Migros-Tochter Digitec plant Software-Entwicklung in Berlin

Der grösste Onlineshop der Schweiz will wachsen. Dazu sollen 200 neue Stellen geschaffen werden. Digitec prüft nun einen Standort in Deutschland.

Der Vorsprung auf die internationale Konkurrenz schwindet: Showroom in der Digitec-Filiale in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Vorsprung auf die internationale Konkurrenz schwindet: Showroom in der Digitec-Filiale in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Vor Weihnachten herrscht bei Online-händlern Hochbetrieb. Zahlreiche Bestellungen müssen rechtzeitig bei den Kunden sein. Besonders viele Pakete sind es beim Branchenprimus Digitec. Der Onlineshop ist eine Schweizer Erfolgsgeschichte. Innerhalb von 15 Jahren ist die Firma von drei auf rund 830 Mitarbeitende gewachsen. Der Umsatz beläuft sich mittlerweile auf rund 700 Millionen Franken im Jahr.

Der Erfolg rief die Migros auf den Plan. 2012 ist der Detailhändler bei Digitec eingestiegen, mittlerweile hält er die Mehrheit der Aktien. Erst letzte Woche gab die Migros bekannt, dass Digitec ein kräftiger Stellenaufbau bewilligt worden sei. Beim Onlinehändler wird die Zahl der Mitarbeiter auf deutlich über 1000 steigen. Gleichzeitig wird Digitec eine besondere Aufgabe übernehmen: Der Onlineshop soll sich zum Labor für neue Geschäftsmodelle der gesamten Migros-Gruppe entwickeln.

Die neuen Jobs sollen vor allem in der Informatik entstehen. «Ein Grossteil der neuen Stellen fällt auf unsere Software-Entwicklung», so Digitec-Sprecherin Stefanie Hynek. Die Zahl der Entwickler soll von 60 auf insgesamt 100 anwachsen. Dieser Ausbau erfolge vor allem am Standort Zürich. Aber nicht nur. «Zusätzlich erwägen wir die Option, die Software-Entwicklung durch einen zweiten Entwicklungsstandort in Berlin zu verstärken», bestätigt Hynek Informationen des TA. Nähere Details sind dazu nicht zu erfahren. Doch bereits die Erwägung von Digitec, eine so wichtige Abteilung im Ausland aufzubauen, lässt in der Branche aufhorchen.

Konkurrenz drückt Margen

Weshalb es Digitec nach Berlin zieht, will das Unternehmen nicht begründen. Digitec betont einzig, der mögliche Schritt ins Ausland habe nicht, oder zumindest nicht nur, mit dem Mangel an Fachkräften in der Schweiz zu tun.

«Schnell wachsende Firmen, gerade in der Informatikbranche, benötigen heutzutage schnell und oft im grösseren Stil neue personelle Ressourcen.»Thomas Flatt, Präsident SwissICT

Thomas Flatt, Präsident des IT-Verbands SwissICT, zeigt Verständnis für den Schritt: «Schnell wachsende Firmen, gerade in der Informatikbranche, benötigen heutzutage schnell und oft im grösseren Stil neue personelle Ressourcen.» Berlin sei ein Hotspot für innovative und wachstumsstarke Firmen, deshalb sei das Vorhaben von Digitec naheliegend. «Wenn nicht genügend Ressourcen im Inland vorhanden sind, dann zieht das Unternehmen eben weiter», so Flatt. Es gehe dabei gar nicht um die Kosten der Arbeitskräfte, sondern um die Verfügbarkeit von Talenten.

Digitec ist heute Marktführer in der Schweiz. Seit Jahren führt der Händler die Rangliste der grössten Schweizer Onlineshops der Beratungsfirma Carpathia an. Doch auch der Onlinehändler spürt die Konkurrenz des US-Riesen Amazon und des chinesischen Giganten Alibaba. Bislang ist es zwar gelungen, die Grosskonzerne auf Distanz zu halten, doch droht der Vorsprung zu schmelzen. Das Magazin «Bilanz» berichtete jüngst darüber, dass Amazon einen Ausbau der Schweizer Aktivitäten plane.

Zudem scheuen Coop und Swisscom mit ihrem gemeinsamen Onlinekaufhaus Siroop keine Kosten, um eine Gegenposition zu Migros und Digitec aufzubauen. Das bringt laut Branchenkennern die Margen im Onlinehandel unter Druck. Die neue Konkurrenz dürfte vor allem das zweite Digitec-Portal Galaxus spüren. Der Onlineshop für Haushaltswaren und Freizeitartikel ist noch nicht so etabliert wie Digitec. Das rasche Wachstumstempo beim Onlineshop soll daher wohl dafür sorgen, sich die Konkurrenz vom Leib zu halten.

Berlin gilt als Top-Standort

Bitter sind die Pläne von Digitec für die Standort-Organisation Digital Switzerland. Zahlreiche Schweizer Firmen haben sich dort zusammengeschlossen, um die Bedingungen für die Internet-wirtschaft zu verbessern. Auch die Migros ist ein Mitglied dieser Wirtschafts-Initiative. Dort reagiert man enttäuscht. Wenn in der Tat ein grosser Teil des Ausbaus ausserhalb der Schweiz stattfinden würde, wäre dies bedauerlich, so ein Sprecher von Digital Switzerland. «Unsere Organisation setzt sich dafür ein, die Schweiz als attraktiven Arbeitsort für Fachkräfte aus dem Digital-Bereich zu positionieren.»

Berlin gilt seit längerem als einer der europaweit beliebtesten Standorte für Jungfirmen. In einer vor wenigen Monaten vom Beratungsunternehmen EY veröffentlichten Rangliste für Jungfirmen ist die Stadt zwar von Platz 1 auf 4 zurückgefallen und etwa von London und Paris überholt worden. Doch sei dies nur eine zwischenzeitliche Delle. Die Aussichten für den Standort seien gut. Berlin zählt mehr Start-ups, mehr Geldgeber, und damit wächst auch der Pool an Talenten. Von ihm könnten bald auch Digitec und die Migros profitieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2016, 22:02 Uhr

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