Migros-Bank veräussert Depots

Bestände von Kleinanlegern werden Ende September ohne Kundeneinverständnis verkauft. Paul R.* bekam ein entsprechendes Schreiben.

Dicke Post: Brief der Migros-Bank an Kunden, die den neuen Depotvertrag nicht unterzeichnet haben. Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Faksimile BaZ)

Dicke Post: Brief der Migros-Bank an Kunden, die den neuen Depotvertrag nicht unterzeichnet haben. Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Faksimile BaZ)

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Paul R.*, Leser der «Basler Zeitung», ist verärgert. Von der Migros-Bank hat er einen Brief erhalten mit der Ankündigung, dass er mit Beginn des nächsten Monats teilweise vom Börsengeschäft abgeschnitten wird. Ab Anfang September sind dann nur noch Verkäufe, aber keine Käufe mehr möglich. Diese Einschränkungen träten in Kraft, so das Schreiben, wenn der Rentner nicht umgehend den neuen Depotvertrag retourniere.

Hierbei handelt es sich um einen neuen Vertrag, in dem der Kunde explizit auf Retrozessionen verzichtet, also jene Provisionen, welche die Banken von Dritten beim Kauf von Produkten für ihre Kunden erhalten. Die Bank will Retrozessionen nur jenen Kunden weitergeben, die der Bank ein Vermögensverwaltungsmandat übertragen haben.

Paul R. gehört nicht zur letzteren Gruppe und erwägt deshalb, die Bank zu wechseln. Viel Zeit bleibt ihm aber nicht, denn der Brief geht noch weiter: «Ab dem 30. September 2014 werden Depots ohne neuen Depotvertrag saldiert.» Wer also bis zu diesem Zeitpunkt den neuen Depotvertrag nicht unterschrieben zurückgeschickt oder einen Auftrag zum Transfer der Wertschriften erteilt hat, nimmt in Kauf, dass «wir die noch vorhandenen Titel in Ihrem Depot veräussern». Den Verkaufszeitpunkt will die Migros-Bank eigenständig festlegen und keine Rücksicht auf Kundenbedürfnisse oder entsprechende Anweisungen legen. «Mögliche Kurs- oder Währungsrisiken tragen Sie in diesem Fall selbst», ist im Kundenschreiben festgehalten.

Vergütungen ausgezahlt

Ihr Vorgehen begründet die Bank mit einem Passus in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). «In Artikel 13 der AGB heisst es: ‹Wir dürfen bestehende Geschäftsbeziehungen jederzeit mit sofortiger Wirkung aufheben und allfällige Forderungen fällig stellen, sofern nicht schriftlich etwas anderes vereinbart wurde›», sagt Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli. Erschwerend für die Kunden, die sich von der Vorgehensweise der Bank brüskiert fühlen, kommt hinzu, dass die einseitige Kündigung der Depotgeschäftsbeziehung finanzielle Folgen hat. Pro Titel verlangt die Migros-Bank für den Verkauf oder den Transfer, gemäss Informationen an die BaZ, 100 Franken. Wer also zum Beispiel fünf verschiedene Titel im Depot hat, muss – ungeachtet ihrer Anzahl – 500 Franken zahlen. Eine Kontoaufhebung soll weitere 10 Franken kosten. Offiziell heisst es bei der Migros-Bank, dass die Saldierung eines Kontos kostenlos ist. «Auch die Aufhebung eines Depots ist gebührenfrei – vorbehalten bleiben beim Depot die Kosten für Verkauf oder Transfer der Titel», sagt Aeberli.

Das Unglück für die Besitzer eines Depots bei der Migros-Bank nahm Mitte März seinen Anfang. In einem Brief wurde den Depotbesitzern mitgeteilt, dass die Bank rückwirkend per 1. Januar einen neuen Depotvertrag eingeführt hat, «welcher die bisherigen Depot- und Risikoverträge ablöst». Durch dessen Unterzeichnung bestätige der Kunde, dass die Bank die Vergütungen von Dritten, welche sie im Rahmen des Vertriebes von Finanzprodukten wie Anlagefonds oder strukturierten Produkten erhalte, wie bisher entgegennehmen könne. Ausbezahlt würden weiterhin nur jene Vergütungen in Zusammenhang mit einem Vermögensverwaltungsmandat. Die Kunden erhielten eine Frist, den neuen Vertrag bis Ende April zu unterzeichnen.

«Rechtsgenüglich verzichtet»

Kunden, die im Anschluss darauf pochten, dass ihnen die Bank gemäss Bundesgerichtsurteil vom 30. Oktober 2012 zuallererst zustehende Retrozessionen auszahlen solle, beschied die Bank, dass sie bereit sei, einen entsprechenden Auftrag entgegenzunehmen. Damit verbunden sei jedoch eine Aufwandsentschädigung «für unsere Bemühungen von CHF 120 pro Stunde, Minimalentschädigung von CHF 240».

Die Bank bestätigte zwar erneut, dass Retrozessionen den Kunden gehörten, «sofern sie nicht rechtsgenüglich auf diese verzichtet haben». Reine Depotkunden, also solche ohne Vermögensverwaltungsmandat hätten jedoch darauf keinen Anspruch. Das Bundesgerichtsurteil finde damit keine Anwendung. Retrozessionen fielen einzig bei Drittanlageprodukten an und nicht bei bankeigenen Finanzprodukten wie dem Mi-Fonds, Obligationen oder Aktien.

Die hohen, nicht abschliessend bezifferten Aufwendungen wurden damit begründet, dass die Abklärungen individuell zu erfolgen hätten. Die Suche werde zusätzlich erschwert, weil bei einigen Fonds keine Retrozessionen flössen. «Die Zahlung von Retrozessionen erfolgt oft nach bankspezifischen Volumenkriterien, hängt also davon ab, wie viele Kunden bei der Migros-Bank sich für dieselbe Anlage entscheiden, wie sich der Anlagefonds entwickelt, und nicht zuletzt, ob die Börsenkurse generell steigen oder sinken», hielt die Bank im Brief fest.

Nicht willkommen

Die Vorgehensweise der Bank haben nicht alle Kunden goutiert. «Es gibt vereinzelt Kündigungen», bestätigt Aeberli, ohne darauf zu verweisen, wie viel Kapital abgewandert ist oder wie viele Depotkunden die Bank verlassen haben. Ein Bankenwechsel lohne sich für den Depotkunden unter dem Strich kaum, ist Aeberli ohnehin überzeugt. «Erstattet nämlich eine Bank die Retrozessionen ihren Depotkunden zurück, sind in der Regel die Depotgebühren höher oder es werden zusätzliche Betreuungs- beziehungsweise Advisory-­Gebühren erhoben», betont er.

Nicht mehr willkommen bei der Migros-Bank sind nicht nur Depotkunden, die den neuen Vertrag nicht unterzeichnen, sondern auch unmündige Personen. Wie andere Banken auch habe sich die Migros-Bank entschlossen, «aus dem Geschäft mit Beistandschaften und Vormundschaften auszusteigen», bestätigt Aeberli. Schuld daran sei die Anfang 2013 in Kraft getretene Verordnung über die Vermögensverwaltung im Rahmen einer Beistandschaft oder Vormundschaft. (VBVV). «Die VBVV und die darauf basierenden Verträge, welche die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) mit den Banken schliessen, überbürden die Risiken einseitig den Banken und verursachen den Banken gleichzeitig auch erhebliche Mehrbelastungen», stellt Aeberli fest.

* Name der Redaktion bekannt.

Erstellt: 29.08.2014, 10:13 Uhr

Unterschiede zwischen den einzelnen Banken

Während die Migros Bank reinen Depotkunden die Retrozessionen nicht auszahlen will, gibt es Geldinstitute, die ihre Regeln nach dem Bundesgerichtsurteil geändert haben. Zu den Ausnahmen gehören die Baloise Bank SoBA und die Zürcher Globalance Bank.

Seit Anfang Jahr hat auch das Vermögenszentrum VZ seine Praxis geändert und zahlt Retrozessionen allen Kundinnen und Kunden aus. Eine Ausnahme bildet seit dem 1. Juli auch die Schwyzer Kantonalbank, die «konsequent und unaufgefordert» Retrozessionen an alle Kundinnen und Kunden weitergibt.

Zum selben Zeitpunkt ändert auch die Liechtensteinische Landesbank (LLB) ihre Praxis und damit auch ihre Schweizer Tochter Bank Linth.

Auch die Bank Coop verspricht, dass sie ihre Anlageberatung in Zukunft unabhängig und transparent machen will. Ähnliches plant die Konzernmutter Basler Kantonalbank, die Retrozessionen in Zukunft nicht nur im Vermögensverwaltungsmandat an die Kundschaft weitergeben will.

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