«Man will uns schaden»

Schliessungsgerüchte rund um die Basler Filiale Bongénie Grieder machen die Runde. Pierre Brunschwig und Christoph Poupon vom Luxusmodehaus nehmen Stellung.

Christoph Poupon (links) und Pierre Brunschwig (rechts) gehen davon aus, dass sich der Detailhandel so schnell nicht von der Frankenstärke erholen wird, und fordern Massnahmen der Politik.

Christoph Poupon (links) und Pierre Brunschwig (rechts) gehen davon aus, dass sich der Detailhandel so schnell nicht von der Frankenstärke erholen wird, und fordern Massnahmen der Politik. Bild: Florian Bärtschiger

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Nicht nur, aber auch die Frankenstärke zwang so manchen Einzelhändler in Basel in den vergangenen Monaten in die Knie. Seit einiger Zeit geht das Gerücht um, dass auch die Filiale von Bongénie Grieder geschlossen wird. Pierre Brunschwig, Mitinhaber der traditionellen Luxusmodehäuser, und der Direktor der Grieder-Geschäfte, Christoph Poupon, nehmen Stellung.

Baz: Herr Brunschwig, was ist dran am Gerücht?
Pierre Brunschwig (PB): Überhaupt nichts. Die Brunschwig Group will derzeit überhaupt keine Filiale schliessen. Wir können uns nicht erklären, wie dieses Gerücht in Basel entstanden ist und wer es gestreut hat; wohl aber die Konkurrenz. Man will uns schaden. Die Händler schenken sich derzeit nichts. Das ist auch legitim. Aber solche Gerüchte zu streuen, das ist nicht fair.

Viele Läden in der Preiskategorie von Grieder mussten in den vergangenen Monaten in Basel schliessen, etwa Kost, Monn, Deiss oder Kohler Mode.
PB: Ja, daran liegt es wohl auch, dass solche Spekulationen entstanden sind. Aber nochmals: Grieder schliesst in Basel nicht; es wird nicht einmal darüber diskutiert! Im Gegenteil, wir bekennen uns zum Standort. Auch wenn die Situation für Detailhändler in Basel mit zwei angrenzenden Ländern derzeit schwierig ist.

Ist Basel der Standort mit den grössten Schwierigkeiten?
Christoph Poupon (CP): Basel hat sich ein wenig erholt, aber im vergangenen Jahr litten wir sehr, der Umsatz ging deutlich zurück. Wir spürten die Liquidationen von Kost und Kohler – die Geschäfte führten ähnliche Marken wie wir und boten diese vor der Schliessung deutlich günstiger an.
PB: Heute sind wegen der Frankenstärke alle unsere Filialen, überhaupt der gesamte Detailhandel in der Schweiz, von Luxus bis billig, in etwa gleich stark betroffen.

Was heisst das konkret bei Grieder?
PB: Bongénie Grieder verzeichnete im ersten Halbjahr gesamthaft einen Umsatzrückgang von zehn Prozent – ich gehe auch fürs Gesamtjahr von einem Rückgang in diesem Bereich aus. Unmittelbar nach der Aufhebung des Mindestkurses waren es gar ein Minus von 15 Prozent. Das ist enorm.

Sind Luxusprodukte, wie sie Grieder führt, nicht krisenresistent?
PB: Jein. Jeder kann heute mit seinem Smartphone Preise vergleichen. Wenn der Preisunterschied zum Ausland 35 bis 40 Prozent beträgt, wird das von der Kundschaft nicht akzeptiert. Bei zehn Prozent hingegen ist das Verständnis da, weil unsere gute Beratung und die Nähe des Geschäfts geschätzt wird. Dies ist uns nun mit Euro-Rabatten gelungen. Es war aber ein hartes Stück Arbeit!

Wegen der Zulieferer?
PB: Ja. Es gibt grosse Brands, die spielen ihre Macht aus. Wir bezahlen einen deutlich höheren Preis als Händler in Frankreich oder Italien! Das ist sehr ärgerlich. Es braucht unbedingt eine Marktliberalisierung. Die Brands sagen, entweder ihr akzeptiert den Preis oder wir lassen es. Wir sind in der Zwickmühle, weil viele Kunden sehr markentreu sind. Trotzdem versuchen wir, Nischenmarken zu entdecken und uns darauf zu spezialisieren.

Haben Sie sich also von gewissen Marken getrennt?
PB: Ja, von einzelnen. Oder wir haben die Auswahl stark verkleinert.

Was hat Sie dazu bewogen, unmittelbar nach der Aufhebung des Mindestkurses den Eurorabatt von zehn bis 20 Prozent zu geben? Das wertet ja die Ware ab. War es die richtige Entscheidung?
PB: Aus kommerzieller Sicht würde ich nicht mehr so vorgehen; wir haben im Februar und März deswegen nicht deutlich mehr verkauft oder neue Kunden gewinnen können. Aber wir mussten schnell handeln und den Schock abfedern. Aus strategischer Sicht denke ich aber, dass es die richtige Entscheidung war.

Inwiefern?
PB: Es war ein Signal an unsere Stammkundschaft, die 30 Prozent der Umsätze ausmacht, dass wir fair sind und Währungsvorteile weiter-geben. Heute fällt der Konsument seinen Kaufentscheid hauptsächlich aufgrund des Preises, er war noch nie so preisaffin wie heute. Weil er eben die Möglichkeit hat, im Internet zu vergleichen. Es ist wie ein Spiel heutzutage, den günstigsten Preis für ein Produkt zu finden. Wer das nicht macht, wird als Idiot abgestempelt. Gerade bei Luxusprodukten ist das so! Fragen Sie bei Rolex oder Hermès nach; da ist der Umsatzrückgang noch viel höher als bei Grieder.

Wie haben sich die Preissenkungen der vergangenen Monate auf die Marge der Brunschwig Group ausgewirkt?
PB: Es hat sie stark geschmälert, da wir die Ware zum alten Euro-Kurs eingekauft haben. Das hat bewirkt, dass wir nach dem 15. Januar nicht nur die Preise gesenkt haben, sondern auch Änderungen am Budget vornehmen mussten, das sich um zehn Prozent verkleinert hat.

Werden Sie Entlassungen vornehmen?
PB: Im Moment versuchen wir, einen Personalabbau mit natürlicher Fluktuation zu erreichen. Viele unsere Mitarbeiter bewegen sich auf das Pensionsalter zu. Aber ein paar wenige Entlassungen können wir wohl nicht vermeiden. Die Brunschwig Group ist nach 120 Jahren immer noch ein Familienbetrieb, die von der vierten Generation geführt wird; unsere Philosophie erlaubt es nicht, während einer Krise sofort den Rotstift anzusetzen. Dafür handeln wir aber auch in guten Zeiten konservativ und vorsichtig.

Und die Salärentwicklungen?
PB: Wenn eine Minusteuerung stattfindet, besteht auch wenig Spielraum für Lohnerhöhungen. Ich denke, dass sich die Löhne angesichts dieser fundamentalen Krise in der Schweiz langfristig gegen unten bewegen werden – genau so wie die Preise.

Bestehen Pläne Ihrer Familie, Bongénie Grieder zu verkaufen?
PB: Derzeit nicht, auch nicht in absehbarer Zukunft. Wir erhalten natürlich immer wieder Angebote – und das sehe ich als Kompliment! –, seit Jahren schon, doch ein Verkauf steht nicht zur Diskussion. Ein Zeichen dafür ist, dass bereits die fünfte Generation im Unternehmen tätig ist und in wichtige Entscheide eingebunden wird. Die Brunschwig Group hat schon viele Krisen erlebt.

Ist das jetzt die schwerste?
PB: Ja, definitiv. Die Aufhebung des Mindestkurses war ganz klar der falsche Entscheid zum falschen Zeitpunkt. Die Schweiz hat sich auf einen Schlag um bis zu 25 Prozent gegenüber dem Ausland verteuert – das hat es noch nie gegeben, nirgends auf der Welt!

Grieder führt seit wenigen Jahren auch einen Online-Shop. Zeit für eine Bilanz.
PB: Wir sind mit dem Geschäftsgang zufrieden, die Umsatzzahlen entwickeln sich positiv – wenn auch auf sehr kleinem Niveau: Der Beitrag am Gewinn beträgt circa ein Prozent. Den Shop aufzubauen, hat uns aber auch viel gekostet. Das Online­geschäft ist in den seltensten Fällen rentabel. Da wird es bald international zu einer Bereinigung kommen.

Zalando schreibt seit 2014 schwarze Zahlen.
PB: Aber mit einem verschwindend kleinen Gewinn!

Das Online-Geschäft von Grieder wird wohl immer einen kleinen Teil des Gesamtgeschäfts ausmachen. Wie können Ihre Modehäuser in Zukunft bestehen?
PB: Wir möchten noch mehr Lifestyle in unseren Geschäften vermitteln, die Stammkunden besser betreuen und persönlicher ansprechen. Das ist die Zauberformel, die das Internet nicht bieten kann.

Ein Rezept könnten auch Concept-Stores sein, wo sich Mode, Beauty und Kulinarisches unter einem Dach befinden.
PB: Dies bieten wir in unsere grossen Filialen in Genf, Lausanne und Zürich bereits an.

In Basel nicht. Es gab Pläne, in der Filiale im fünften Stock eine Bar oder ein Restaurant zu eröffnen. Was ist hier der Stand?
CP: Diese bestehen immer noch; es ist noch offen, ob wir ein Restaurant oder eine Bar einrichten werden. Die Realisierung wurde jetzt allerdings infolge der genannten Budget­kürzung verschoben.

Auf wann?
CP: Es ist noch zu früh, einen Zeitpunkt festzulegen. Wahrscheinlich nicht in den nächsten zwei Jahren.

Pierre Brunschwig hat gesagt, dass die Situation gerade in Basel sehr schwierig ist. Herr Poupon, wie beobachten Sie das gehäufte Ladensterben in der Innenstadt?
CP: Mit einem unguten Gefühl. In Basel kumulieren sich verschiedene Probleme. Da ist zum einen die Frankenstärke, zum anderen das neue, mittlerweile etwas gelockerte Verkehrskonzept, das dem Handel aber immer noch enorme Nachteile bringt. Das spüren wir ungemein.

Inwiefern?
CP: Seit die Mittlere Brücke und die Eisengasse für den motorisierten Verkehr gesperrt sind, fehlen uns die Impulskäufer, jene, die kurz mit dem Auto parkten und bei uns spontan einkauften. Wir sind mit dem Verkehrskonzept gar nicht glücklich.

Pro Innerstadt sagt, dass verkehrsfreie Einkaufsmeilen das Shopping attrak- tiver machen.
CP: Das Problem aber ist, dass man noch nichts unternommen hat, um die Fussgängerzone attraktiver zu machen. Es fehlen Sitzgelegenheiten, Grünflächen – alles Dinge, die die Regierung geplant, aber noch nicht umgesetzt hat. Meiner Meinung nach hätte man zuerst diese Veränderung angehen und danach das Verkehrskonzept einführen sollen. In der ganzen Freien Strasse bis zum Marktplatz findet sich keine einzige Sitzbank, wo sich ein Tourist ausruhen könnte!

Der Handel in Basel fühlt sich von den Behörden zu wenig unterstützt. Deshalb wurde die Arbeitsgruppe «Positives Basel» gegründet, bestehend aus Händlern wie etwa Manor, Confiserie Schiesser, Schwarz Mode und Grieder. Was hat Sie bewogen, mitzumachen?
CP: Eine Schweizer Angewohnheit ist, immer zu reklamieren. Wir wollen aber nicht die Faust im Sack machen, sondern aktiv etwas unternehmen und bewegen, um die Rahmenbedingungen für den Handel zu verbessern. Weil wir eine kleine Gruppe sind, sind wir viel agiler und können schneller etwas erreichen. Neu dazugestossen ist nun auch Globus.

Was wollen Sie unternehmen?
CP: Zurzeit stehen wir in Verhandlung mit Finanzdirektorin Eva Herzog, die uns sehr wohlwollend empfangen hat und offen war für Vorschläge. Das Ziel ist unter anderem, dass die öffentlichen Parkhäuser die ersten zwei Stunden gratis sind. Wir sind hier auf gutem Weg. Zudem lancieren wir verschiedene Aktionen; kleine, aber wirkungsvolle Massnahmen. So planen wir in Kürze circa sechs Parkbänke bereitzustellen, die in der Freien Strasse und am Marktplatz aufgestellt werden könnten.

Das alles entsteht nun, weil ein paar Ladenbetreiber handeln. Fühlen Sie sich von der Politik zu wenig unterstützt?
CP: Nein. Wir konnten nicht erwarten, dass wir nur durch Klagen etwas erreichen. Handeln ist da der bessere Weg.

Aber der Detailhandel ist im Parlament schwach vertreten.
PB: Das trifft auf die ganze Schweiz zu. Die Politik hat in den vergangenen Jahren landesweit zu wenig unternommen, um das Aussterben von kleinen Spezialitätenläden, die die Städte einzigartig machten, zu verhindern, und hat internationalen Brands den Hof gemacht. Die Schweiz hat es verpasst, einzigartig zu bleiben im Handel. In Genf stehen auch zig Ladenflächen leer. Das ist keine gute Visitenkarte für eine Stadt.

Was hätten die Politiker tun können?
PB: Wie Herr Poupon schon gesagt hat: Es braucht eine Verschönerung der Flächen, mehr Parkhäuser – und Wohlfühlatmosphäre in attraktiven Städten. Das zieht Kunden an. Eigentlich ist es ganz einfach.

Ist Grieder trotz widrigen Umständen für die Zukunft gut aufgestellt?
PB: Ja. Wir haben in den vergangenen Jahren viel in unsere Standorte investiert und bieten – immerhin im Haus – eben diese Wohlfühlatmosphäre an. Und wir werden weiter investieren und an den Preisen feilen.

Apropos Zukunft: Im vergangenen Jahr hat die Swatch Group das Grieder-Haus in Zürich unweit des Paradeplatzes gekauft. Wann müssen Sie ausziehen?
PB: In den nächsten neun Jahren sicher nicht; so lange läuft unser Mietvertrag, den wir damals mit der Credit Suisse abgeschlossen haben.

Hat Sie Nick Hayek bereits kontaktiert?
PB: Nein, in keiner Weise. Und das überrascht mich sehr. Wir erhielten lediglich einen Brief mit dem Hinweis des Eigentümerwechsels und die neue Bankkontenverbindung zur Überweisung des Mietzinses. Sehr eigentümlich. Aber ich schliesse daraus, dass Herr Hayek mit Grieder als Mieter glücklich ist. Ausserdem hat er keine grossen Möglichkeiten: Das Haus steht unter Denkmalschutz. Umbauten sind also nicht möglich.

Sie sehen sich in Zürich also nicht nach einem neuen Standort um?
PB: Nein, noch nicht. Einen gleichwertigen Ersatz würden wir nicht finden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.06.2015, 11:23 Uhr

Das Traditionshaus

Die Genfer Brunschwig Holding wurde 1891 gegründet und ist eine Luxus-Modehausgruppe mit verschiedenen Weltmarken unter einem Dach. Anfänglich war sie unter dem Namen Bongénie ausschliesslich in der Westschweiz tätig; nach der Übernahme des Zürcher Traditionshauses Grieder im Jahr 1972 folgte der Namens- wechsel in Bongénie Grieder und die Expansion in der übrigen Schweiz. Derzeit betreibt die Gruppe unter dem Namen Bongénie Grieder 17 Geschäfte in den wichtigsten Städten der Schweiz. 2013 betrug der Jahresumsatz der Holding 217 und der Modehäuser 207 Millionen Franken. Die Gruppe beschäftigt 750 Angestellte.

In Basel ist Grieder seit 25 Jahren präsent; zuerst an der Freien Strasse, seit 2007 an der Eisengasse im ehemaligen Merkur-Haus mit rund 45 Angestellten.

Heute gehört die Brunschwig-Gruppe vier gleichberechtigten Partnern, den Nachkommen des Firmengründers Adolph Brunschwig. CEO ist Pierre Brunschwig (vierte Generation), Chris­toph Poupon aus Basel zeichnet als Direktor der Grieder-Geschäfte. rak

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