Migros geht ans Eingemachte

Der Hauptsitz war nur der Anfang: Der Detailhandelsriese treibt ein grosses Sparprojekt für die regionalen Genossenschaften voran.

Regionale Strukturen: Verteilzentrum der Migros in Dierikon LU.

Regionale Strukturen: Verteilzentrum der Migros in Dierikon LU. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Nächste Woche hat Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen einen Termin, wie ihn Manager lieben: Er wird an der Wiedereröffnung der Interio-Filiale in Spreitenbach zugegen sein. Das Möbelhaus stellt ein neues Ladenkonzept vor. Der Event wird eine willkommene Abwechslung zu den schwierigen Diskussionen sein, die Zumbrunnen intern derzeit führen muss.

Hinter den Kulissen treibt der Präsident der Migros Generaldirektion ein Projekt voran, das ihn noch viel Nerven kosten wird: ECM 4.0. Unter diesem Namen hat die Migros ein Effizienzsteigerungsprogramm angeschoben, das die Strukturen des orangen Riesen im Fundament tangiert. Erst Ende Juni hat der Detailhändler den Abbau von 290 Stellen am Hauptsitz des Migros-Genossenschaftsbundes (MGB) in Zürich bekannt gegeben. Unter dem Namen «Fast forward» will die Konzernzentrale Abläufe verschlanken.

Nun zeigt sich: Der Hauptsitz war erst der Anfang. «Fast forward» ist inzwischen in ein Projekt integriert worden, das weit grössere Dimensionen hat. ECM 4.0 (der Name steht für «Excellent Category Management») wird das Herz des Unternehmens treffen, die zehn regionalen Genossenschaften. Mit 11,59 Milliarden Franken liefern sie den Löwenanteil des Migros-Umsatzes in der Schweiz. Doch das Geschäft ist massiv unter Druck. Der Betriebsgewinn im genossenschaftlichen Detailhandel schrumpfte zwischen 2014 und 2017 von 623 auf 306 Millionen Franken. Der Umsatz war letztes Jahr rückläufig. Derweil stieg der Personalbestand der ganzen Gruppe in den letzten Jahren stark an.

Die Quintessenz: Die Kosten müssen runter. Langsam sickert auch durch, wie. Die Steuerungsgruppe von ECM 4.0, der rund 20 bis 30 Leute angehören sollen, analysiert die ganze Wertschöpfungskette der Migros-Gruppe – von der Produktion über die Verteilung bis zum Verkauf. Darum sind in das Projekt nebst den regionalen Genossenschaften so ziemlich alle Bereiche involviert: die Migros-Industrie, das Logistik- und Informatikdepartement des MGB, der Handel und so weiter.

Das Ziel des Mega-Projekts soll laut mehreren Quellen unter anderem die Schaffung von sogenannten Service- oder Kompetenzzentren sein, von denen die regionalen Genossenschaften Leistungen beziehen können, die sie bisher selbst erbracht haben. Das kann von Logistik- über Finanzdienstleistungen bis zu Personellem und der Immobilienbewirtschaftung reichen. Auch die Schaffung eines zentralen Hubs für Frischprodukte – das Profilierungsinstrument eines jeden Supermarktes – steht offenbar zur Debatte. Die Diskussionen stehen noch am Anfang. Und sie sind aufgrund der Genossenschaftsstrukturen hochkomplex. Am Hauptsitz gibt man sich denn auch defensiv. «Es laufen verschiedene Projekte entlang der Wertschöpfungskette», so Sprecher Luzi Weber. Man bitte um Verständnis, dass man sie derzeit nicht weiter kommentieren könne. Den Regionalchefs wurde offenbar Stillschweigen auferlegt. Ihre Medienchefs verweisen auf Anfragen an den Hauptsitz in Zürich.

Es droht ein noch viel grösserer Stellenabbau

Es steht viel auf dem Spiel: Das Projekt ist zwar nötig, doch es dürfte zu einem Jobabbau führen, der viel grössere Dimensionen haben wird als die im Juni angekündigte Streichung von 290 Stellen am Hauptsitz. Und es wird die Macht der regionalen Genossenschaften beschneiden. Unter die Räder dürften vor allem die Kleineren kommen – etwa das Wallis, Neuenburg oder Tessin, die deutlich unter der Umsatzmilliarde liegen. Gestärkt werden dürften hingegen die Grossen: Migros Aare, Zürich oder Ostschweiz. Sie können dank ihrer Grösse und Finanzkraft zu solchen Kompetenzzentren mutieren.

Die Migros Aare beispielsweise steuert bereits heute die Informatik für die Migros Neuenburg. Sie führt im Auftrag des MGB auch die Interio-Möbelgeschäfte in der Westschweiz und im Tessin. Nun baut die grösste Regionalgenossenschaft für 250 Millionen Franken ihr Verteilzentrum in Schönbühl aus. Auch das ist ein Signal dafür, dass man in Bern gedenkt, eine Anführerrolle zu übernehmen. «Unsere Logistik-Kapazität wird durch dieses Projekt wesentlich erweitert und weiter automatisiert. Dies ermöglicht uns, wachsende Warenmengen für die Migros zu bewältigen», sagt Anton Gäumann, Leiter der Migros Aare. Sie ist vor 20 Jahren aus der Fusion der Genossenschaften Bern und Aargau/Solothurn entstanden. Ein komplexer, aber zukunftsweisender Schritt. Seither ist es ruhig geworden an der Fusionsfront.

Nun soll ECM 4.0 das Silo­denken in den Regionen aufbrechen. Denn die komplizierten, demokratischen Strukturen der Migros mit ihren unabhängigen Genossenschaften erweisen sich als Hemmschuh. Der Detailhandel ist aufgrund der Verschiebung ins Internet im Umbruch, Tempo ist zum entscheidenden Faktor geworden. Man kann sich dieses Konstrukt schlicht nicht mehr leisten. Die Einsicht, dass etwas passieren muss, ist bei den Regionalfürsten offenbar durchaus da. «Doch wenn es anfängt, wehzutun, kommt der Widerstand dann eben doch», weiss eine hochrangige Quelle.

Es geht um den Verlust von Einfluss – und um Status. Jede Genossenschaft hat quasi ihren eigenen Verwaltungsrat. Die Gremien sind auch bei kleinen Genossenschaften recht grosszügig bestückt. Und die Jobs sind beliebt, da in den Regionen mit Prestige verbunden. Es gibt auch eine Entschädigung, die aber nicht publiziert wird. Fallen künftig entscheidende Aufgaben weg, sind derlei Organigramme immer weniger zu rechtfertigen. Fabrice Zumbrunnen steht ein heisser Herbst bevor.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.08.2018, 08:05 Uhr

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