Interview

«Manche Kunden versuchen es mit anderer Namensschreibweise»

Der Versandhandel fördere das Verschuldungsrisiko, lautet ein gängiger Vorwurf. Nun legte die Branche Zahlen vor. Und Verbandspräsident Patrick Kessler nimmt im Interview Stellung.

Der Versandhandel legt in der Schweiz überproportional zu: Die Schweizer Post bring das Paket.

Der Versandhandel legt in der Schweiz überproportional zu: Die Schweizer Post bring das Paket. Bild: Keystone

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Herr Kessler, Sie treten an einer Veranstaltung zum Thema «Konsum und Verschuldung in der Schweiz auf». Trägt der Versandhandel eine besondere Verantwortung?
Diesen Vorwurf bekomme ich immer wieder zu hören. Der Tenor: Die Verschuldung kommt vom E-Commerce. Mich stört das, darum haben wir Intrum Justitia angeboten, zu diesem Spezialkapitel «E-Commerce» innerhalb dieser Verschuldungsstudie unsere Haltung darzulegen. Wir wollen Fakten und nicht einfach eine emotionale Debatte.

Und, was haben Sie mit der Studie herausgefunden?
Wir sehen unsere Marktbeobachtung bestätigt. Insgesamt ist das Zahlungsverhalten gut, wobei wir ein erhöhtes Verschuldungsrisiko bei den Jugendlichen sehen.

Konkret: Bei den unter 30-jährigen Frauen ist das Verschuldungsrisiko fast 100 Prozent höher als der Durchschnitt, die Männer liegen leicht darunter. Das ist doch alarmierend?
Das ist ein hoher Wert, das stimmt. Deshalb sagen wir uns auch, dass man dieser Gruppe als Onlinehändler besondere Aufmerksamkeit schenken muss.

Wie hoch sind die absoluten Zahlen?
Aufgrund der Zahlen, welche uns die Händler zurückmelden, machen die sogenannten Debitorenausfälle einen Anteil von rund 1,2 Prozent aus. Wobei die Bandbreite je nach Händler von null bis rund vier Prozent reicht.

Hat das Problem der Ausfälle zugenommen?
Mit dem wachsenden Onlinehandel nehmen die Ausfälle in absoluter Zahl natürlich zu.

Was heisst für Sie «besondere Aufmerksamkeit»?
Dass wir besonders genau hinschauen, ob jemand zahlungsfähig und zahlungswillig ist.

Sie reden von der Bonitätsprüfung. Das heisst, Sie lassen abchecken, wie die finanzielle Situation der Kunden ist.
Ja, das machen wir einerseits aus Selbstschutz, aber auch zum Schutz der Konsumenten. Wir möchten nicht, dass jemand Ware bestellen kann, welche die Person nicht imstande ist zu zahlen. Das würde auf beiden Seiten Schaden verursachen.

Trotzdem scheint das immer wieder zu gelingen. Jüngst sass eine junge Frau im «Club» von SRF. Sie sagte, sie habe mit Bestellungen im Versandhandel eine Gesamtschuld von mehreren Zehntausend Franken angehäuft.
Nochmals, an so einer bedauernswerten Situation hat niemand ein Interesse.

Aber sie kommt vor.
Es gibt Leute – und ich rede hier von Einzelfällen –, die versuchen es mit Namenswechsel, mit anderer Schreibweise, oder sie bestellen über andere Personen. Da wird es für uns extrem schwierig, das aufzudecken.

Man versucht auch, die Kunden mit Ratenzahlungen bei der Stange zu halten.
Natürlich versucht man, Engpässe mit Entgegenkommen zu regeln. In der Branche macht dieser Anteil aber nicht mehr als rund vier bis fünf Prozent aus. Zudem verbietet den Händlern das Konsumkreditgesetz, über einen bestimmten Betrag zu gehen, ohne dass das Geschäft der IKO (Verein zur Führung einer Informationsstelle für Konsumkredit) gemeldet werden muss.

Womit wir bei der gesetzlichen Regelung wären. Der Konsumentenschutz kritisiert, dass die Datensammlerei über Konsumenten wilde Blüten treibe und unkontrolliert Daten zusammengetragen würden. Was sagen Sie dazu?
Jede Bonitätsdatenbank wird vom Datenschützer angeschaut. So gesehen kann keine Rede von unkontrollierter Datensammlerei sein. Und für die Bonitätsprüfer gilt das Gleiche wie in anderen Märkten. Liefert er ein schlechtes Produkt, sprich falsche Daten, wird er vom Händler nicht mehr konsultiert.

Das Ganze hat aber negative Auswirkungen für die Konsumenten. Sie werden mit falschen Angaben registriert und bekommen im schlimmsten Fall die Ware nicht. Ganz zu schweigen davon, dass Löschungen praktisch unmöglich sind.
Es gibt solche Einzelfälle mit Fehlauskünften. Deshalb ein Verbot der Bonitätsdatenbanken zu verlangen – wie jüngst per Motion im Parlament geschehen –, wäre jedoch völlig verfehlt. Wo wir mit dem Konsumentenschutz übereinstimmen, ist bei der Forderung nach Transparenz, was den Umfang und die Art der gesammelten Daten angeht.

Sie sagten zu Beginn selber, dem Versandhandel hafte – zu Unrecht – der Ruf an, dass sich die Leute damit verschulden. Liegt es nicht einfach auf der Hand, dass man beim anonymen Einkauf weniger Hemmungen hat, erst mit viel Verspätung oder im schlimmsten Fall gar nicht zu zahlen?
Das scheint so in den Köpfen zu stecken. Ist es nicht so, dass diese Rechnungen in den Haushaltungen einfach zuunterst in die Beige gelegt werden. Sprich: Man zahlt zuerst die Wohnung, dann die Krankenkasse und weitere feste Verpflichtungen. Wenn am Schluss das Geld für gekaufte Ware nicht mehr reicht, kann man doch nicht der Branche die Schuld zuschieben.

Erstellt: 08.01.2013, 17:07 Uhr

Patrick Kessler ist Präsident des Verbandes des Schweizerischen Versandhandels. (Bild: zvg)

Online-Konsum in der Schweiz

Während Frauen und Männer unter 45 grundsätzlich mehr online konsumieren als höhere Altersgruppen, ist auch deren Risiko für eine Verschuldung grösser. Auffallend ist, dass sich Frauen zwischen 45 und 59 Jahren durch eine hohe Konsumintensität bei unterdurchschnittlichem Verschuldungsrisiko auszeichnen. Personen über 60 Jahre haben ein massiv unterdurchschnittliches Verschuldungsrisiko, konsumieren aber auch unterdurchschnittlich.

Der Schweizer Versandhandel

Im Jahr 2011 hat der Versandhandel in der Schweiz einen Umsatz von rund 5,3 Milliarden Franken erzielt. 500 Millionen davon betreffen Käufe von Anbietern im Ausland. Weitere 850 Millionen wurden von Portalen wie Ricardo oder Ebay erzielt. Die Tendenz im Versandhandel ist steigend. Laut VSV-Präsident Patrick Kessler beträgt das jährliche Wachstum rund vier bis fünf Prozent. Bestellt wird die Ware zu 60 Prozent online. Zu je 20 Prozent sind es Telefonbestellungen oder schriftlich aufgegebene Ordern. (cpm)

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Schulden in der Schweiz Das Verschuldungsrisiko nach Kantonen, Städten, Alter und Bildung.

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