Migros empört Konsumentenschützer

Die Migros preist mit ihrem Label lokale Produkte an – und wirbt mit den «kurzen Transportwegen». Fleisch und Eier werden aber quer durch die Schweiz gekarrt.

Schweizer Migros-Hühner werden meistens im Kanton Freiburg geschlachtet.

Sophie Stieger

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Es ist fast so idyllisch, wie man es sich vorstellt, wenn man in der Migros nach dem Poulet mit dem Label greift: Der Hof von Kurt Pflugshaupt im zürcherischen Gossau liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Dorfes. Seine Adresse lautet schlicht: «Zur frohen Aussicht». Pflugshaupt mästet gut 150'000 Poulets pro Jahr für die Linie «Aus der Region. Für die Region.» der Migros Zürich.

«Kurze Transportwege» als Lüge

Zürcher Poulet für Zürcher Münder. Doch was die Konsumenten nicht wissen: Bevor Pflugshaupts Geflügel in den Zürcher Gestellen landet, wird es nach Courtepin im Kanton Freiburg transportiert, in den Schlachthof der Migros (siehe Grafik). Das sind zwei Stunden Fahrt – pro Weg. Dabei wirbt die Migros für die Linie, die sechs Jahre nach der Einführung 750 Millionen Franken Umsatz macht, explizit mit den «kurzen Transportwegen» und der «regionalen Wertschöpfung».

Die Poulets von Bauer Pflugshaupt sind kein Einzelfall. Die Migros schlachtet den Grossteil der Schweizer Hühner in Courtepin. Nur dort verfügt ihre Fleischverarbeiterin Micarna über einen Schlachthof für Hühner. Auch Waadtländer Trutenfleisch wird quer durch die Schweiz gefahren: Es wird von einer Drittfirma im Thurgau geschlachtet.

Auch bei anderem Fleisch können die Transportwege lang sein. Ausser beim Geflügel betreibt Micarna aber immerhin je zwei Schlachthöfe pro Tierart: einen in der Deutschschweiz und einen in der Romandie. Trotzdem bedeutet das: Schlachtet die Migros das Fleisch für das Regional-Label selbst, geschieht das meistens ausserhalb der Region.

«Migros-Kunden getäuscht»

Auch die Eier landen nicht nestwarm im Regal. Die Migros bezieht die meisten Eier von zwei Zulieferern. Für die Deutschschweiz ist die Firma Lüchinger und Schmid verantwortlich. Sie durchleuchtet die Migros-Eier in Kloten (um befruchtete oder abgestorbene Eier auszusortieren). Für die Migros Genossenschaft Zürich ist die Lage günstig. Aber schon für die Migros Ostschweiz fallen weite Fahrtwege an: Für die Eier aus Bodenhaltung vom Hof von Franz Sutter aus Hinterforst SG dauert der Transport nach Kloten etwa anderthalb Stunden. Bis die Eier danach in einer Migros der Region landen – etwa in Chur – dauert es noch einmal gleich lang.

Dabei ginge es auch anders. In der Region Ostschweiz gibt es zwei Produzenten für Eier aus Freilandhaltung, die die Eier selbst durchleuchten und verpacken. Den Eiern sieht man diesen Unterschied jedoch nicht an.

Konsumenten erwarten was anderes

Die Konsumentenschützer sind empört: «Die Konsumenten erwarten von diesem Label Regionalität, kurze Transportwege und regionale Verarbeitung», sagt Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz. «Sonst verdienen die Produkte die Herkunftsauszeichnung nicht, und die Migros-Kunden werden getäuscht.» Walpen ärgert sich insbesondere darüber, dass die Migros auf ihrer Website schreibt, die Glaubwürdigkeit habe höchste Priorität. «Sie muss die Praxis bei den Transportwegen dringend korrigieren, sonst setzt sie diese Glaubwürdigkeit aufs Spiel.»

Die Regeln für «Aus der Region. Für die Region.» sind eigentlich klar – etwa was die Herkunft betrifft. Bei unverarbeiteten Produkten wie Früchten oder Gemüse muss 100 Prozent der Ware aus der Region stammen. Bei verarbeiteten Waren wie Milchprodukten oder Würsten liegt die Schwelle bei 75 Prozent. Das leuchtet ein. Sonst gäbe es keine Kaffeejoghurts und keine gewürzten Würste.

Keine Regeln beim Transport

Auch bezüglich der Wertschöpfung gibt es eine Regel. Sie besagt, dass mindestens zwei Drittel davon in der Region erbracht werden müssen. Wo der Rest herkommt, ist nicht definiert. Damit wird die Beschränkung der Transportwege auf die Region faktisch ausgehebelt. Kommt hinzu, dass die Regel bei der Wertschöpfung beim Fleisch nicht gilt: «Dafür gibt es in der Schweiz zu wenig Schlachthöfe», sagt Jürg Maurer, stellvertretender Leiter für Wirtschaftspolitik bei der Migros.

Zudem würden die Poulettransporte «selbstverständlich zu Randzeiten durchgeführt», sagt Maurer. «Ideal wäre natürlich, gleich auf dem Hof zu schlachten, wie man das früher gemacht hat.» Aufgrund der gesetzlichen Vorschriften sei das aber heute nicht mehr möglich. Zudem seien die Transportwege im europäischen Vergleich «sehr kurz».

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Erstellt: 18.04.2010, 23:25 Uhr

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