Mais für den Müll

Danone bringt ein Joghurt im Maisbecher auf den Markt und will damit eine Pionierrolle übernehmen. Doch ist eine Verpackung aus pflanzlichen Rohstoffen auch sinnvoll?

Hat bei Danone ausgedient: Der konventionelle Plastik-Joghurtbecher.

Hat bei Danone ausgedient: Der konventionelle Plastik-Joghurtbecher. Bild: TA-Archiv

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Es gibt Leute, die trinken Milch noch, wenn sie schon sauer ist. Nahrungsmittel fortschmeissen kommt für sie nicht infrage. Und nun sollen sie genau das tun, wenn sie ein Activia-Joghurt von Danone essen. Ab Mitte April präsentiert der französische Milchverarbeitungsriese diesen im Maisbecher. Natürlich kann man nicht in den leeren Behälter beissen wie in ein Softeis-Cornet. PLA heisst der Agrokunststoff aus Mais, ausgeschrieben Polylactid oder Polymilchsäure. Wenn in einem chemischen Vorgang Maisstärke in Zucker verwandelt wird und dieser dann zu Milchsäure fermentiert, entsteht ein Polymer, wie PET eines ist. Nur, PET wird aus Erdöl hergestellt, und Danone will künftig auf nachwachsende Rohstoffe setzen.

Bis Ende 2011 sollen 80 Prozent der Danone-Milchfrischprodukte in nachwachsenden Rohstoffen verpackt sein. Man wolle eine Pionierrolle einnehmen, schreibt die Firma. 1998 startete Danone in Deutschland schon einmal einen Versuch, eine nachhaltige Verpackung auf den Markt zu bringen. Die Kunden aber goutierten den Joghurt im «Kompostbecher» nicht. Also kehrte der Milchverarbeiter zurück zum Erdöl. Nun aber soll die Zeit reif sein für ein weiteres ökologisches Wagnis. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) hat für den TA eine Ökobilanz von Plastik- und Maisbecher gerechnet. Das Resultat ist ernüchternd: Ein konventioneller Joghurtbecher aus Polyethylen schneidet immer noch besser ab als ein Becher aus PLA. Auch innerhalb der Branche ist man skeptisch: Beim Schweizer Konkurrenten Emmi behält man die Entwicklung von alternativen Verpackungen zwar im Auge. Selber lassen die Luzerner Verpackungsprofis die Finger vom Mais. Emmi schreibt, man folge einem Grundsatz: Aus Rohstoffen, die auch als Lebensmittel verwendet werden, sollen keine Verpackungen entstehen.

Mais und die «Tortilla-Krise»

Lebensmittel zweckentfremden ist nichts Neues. Vor allem Mais, der zu 70 Prozent aus Stärke besteht, eignet sich besonders dazu. Es gibt Abdeckplachen für Gemüsefelder aus PLA, der sich – im Gegensatz zu Plastik aus Erdöl – nach einer gewissen Zeit wieder in seine Bestandteile zersetzt. Werkstofftechnologen träumen davon, künftig sogar Stossstangen für Autos aus Mais zu fertigen. Vorerst aber werden immer mehr Tanks mit Mais gefüllt, also mit Agroethanol oder Agrodiesel. In den USA, einem der grössten Maisproduzenten weltweit, wird bereits ein Drittel der Ernte für Treibstoff verwendet. 2007 ist deswegen der Preis in kurzer Zeit dermassen in die Höhe geschnellt, dass die Mexikaner auf der Strasse protestierten. Ihr Grundnahrungsmittel war plötzlich doppelt so teuer. Als «Tortilla-Krise» gingen die Demonstrationen in die Geschichte ein. Inzwischen ist der Maispreis wieder auf dem Niveau von 2007, und vereinzelte Stimmen warnen schon vor einem neuen Tortilla-Aufstand.

Die Frage ist daher auch eine ethische: Darf man aus Mais Verpackungen herstellen, während Kinder in Mexiko hungern? «Man darf», sagt Heinz Schmid, Geschäftsleiter vom Zürcher Nonprofitverein Climatop. Er zeichnet Produkte mit einem Label aus, die zur Verminderung von Treibhausgasen beitragen, und hat für Danone eine Ökobilanz zum Maisbecher von einem Heidelberger Forschungsinstitut geprüft. Schmid kommt zum Schluss, dass dessen Herstellung gegenüber einem normalen Plastikbecher 43 Prozent weniger fossile Ressourcen verbraucht und 25 Prozent weniger Treibhausgase produziert. Das bestätigt zwar auch die Empa. Dass ihre Öko-Bilanz dennoch schlechter ausfällt, geht darauf zurück, dass auch die umweltbelastende Produktion von Mais miteingerechnet wird.

5 Gramm für einen Becher

Verpackungen fressen den Menschen nicht den Mais weg. Mit 1 Prozent der Weltmaisernte könnte man alle Plastikverpackungen für Lebensmittel ersetzen, schätzt Schmid. Immerhin summieren sich diese hierzulande schätzungsweise auf rund 30 Kilogramm pro Person und Jahr. Für einen Joghurtbecher braucht es ungefähr 5 Gramm Mais. Mit 1 Kilo Mais können also etwa 200 Becher gefertigt werden. Kein Vergleich zu Agroethanol. «Wenn etwas den Menschen den Mais streitig machen könnte, dann Biosprit», sagt Schmid. Für einen einzigen Liter müssen zuerst 2,5 Kilogramm Mais angepflanzt, geerntet und fermentiert werden. Ein Auto fährt damit gerade einmal 14 Kilometer weit.

Noch muss auch ein Mais-Joghurtbecher im Kehricht entsorgt werden. Danone zeichnet aber schon eine bessere Welt am Horizont. Eine Welt, in der Joghurtbecher entweder professionell bei 60 Grad kompostiert oder wieder zu PLA-Granulat verarbeitet werden. Aus Joghurtbecher würden dann wieder neue Joghurtbecher entstehen. Ein Kreislauf, der nie endet. Auch dann nicht, wenn die letzte Ölquelle versiegt sein wird. Ob die Konsumenten tatsächlich die ausgelöffelten Joghurtbecher sammeln und zurückbringen werden, ist eine andere Frage.

Erstellt: 03.04.2011, 22:03 Uhr

Ökobilanz

Ein Becher aus Erdöl belastet die Umwelt immer noch am wenigsten

Von den drei Verpackungsmöglichkeiten für Joghurt schneidet das Einwegglas in einer ökologischen Gesamtbeurteilung weitaus am schlechtesten ab. Für Roland Hischier von der Empa in St. Gallen, der für den TA die Berechnung vorgenommen hat, ist der hohe Energieverbrauch bei der Wiedereinschmelzung des Glases für die schlechte Bilanz verantwortlich. Ein Joghurtbecher aus Maisplastik (PLA, 4,5 g) verursacht im Vergleich zu Glas nur ein Drittel der Umweltbelastung, ein Polyethylen-Becher (4,5 g) aus Erdöl gar nur ein Viertel. Wieso schneidet der Becher aus fossilen Ressourcen nach wie vor besser ab als der Maisbecher? «Mais braucht Dünger, Pestizide und der Traktor Diesel», sagt Hischier. Auch sei der Verarbeitungsprozess vom Maiskolben zu PLA energieintensiv. Das führt dazu, dass nach der Berechnungsmethode (Umweltbelastungspunkte-Methode) der Empa ein Becher aus Erdöl letztlich die Umwelt um ein Drittel weniger belastet als ein Maisbecher. Ein Polyethylen-Becher schadet der Umwelt hauptsächlich dann, wenn er verbrannt wird und auf diesem Weg CO2 in die Luft gelangt. (ber)

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