeitsplätzen. Wenn mittelständische Betriebe Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, findet dies oft gar nicht den Weg in die Medien. In der Summe gehen im Moment mehr Stellen verloren, als man vor zwei Monaten noch angenommen hat. Davon bin ich überzeugt.

Ist das überhaupt so schlimm? Bisher wurden die Stellen stets durch neue ersetzt.
Die Schweiz wird tatsächlich immer stärker zum Ort, wo entwickelt und gesteuert wird. Sie wird zur Innovations- und Steuerungsdrehscheibe. Das ist positiv und schafft neue Stellen für hoch qualifizierte Arbeitskräfte, die bekanntlich auch im Ausland rekrutiert werden müssen. Doch wo arbeiten dann künftig jene Leute, die gerne und gut in einem Produktionsbetrieb arbeiten? Deshalb darf es nicht zur Deindustrialisierung der Schweiz kommen.

Warum beschäftigt Sie das? Sie müssen doch in erster Linie schauen, dass Ihr Unternehmen rentiert?
Obwohl die überwiegende Mehrheit der Bürger gerne mehr Ferientage hätte, wurde die sechste Ferienwoche 2012 an der Urne abgelehnt. Mit diesem Beispiel will ich sagen: Egal, ob als beruflich Selbstständiger, Arbeitnehmer, Gewerkschafter oder Arbeitgeber, wir tragen alle auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Das Problem ist doch der starke Schweizer Franken. Hätten Sie lieber den Euro?
Ich persönlich schon. Ich würde es sehr begrüssen, wenn die Schweiz in der EU wäre – nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus ideologischen Gründen. Aber die Realität sieht anders aus. Ich hoffe, dass zumindest unsere bilateralen Abkommen mit der EU unter allen Umständen erhalten bleiben.

Ihre Firma verlagerte in diesem Jahr schon zehn Arbeitsstellen von Bützberg im Oberaargau zur Girsberger GmbH in Deutschland. Was haben diese Mitarbeitenden gemacht?
Sie arbeiteten in der Polsterei. In Deutschland werden dieselben Arbeiten wesentlich günstiger ausgeführt. Aus demselben Grund hat es leider Ende Oktober zwei weitere Mitarbeitende aus der Abteilung Metallbau getroffen. Auf Dauer lässt sich eine unrentable Abteilung nicht verkraften.

Was bleibt schweiztauglich?
Was hier produziert wird, muss einzigartig gut und preislich erschwinglich sein. Dasselbe gilt auch für die Fertigungsmethoden: Nur wenn sie äusserst raffiniert und maximal optimiert sind, entstehen daraus international gefragte Produkte, die preislich mithalten können.

Bei Girsberger gibt es nebst industrieller Produktion noch Handarbeit. Wie passt das dazu?
Corporate Branding und Corporate Architecture werden vor allem bei global tätigen Institutionen und Grosskonzernen zunehmend wichtig. Wir bieten kundenspezifische Lösungen an. Dank unserer Fertigungstiefe und Flexibilität können wir auf Wünsche eingehen, ohne dass der Kunde dann allzu lange warten muss, bis die Möbel bei ihm fertig montiert sind. Das ist zentral bei uns, und das führt dazu, dass wir einen relativ hohen Anteil an manueller Arbeit haben, die auch noch hier in der Schweiz ausgeführt wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.11.2015, 11:46 Uhr

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Michael Girsberger im Gespräch

Wer mit Michael Girsberger spricht, lernt einen höflichen, zurückhaltenden Mittfünfziger kennen, keinen knallharten Manager. Girsberger liegt das Wohlergehen des Familienunternehmens, das er in vierter Generation führt, ebenso am Herzen wie die Zufriedenheit der Mitarbeitenden.

Spürbar wird dieses Commitment beim kurzen Streifzug durch die Entwicklungsabteilung im oberaargauischen Bützberg. Dort lebt Girsberger auf. Er ist in jeder Hinsicht ein Fabrikant aus Leidenschaft. Er fachsimpelt mit Angestellten und erläutert dem Gast, worauf es bei einem heutigen Bürostuhl ankommt. Unter Preisdruck produziert – was heute im Ausland geschieht –, muss er dennoch höchsten Ansprüchen genügen: Einer zierlichen Frau soll er ebenso Sitzkomfort bieten wie einem Zweimetermann.

Am Hauptsitz der Girsberger Holding AG wird aber nicht nur entwickelt, es werden auch Spezialanfertigungen zum Beispiel für Empfangsbereiche hergestellt und Möbel restauriert. Um diese im Inland produzierende, mittelständische Fertigungsindustrie sorgt sich Girsberger angesichts der anhaltenden Frankenstärke. Kürzlich wagte er sich mit unpopulären Vorschlägen an die Öffentlichkeit – und erntete so viel Echo, dass es ihm fast zu viel wurde. Doch die Diskussion seiner Forderungen, die Opfer vom Chef bis zum Angestellten verlangen, ist ihm ein Anliegen. Denn für den in Basel und im Oberaargau lebenden Industriellen ist der schleichende Verlust von Schweizer Arbeitsplätzen mehr als eine unternehmerische Herausforderung. Er sieht darin auch ein gesellschaftliches Problem. Aus seinem Plädoyer ist eine gewisse Kritik an der rigorosen Renditeorientierung anderer Unternehmen herauszuhören.

Die Girsberger Holding AG – das Unternehmen feierte letztes Jahr seinen 125. Geburtstag – umfasst acht Tochterfirmen im In- und Ausland. Eine davon ist die Girsberger AG in Bützberg mit 150 Angestellten, die einen Umsatz von 36 Millionen Franken erwirtschaften. Zur Gesamtzahl der Mitarbeitenden und zum Umsatz der Gruppe macht Girsberger keine Angaben.

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