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«Man hat keinen Bezug mehr zur Aussenwelt»

Eine Betroffene, die im Shopville im Zürcher Hauptbahnhof arbeitet, berichtet von ihrem Arbeitsalltag ohne Tageslicht. Am schlimmsten ist der Job im Untergrund in den Wintermonaten.

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Am schlimmsten ist das Arbeiten im Untergrund in den Wintermonaten. Gerade im Dezember fehle das Tageslicht fast gänzlich, sagt M.T. im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Sie ist Filialleiterin in einem der über 130 Geschäfte im Shopville im Zürcher Hauptbahnhof, wo die Angestellten ohne Tageslicht auskommen müssen. «Das schlägt auf das Gemüt», sagt M.T., «man ist eher müde und schneller erschöpft.» Entsprechend benötige sie im Winter auch mehr Motivation für ihre Arbeit.

Am Montag hat das Zürcher Verwaltungsgericht zugunsten der Migros-Mitarbeitenden im Untergeschoss des Hauptbahnhofs entschieden. Sie sollen künftig mehr Pausen erhalten, um in dieser Zeit «Licht zu tanken». Bleibt der Entscheid stehen, könnte dies weitreichende Folgen auch für andere Detailhändler haben.

Abgeschnitten

Am meisten stört M.T., dass sie nicht mitbekommt, was draussen vor sich geht. «Man hat gar keinen Bezug mehr zur Aussenwelt.» Dass es draussen regnet oder stürmt, merkt sie einzig am Kaufverhalten der Kunden, etwa wenn plötzlich viele Schirme gefragt sind.

Unter ihren Mitarbeitern hat sie festgestellt, dass die Raucher permanent eine Rauchpause einlegen wollen. Sie glaubt jedoch, dass dies eine Entschuldigung sei, um öfters ans Tageslicht zu gelangen. «Wer diese Mitarbeiter privat trifft, stellt fest, dass sie gar nicht so oft rauchen.»

Pause an der Tramhaltestelle

Im Shopville komme erschwerend hinzu, dass die meisten Läden – auch der eigene – über keinen Pausenraum verfügten. Oft gebe es gar keine Tische, wo man sich hinsetzen und essen könne. «Ich kenne auch Leute, die oben an der Tramhaltestelle sitzen und ihre Pause dort verbringen.»

Wenn immer möglich, versucht M.T., ihren Angestellten eine Mittagspause von einer Stunde zu gewähren. Verfügt sie etwa wegen Krankheitsausfällen über weniger Personal, kann es vorkommen, dass Angestellte fünfeinhalb Stunden am Stück ohne Pausenablösung und damit auch ohne Tageslicht arbeiten müssen. Es ist ihr aber ein Anliegen, dass ihre Mitarbeiter wenn immer möglich kurze Pausen einlegen können.

Über das Urteil des Verwaltungsgerichts hat sie sich gefreut. «Endlich wird das zum Thema.» Sie ist froh, dass mit der Migros eine grosse Firma betroffen ist und das Urteil entsprechend für Aufmerksamkeit sorgt. «Wäre nur ein kleiner Laden verurteilt worden, hätte das Urteil kaum jemand beachtet.» Sie hofft nun, dass es zur Regel wird, dass Mitarbeiter, die ohne Tageslicht auskommen müssen, pro Tag 40 Minuten bezahlte Pausen erhalten sollen.

Erstellt: 09.10.2013, 18:17 Uhr

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