«Mein Vater schaut mir immer noch zu»

Nayla Hayek will als neue Verwaltungsratspräsidentin der Swatch Group die Visionen ihres verstorbenen Vaters weitertragen. Dass einige an ihrer Kompetenz zweifeln, stört sie nicht: «Ich bin gut vorbereitet», sagt sie.

Vater und Tochter: Nicolas G. und Nayla Hayek.

Vater und Tochter: Nicolas G. und Nayla Hayek. Bild: Keystone

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Frau Hayek, vor gut einer Woche hat Sie der Verwaltungsrat der Swatch Group zur neuen Präsidentin gekürt. Wie arbeiten Sie sich in Ihre neue Aufgabe ein?
Nayla Hayek: Ich taste mich langsam heran an den Posten. Zwar arbeite ich schon seit 15 Jahren im Verwaltungsrat. Aber es ist natürlich etwas ganz anderes, plötzlich die Verantwortung zu tragen. Ich möchte auf jeden Fall betonen: Auch wenn der Tod meines Vaters überraschend kam, waren wir gut vorbereitet. Noch wenige Tage zuvor hatten mein Sohn, mein Bruder und ich mit ihm in seinem Büro gesessen. Er sagte, «wenn ich nicht mehr da bin». Mein Bruder Nick meinte dann: «Wir werden wohl vor dir im Rollstuhl sitzen, und du wirst uns herumschieben.» Mein Vater war und ist für uns unsterblich.

Sie sagen, Ihr Vater, Nicolas Hayek, ist für Sie immer noch da?
Ja, seine Seele und seine Kraft sind hier. Nur sein Körper ist weg. Die Swatch Group bleibt sein Kind. Zwar ruft er mich nicht mehr jeden Morgen an, aber ich weiss trotzdem genau, was er jeden Morgen früh zu mir sagt. Als Erstes fragt er: «Habe ich dich geweckt?» Und dann: «Wie läuft es?» Er schaut mir immer noch zu.

Das klingt nicht nur angenehm. Was würde passieren, wenn Sie heute einen Entscheid träfen, der ihm nicht gefällt?
Dann würde er böse werden, und ich müsste ihm Red und Antwort stehen – wie zu Lebzeiten. Ich habe natürlich sehr viele Charakterzüge von ihm. Deshalb habe ich ihm auch früher ab und zu mal energisch widersprochen. Ich glaube, er war stolz darauf. «Du bist wirklich meine Tochter», sagte er jeweils.

Was werden Sie denn anders machen als Nicolas Hayek?
Ich bin erstaunt, dass die Leute denken, es werde sich etwas ändern. Vergessen Sie nicht: Ich sitze seit 15 Jahren im Verwaltungsrat. Mein Vater hat in dieser Zeit nie als Diktator geherrscht, sondern seine Strategie immer mit uns abgesprochen. Er machte keine Einmannshow.

Haben Sie als neue Verwaltungsratspräsidentin bestimmte Erwartungen an die Berner Politik?
Konkretes kann ich dazu nicht sagen. Nur so viel: Wer sich jetzt freut, dass mein Vater nicht mehr da ist, dem kann ich nur sagen: Ich bin nicht viel angenehmer. Mein Vater war sehr engagiert. Zwei Tage vor seinem Tod hat er sogar einen Brief an US-Präsident Barack Obama geschrieben. Er sagte, nach dem Öl-Skandal von BP im Golf von Mexiko müsse sich in der Umweltpolitik etwas ändern.

Dasselbe würden Sie sich auch getrauen?
Sicher. Aber jetzt warte ich erst mal auf die Antwort von Obama.

Mehrere Medien haben Ihre Wahl zur Verwaltungsratspräsidentin skeptisch aufgenommen.
Logisch! Mein Vater war für mich und viele andere ein Genie. Wer nahe genug dran war, wusste aber, dass er mich als seine Nachfolgerin schulte. Schon meine Nomination im vergangenen März als Vizepräsidentin des Verwaltungsrats war ein klares Zeichen.

Viele Beobachter reagierten allerdings verwundert.
Nur Aussenstehende. Wissen Sie, vergangenen Samstag, an der Trauerfeier für meinen Vater, hat auch ein lokaler Politiker zu verstehen gegeben, er sei überrascht von meiner Wahl. Ich fragte ihn, ob er sich nicht gewundert habe, dass ich in den letzten 3 Jahren immer bei allen wichtigen Gesprächen dabei gewesen sei. Und ich wollte wissen: «Dachten Sie, dass ich nur als Dekoration diene?» Er meinte dann: «Sie haben recht. Obwohl – Sie wären eine schöne Dekoration gewesen.» (lacht).

Und Ihr Bruder, der Swatch-Konzernchef Nick Hayek, ist nicht neidisch, dass Sie das Rennen gemacht haben? Immerhin hatten mehrere Medien ihn neben Ihrem Sohn Marc im Vorfeld als wahrscheinlichsten Anwärter auf das Verwaltungsratspräsidium gehandelt.
In unserer Familie gab es noch nie Neid. Ich bin stolz auf meinen Bruder und meinen Sohn Marc, der Chef der Marke Blancpain ist – und sie sind stolz auf mich.

Aber in einigen Medien wurde Ihr Bruder indirekt als besser geeignet bezeichnet.
Als mein Bruder Nick vor 7 Jahren zum Konzernchef wurde, haben ebenfalls viele an seinen Fähigkeiten gezweifelt. Inzwischen hat er bewiesen, dass er es kann. Mein Vater wusste schon damals genau, was er tat, und er hat offensichtlich recht gehabt.

Es muss Sie doch kränken, dass Ihr Leistungsausweis laut in Frage gestellt wird?
Wir Frauen müssen uns immer stärker beweisen – egal, wie weit die Emanzipation schon fortgeschritten ist. Mein Vater hat allerdings nie unterschieden.

Nun ist Ihr Bruder Konzernchef. Sie sind Verwaltungsratspräsidentin. Gibt es eine geschwisterliche Rivalität?
Nein, wir sind keine Konkurrenten. Zwar bin ich nicht immer gleicher Meinung wie er. Aber bei uns darf jeder sagen, was er denkt.

Ihnen wird auch angekreidet, dass man Sie in der Öffentlichkeit kaum kennt.
Ich war schon immer präsent, nur haben das viele nicht bemerkt. Die Medien im Mittleren Osten wissen genau, wer ich bin. Aber ich strebe nicht danach, auf dem Titelblatt einer Zeitung zu erscheinen. Ausser es dient der Swatch Group.

Sie gelten wegen dieser Zurückhaltung als interviewscheu.
Es ist mir wichtig, dass die Leute wissen, dass es eine Frau Hayek gibt, welche die Swatch Group weiterführt. Aber es kommt nicht darauf an, wie ich aussehe oder was ich esse. Und auch nicht, ob ich flache oder hohe Schuhe trage.

Was genau macht denn für Sie die Swatch Group aus?
Wir sind eine Schweizer Firma, welche die Arbeitsplätze hier im Land behält. Und wir setzen uns ein für die Ethik, die uns Nicolas Hayek vorgelebt hat.

Das heisst, es wird weiterhin keinen Stellenabbau geben?
Mein Vater hat letztes Jahr bewiesen, dass es für ihn das Wichtigste ist, alle Arbeitsplätze zu erhalten. Und dieses Jahr sieht wirtschaftlich schon viel positiver aus. Das werden auch die Halbjahreszahlen zeigen, die wir im August bekannt geben werden.

Erstellt: 09.07.2010, 09:09 Uhr

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