Lonza und das schwere Erbe von Blocher und Ebner

Das Lonza-Werk in Visp, wo 400 Stellen abgebaut werden, kämpft mit hohen Energiekosten. Das ist auch die Folge eines Entscheids aus dem Jahr 2001, als Christoph Blocher und Martin Ebner die Geschicke von Lonza lenkten.

Maximierer des Shareholder-Value: Christoph Blocher und Martin Ebner im Mai 1999 an der Generalversammlung der damaligen Alusuisse Lonza Group (Algroup).

Maximierer des Shareholder-Value: Christoph Blocher und Martin Ebner im Mai 1999 an der Generalversammlung der damaligen Alusuisse Lonza Group (Algroup). Bild: Keystone

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«Es ist immer dasselbe», klagt der Gewerkschafter und SP-Politiker German Eyer nach der Bekanntgabe der Hiobsbotschaft, dass im Lonza-Werk in Visp VS in den nächsten zwei Jahren 400 der rund 2750 Stellen abgebaut werden sollen. «Jede Restrukturierung wird mit den hohen Energiekosten begründet», sagt Eyer im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Lonza würde heute besser fahren, wenn sie ihre Energiesparte, die Lonza Energie AG, nicht verkauft hätte.

Bis vor einem Jahrzehnt war die Lonza in Visp in Sachen Strom autonom und produzierte ihren eigenen Bedarf selbst. Seither muss die Lonza den Strom zu einem deutlich höheren Preis einkaufen, wofür sie jedes Jahr rund 50 Millionen Franken aufwenden muss. Gemäss Angaben des Lonza-Konzerns ist der Strompreis im Wallis etwa 30 Prozent höher als bei der Konkurrenz in Deutschland oder Frankreich. Nur der anhaltend starke Franken fällt für Lonza noch schwerer ins Gewicht als die Energie.

German Eyer, der als Unia-Sektionssekretär mit dem Lonza-Dossier vertraut ist, erinnert an das «folgenschwere Gastspiel von Blocher und Ebner», wenn er über die hohen Energiekosten spricht, mit denen das Walliser Werk dauernd zu kämpfen hat.

Blocher und Ebner zerlegen die Algroup und machen grosse Kasse

Es war im Mai 2001, als der Lonza-Konzern beschloss, seine Energiesparte mit eigenen Elektrizitätswerken an das deutsche Unternehmen Energie Baden-Württemberg zu verkaufen. Hinter dem Verkauf standen vor allem Christoph Blocher, Chef der EMS Chemie und SVP-Nationalrat, sowie Martin Ebner, Chef der BZ Bank und Prediger der Shareholder-Value-Ideologie. Als Grossaktionäre und Verwaltungsräte hatten Blocher und Ebner damals die Geschicke von Lonza gelenkt. Bereits zwei Jahre zuvor hatte das Duo Blocher/Ebner die Ausgliederung der Lonza-Divisionen Chemie und Energie von der Alusuisse Lonza Group AG (Algroup) in die Selbstständigkeit vorangetrieben. Schliesslich wurde die Alusuisse an den kanadischen Konzern Alcan verkauft – mit herben Stellenverlusten in den damaligen Alusuisse-Fabriken im Wallis.

Mit ihren Deals sollen Blocher und Ebner gemäss Medienberichten über eine Milliarde Franken verdient haben. Was Blocher nicht gelang, ist der Zusammenschluss von Lonza mit der EMS-Dottikon AG, einem ebenfalls in der Feinchemie tätigen Unternehmen, das von Blocher-Sohn Markus geleitet wird. Nach Wirren um die Jahrtausendwende und dem Rückzug von Blocher und Ebner verlegte die Lonza-Gruppe ihren Sitz von Zürich nach Basel.

Regierungsrat Cina: «Heute zahlen wir den Preis dafür»

Mit dem Verkauf ihrer Energie AG hatte die Lonza zwar einen Erlös von über 480 Millionen Franken. Das Werk in Visp verlor allerdings den wichtigen Standortvorteil einer eigenen und kostengünstigen Stromversorgung. Diese Ansicht vertreten nicht nur Gewerkschaften, Lonza-Angestellte und linke Politiker. Diese Meinung äussern auch bürgerliche Vertreter des Walliser Staatsrats. «Unter der Ägide Ebner und Blocher ist ein für die Produktion der Lonza wichtiges Glied verkauft worden», sagte Volkswirtschaftsdirektor Jean-Michel Cina (CVP) gemäss Medienberichten. «Heute zahlen wir den Preis dafür.» Selbst Stefan Borgas, Vorgänger des heutigen Lonza-Konzernchefs Richard Ridinger, hatte den Verkauf der Energiesparte als Fehler kritisiert.

Blocher hat stets bestritten, dass der Verkauf der Lonza Energie AG falsch gewesen sei. Nach dem Verkauf habe die Lonza einen sehr vorteilhaften Energieliefervertrag abgeschlossen, sagte der Alt-Bundesrat und heutige Nationalrat vor einem Jahr in einem Interview mit dem «Walliser Boten». «Ich verfolgte mit den Kraftwerken der Ems Chemie die gleiche Strategie. Was für Ems nicht falsch war, war auch für die Lonza nicht falsch.»

Gewerkschaften lancieren Idee eines Gaskraftwerks

Nach dem gestern angekündigten Abbau von 400 Stellen in Visp erhält eine Idee der Gewerkschaften neuen Auftrieb. Diese sind der Ansicht, dass mit dem Bau eines Gaskraftwerks die Energiekosten von Lonza um 15 Millionen Franken gesenkt werden könnten. Damit könne der Standort Visp massiv gestärkt werden. Gemäss den ersten Vorschlägen der Gewerkschaften müssten die Walliser Elektrizitätsgesellschaft sowie der Kanton Wallis die Finanzierung des Gaskraftwerks übernehmen.

Die Walliser Volkswirtschaftsdirektion hat inzwischen eine Taskforce gebildet, die sich für den Erhalt von möglichst vielen Arbeitsplätzen in Visp einsetzen soll. Der Handlungsspielraum der Regierung ist jedoch begrenzt, wie Volkswirtschaftsdirektor Cina erklärte. Lonza profitiere bereits von sogenannten Energierabatten. Und es sei noch zu früh, weitere Unterstützung in Aussicht zu stellen, «vor allem weil die Lonza erst noch beweisen muss, dass sie langfristig auf den Standort Visp setzt». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2012, 14:58 Uhr

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