Macht Apple alte iPhones künstlich langsam?

Der Verdacht ist brisant. Apple soll seine alten Smartphones immer dann verlangsamen, wenn neue Modelle auf den Markt kommen.

Sicher ist bei Apple eines: Kommt ein neues iPhone auf den Markt, stehen die Kunden Schlange. Foto: Lam Yik Fei (Getty Images)

Sicher ist bei Apple eines: Kommt ein neues iPhone auf den Markt, stehen die Kunden Schlange. Foto: Lam Yik Fei (Getty Images)

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Rund um Apple und das iPhone ranken sich viele Vermutungen und Verschwörungstheorien. Besonders im zeitlichen Umfeld der Einführung neuer Geräte und Produkte haben diese Geschichten jeweils Hochkonjunktur. Ein solcher Termin steht im Herbst bevor, mit der Einführung des neuen Betriebssystems iOS 8 und der erwarteten Vorstellung ­eines neuen iPhone-Modells.

Das Timing des Beitrags in der «New York Times» am letzten Wochenende war entsprechend ideal. Harvard-Professor Sendhil Mullainathan hat dort in seiner Kolumne einen oft gehörten Verdacht aufgegriffen: Immer wenn ein neues iPhone auf den Markt komme, habe er das Gefühl, sein altes Gerät werde langsamer. Eine seiner Doktorandinnen verstand seine Äusserung offenbar als Arbeitsauftrag und begann zu prüfen, ob da mehr dran ist.

Sie ging davon aus, dass sich iPhone-Besitzer, die sich über das Tempo ihre Gerätes nerven, im Internet nach Unterstützung suchen. Dabei fand sie Erstaunliches heraus. Kurz nachdem jeweils ein neues iPhone auf den Markt gekommen ist, häufen sich bei Google Suchabfragen mit «iPhone slow», also langsam. Professor Mullainathan ist mit seinem Empfinden demnach nicht allein, so die Einschätzung.

Kein eindeutiges Muster

Um zu prüfen, ob dieses Phänomen nur beim Smartphone von Apple auftritt, stellte sie dieselbe Untersuchung beim Konkurrenzprodukt von Samsung an. Sie verknüpfte die Anzahl der Google-Abfragen «Samsung Galaxy slow» mit den Erscheinungsterminen der neuen Modelle. Und siehe da: Es gab kein eindeutiges Muster. Wichtig bei diesen Betrachtungen: Apple liefert beim iPhone gleich auch das Betriebssystem. Die Samsung-Geräte arbeiten hingegen mit An­droid-Software, die von Google kommt.

Mit anderen Worten: Apple könnte mittels Software-Updates die alten Geräte mit der Zeit immer stärker ausbremsen. Bis der iPhone-Fan frustriert ein neues Modell kauft. Der Fachbegriff für solches Verhalten eines Herstellers nennt sich «geplante Obsoleszenz». Der Hersteller bestimmt den Lebenszyklus des Produktes, indem er absichtlich Schwachstellen einbaut. Solche Fälle sind belegt. Das berühmteste und am meisten zitierte Beispiel sind die Glühbirnen, bei denen vor über 100 Jahren ein Kartell eine ungefähre Lebensdauer absprach.

Ob die iPhone-Besitzer nur das Gefühl haben, ihr Gerät sei langsamer geworden, oder ob es tatsächlich so ist, kann die Auswertung von Doktorandin Laura Trucco jedoch weder belegen noch beweisen, was auch Mullainathan selbst einräumt. Seine Doktorandin kann nur aufzeigen, dass sich viele Goog­le-Nutzer offenbar mit dieser Frage beschäftigen, wenn ein neues iPhone in den Handel kommt. Dennoch wurde die Auswertung der Google-Abfragen in den letzten Tagen in diversen Internet- und Zeitungsbeiträgen aufgegriffen. Sie wurde als Versuch gewertet, Apple die künstliche Alterung seiner Produkte mittels Software-Update vorzuwerfen. Gleichzeitig provozierte der Beitrag von Mulla­inathan auch Beweisführungen in die Gegenrichtung. Das Branchenma­gazin «Macwelt» verwies beispielsweise auf eigene Leistungstests, die gezeigt hätten, dass die Einbussen beim Tempo nach einem Update minimal seien und einzelne Anwendungen auf den alten Geräten mit einem aufdatierten Betriebssystem sogar schneller liefen als vorher.

Keine Stellungnahme von Apple

Apple hält sich bei solchen Diskussion jeweils raus und wollte auch in diesem Fall auf Anfrage keine Stellung zum Thema nehmen. Und bei den grossen Schweizer iPhone-Verkäufern Data Quest, Digitec und Swisscom stellt man rund um die Einführungstermine neuer iPhone-Modelle keine Anfragen fest, in denen sich Kunden kritisch zur Geschwindigkeit äussern würden.

Peter Jacob von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) geht nicht davon aus, dass Apple Geräte und Software mit Absicht so konzipiert, dass sie langsamer werden. Das Phänomen bei den Google-Abfragen rund um das Erscheinungsdatum neuer iPhones erklärt er mit dem Renommee, das Apple habe: «Die Ausschläge bei den Suchabfragen kommen wegen des Kultstatus von Apple zustande und weil iPhone-Fans immer das neuste Gerät haben wollen», sagt der Leiter der Abteilung Ausfall- und Zuverlässigkeitsanalysen. «Die zusätzlichen Google-Abfragen könnten sich mitunter ergeben, weil die Apple-Fans Rechtfertigungsgründe suchen, vor sich selbst oder den Familienangehörigen, weshalb sie schon wieder ein neues iPhone kaufen müssen», sagt Jacob. Zum Umstand, dass bei der Konkurrenz das Phänomen nicht auftritt, meint er: «Wenn Samsung ein neues Handy ankündigt, campieren ja auch keine Leute vor den Läden. Das schafft bisher nur Apple.» Trotzdem beurteilt er die Position, die Apple am Markt hat, und die Qualität, die das Unternehmen liefert, kritisch: «Für die Konsumenten ist diese Ausgangslage schlecht. Apple kann es sich aufgrund seines Kultstatus sogar leisten, mit den Geräten technisch nicht immer auf dem neusten Stand zu sein.»

Neues Gerät via Versicherung?

Ein anderes Phänomen rund um die Einführung neuer iPhones scheint allmählich abzuklingen. In der Vergangenheit gab es Meldungen, dass Diebstahl- und Schadensmeldungen bei Versicherungen zunähmen, sobald ein neues iPhone auf dem Markt sei. Die Vermutung dahinter: Die iPhone-Besitzer wollten auf diesem Weg ihr altes Gerät entsorgen und sich von der Versicherung das neuste Modell erschleichen. Die Situation scheint sich jedoch verändert zu haben. Weder Allianz, Axa Winterthur oder Baloise stellen solche Muster noch in ausgeprägter Form fest. «In den letzten Jahren hat sich das Phänomen iPhone möglicherweise ein wenig erschöpft», meint man bei der Baloise. Ob dies anhält, wird sich bald feststellen lassen. Spätestens wenn das nächste iPhone auf den Markt kommt.

Erstellt: 30.07.2014, 23:34 Uhr

Sendhil Mullainathan


Harvard-Professor

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