«Mein Lohn ist am oberen Ende dessen, was ich mir geben würde»

Clariant-Chef Hariolf Kottmann ist gegen die Abzockerinitiative, versteht aber das Anliegen dahinter.

«Der Markt war tot und ist immer noch tot», sagt Clariant-Chef Hariolf Kottmann über die Wirtschaft in Südeuropa. Foto: Chris Iseli (EQ)

«Der Markt war tot und ist immer noch tot», sagt Clariant-Chef Hariolf Kottmann über die Wirtschaft in Südeuropa. Foto: Chris Iseli (EQ)

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Die Abzockerinitiative wird in der Schweiz heiss diskutiert. Clariant hat die Löhne des Topmanagements noch nicht offengelegt. Wie viel haben Sie verdient?
Laut den offiziellen Zahlen habe ich etwas über 7 Millionen Franken erhalten. Allerdings heisst das nicht, dass 7 Millionen auf mein Konto fliessen. Die meisten Menschen verstehen nicht, wie viel von dem, was im Geschäftsbericht steht, auch tatsächlich ausbezahlt wird. So haben wir im Jahr 2008 Optionen erhalten, die wir damals zu einem deutlich höheren Wert versteuern mussten, als sie heute noch haben.

Finden Sie Ihren Lohn von 7 Millionen Franken gerechtfertigt?
Im Vergleich zu unseren europäischen Konkurrenten ist mein Lohn marktgerecht. Er befindet sich jedoch am oberen Ende dessen, was ich mir selber geben würde.

Wäre ein Ja zur Abzockerinitiative schädlich für Clariant?
Wir haben analysiert, wie sich die Initiative in der Praxis auf uns auswirken würde, wenn sie Gesetz wird. Wir sind zum Schluss gekommen, dass uns die Vorlage nicht schadet. Dennoch würde sich die Schweiz mit einem Ja zur Initiative keinen Gefallen tun.

Rechnen Sie mit einer Mehrheit für die Abzockerinitiative?
Wenn die Menschen emotional abstimmen, wird es zu einem Ja kommen. Wenn sie die Abstimmung mit Vernunft angehen, wird es ein Nein geben. Die Bevölkerung will schlicht, dass das überbordende Bonusgehabe von verschiedenen Leuten auf ein Normalmass reduziert wird. Da kann kein vernünftiger Mensch etwas dagegen haben.

Dennoch sind die Managerlöhne bei Clariant alles andere als bescheiden.
Wir bewegen uns innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen und orientieren uns am Markt. Wir haben deshalb weder ein schlechtes Gewissen, noch brauchen wir uns zu schämen.

Was halten Sie von Lohnobergrenzen oder einem fixen Verhältnis zwischen dem tiefsten und dem höchsten Lohn?
Das ist eine unqualifizierte Diskussion. Wenn Sie einen Bankmanager suchen, der in der Lage ist, eine Grossbank wie die UBS oder Credit Suisse zu führen, dann werden sie nur jemanden finden, wenn sie ihn marktgerecht bezahlen. Wenn die Schweiz zum Prinzip übergeht, Lohnobergrenzen zu definieren, verwandelt sie einen Standortvorteil in einen sehr komplizierten Nachteil. Aber das müssen die Bürgerinnen und Bürger entscheiden.

Viele Ihrer Geschäfte sind von konjunkturellen Schwankungen in einem frühen Stadium betroffen. Daher können Sie die Entwicklung relativ gut abschätzen. Wann wird Europa zu Wachstum zurückfinden?
In den nächsten vier bis fünf Jahren rechne ich nicht damit. Das derzeitige Nachfrageniveau wird sich nicht spontan und zügig erholen. Wir wissen, dass die Lager unserer Kunden praktisch leer sind. Daher müsste die Nachfrage eigentlich anspringen. Dem ist aber nicht so, da sich das Kaufverhalten erneut verändert hat. Der erste Bruch geschah 2009 als Folge der Finanzkrise. Das Gleiche ist nun nochmals passiert, da aufgrund der Finanz- eine neue Wirtschaftskrise entstanden ist.

Die Wirtschaft in der Eurozone ist im vierten Quartal stark geschrumpft. Was erwarten Sie vom Jahr 2013?
Für Europa rechnen wir mit stagnierenden Umsätzen. In den USA gehen wir von einem leichten Wachstum aus. In den Schwellenländern schätzen wir, dass der Anstieg unserer Verkäufe das dortige Wirtschaftswachstum um 4 bis 5 Prozent übertreffen wird.

Letztes Jahr haben Sie gesagt, der Markt in Südeuropa sei tot. Steigen Sie aus diesen Ländern aus?
Nein, sicher nicht. Der südeuropäische Markt ist für Clariant sehr wichtig, deshalb haben wir den dortigen Einbruch auch so brutal gespürt. Der Markt war tot und ist noch immer tot.

Ist das Schliessen oder Verlagern von Anlagen in Südeuropa ein Thema?
Nein. Länder wie Spanien, Italien oder Frankreich sind kostenmässig durchaus wettbewerbsfähig. Wir haben deshalb kaum Werke aus Europa weg verlagert, sondern innerhalb des Kontinents verschoben. Damit haben wir an den einzelnen Standorten die nötige kritische Grösse erlangt.

Wie findet Europa aus der Krise?
Die Krise hat viel mit Psychologie zu tun, die das Verhalten der Konsumenten stark beeinflusst. Europa wurde durch die politische Unsicherheit destabilisiert, weil nicht klar ist, ob die EU auseinanderbricht oder stärker zusammenrückt. Dies treibt natürlich auch die Sorge um den Euro an. Die beiden Elemente Politik und Finanzen schaffen in der Wirtschaft eine Situation, die zu Instabilität und zu zurückhaltendem Kaufverhalten der Konsumenten führt. Deshalb müssen wir zur Normalität zurückfinden.

Was halten Sie davon, wenn sich Länder wie Grossbritannien von der EU verabschieden wollen?
Das ist Selbstmord. Wenn es den Mitgliedern der EU nicht gelingt, sich zu einem Verbund zusammenzuschliessen, der in irgendeiner Form gemeinsam gesteuert wird, spielt Europa in 20 Jahren keine Rolle mehr. Dann wird vielleicht Deutschland noch auf den vorderen Plätzen der wichtigsten Wirtschaftsnationen auftauchen, die anderen Länder werden jedoch unter ferner liefen rangieren.

Klammert man die Übernahme der Süd-Chemie aus, haben die Geschäfte von Clariant stagniert. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?
Natürlich mache ich mir Gedanken darüber. In den vergangenen zehn Jahren hat die Firma jeweils ein jährliches Wachstum von 4 bis 6 Prozent anvisiert, effektiv aber nur rund 1 Prozent erreicht. Was das Wachstum anbelangt, so hatte die frühere Clariant ein gewisses Mentalitätsproblem. Als ich die Führung des Unternehmens übernahm, leiteten wir einen Restrukturierungsprozess ein. In dieser Phase können Sie nicht morgens Menschen entlassen und abends innovativ sein.

2012 war mit der Übernahme der Süd-Chemie und dem geplanten Verkauf mehrerer Sparten ein weiteres Übergangsjahr. Wann können Sie wieder zum Alltag übergehen?
Niemals. In den 80er- und 90er-Jahren hat man einen Zehnjahresplan erstellt, den man in der Regel wie vorgegeben umgesetzt hat. Heute müssen sie alle sechs Monate über die Bücher. Durch die unstete Konjunktur, Währungsschwankungen und politische Unsicherheiten ist eine viel höhere Dynamik entstanden. Business as usual kann es deshalb gar nicht mehr geben.

Erstellt: 15.02.2013, 06:37 Uhr

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Im 2. Quartal war die Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent und im 3. Quartal um 0,1  Prozent gesunken. Die Lage in der gesamten EU ist kaum besser. Dort sank die Wirtschafts­leistung um 0,5 Prozent im 4. Quartal. (SDA)

Jahreszahlen der Clariant
Mehr Umsatz, weniger Gewinn

Der Chemiekonzern Clariant konnte den Umsatz 2012 um 8 Prozent auf 6,04 Milliarden Franken steigern. Wird die 2011 übernommene Süd-Chemie ausgeklammert, haben die Verkäufe stagniert. Der Reingewinn sank dagegen um 4 Prozent auf 211 Millionen Franken. In diesen Zahlen nicht enthalten sind fünf ertragsschwache Geschäftsein­heiten, von denen drei bereits veräussert wurden. Die übrigen zwei Sparten sollen im laufenden Jahr verkauft werden. Mit Ausnahme Europas, wo ein Drittel des Umsatzes erzielt wird, konnte Clariant in allen Regionen ein zweistelliges Wachstum verbuchen. (mka)

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