Milliarden für Online-Visionen

Investoren stecken derzeit enorme Summen in Online-Firmen, die bisher kaum Gewinn machen. Wie nachhaltig diese Strategie ist, wird sich spätestens dann zeigen, wenn das Zinsniveau steigt.

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Die Warner vor einer neuen Dotcom-Blase fühlen sich in diesen Tagen besonders bestätigt. Mit der Fotoplattform Pinterest und dem Bild-Messenger Snapchat haben gleich zwei Online-Start-ups ihre Bewertung innert weniger Monate auf über 10 Milliarden Dollar gesteigert – dies, obwohl beide Unternehmen noch keine schwarzen Zahlen schreiben. Snapchat hatte bis zum letzten Dezember nicht einmal einen Finanzchef.

Immerhin: Mit dem Ex-Credit-Suisse-Manager Imran Khan hat Snapchat diesen Posten nun prominent besetzt. Khan sieht offenbar grosses Potenzial im erst vier Jahre alten Unternehmen, sonst hätte er seine Topposition bei der CS kaum dafür aufgegeben.

Die jüngsten Ereignisse dürften ihn bestärken. Soeben hat sich der chinesische Internetriese Alibaba mit 200 Millionen Dollar am Unternehmen beteiligt. Damit ist Snapchat zum viertwertvollsten Start-up der Welt geworden. Überflügelt wird es unter anderem von der Mitfahr-App Uber. Ihr Unternehmenswert stieg in den letzten sieben Monaten von 17 auf 41 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der Autobauer Peugeot mit seinen 197'000 Mitarbeitern ist ­gerade mal die Hälfte wert (20,66 Milliarden Dollar).

Erinnerungen werden wach

Kein Wunder ist die Diskussion um die «Tech-Blase 2.0» wieder entbrannt. Viele fühlen sich an das Ende der 90er Jahre erinnert: Damals strömte eine Vielzahl neu gegründeter Internet­firmen an die Börse und erzielte schwindelerregende Bewertungen – bis sich zeigte, dass die jungen Unternehmen die in sie gesetzten Gewinnerwartungen nicht erfüllen können. Im März 2000 brach der Markt schliesslich zusammen. Die US-Technologiebörse Nasdaq verlor in den folgenden zwei Jahren knapp 80 Prozent ihres Wertes.

Seit 2008 steigen die Aktienkurse von Technologiefirmen nun wieder kontinuierlich an. Analysten setzen das immer wieder mit einer neuen Blase gleich. Und schon mehrmals prophe­zeiten sie deren baldiges Platzen. Zum Beispiel im April 2012, als Facebook für 1 Milliarde Dollar den Fotodienst Instagram mit damals zwölf Mitarbeitern kaufte. Oder im Februar 2014, als Facebook nochmals zuschlug und 19 Milliarden Dollar für den SMS-Dienst Whatsapp und seine 50 Mitarbeiter ausgab. Die Höhe der investierten Summen überraschte derart, dass eine Steigerung kaum mehr möglich schien. Uber, Pinterest oder Snapchat beweisen nun das Gegenteil.

Billig Geld leihen

Die Angst vor einem neuen Absturz scheint also nicht ganz unberechtigt. Verstärkt wird sie durch die aktuelle Geldpolitik. Wegen der tiefen Zinsen können sich Anleger billig Geld leihen. Gleichzeitig ist die Rentabilität von ­sicheren Anlagen wie Staatsanleihen ­gesunken. Der Anreiz, in riskante Geschäfte wie etwa aufstrebende Tech­firmen zu investieren, ist darum gross. Allein im letzten Jahr wurden laut «Bloomberg» 59 Milliarden Dollar in US-Start-ups gesteckt. Das ist der höchste Wert seit dem Jahr 2000, kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase.

Das Problem: Die Zeiten der tiefen Zinsen sind höchstwahrscheinlich bald vorbei, zumindest in den USA. Experten rechnen damit, dass die US-Notenbank das Zinsniveau bereits Mitte dieses Jahres wieder anheben wird, zum ersten Mal seit dem Sommer 2006. Sobald das Geld wieder mehr kostet, dürften die Anleger vorsichtiger werden. «Gerade für Start-ups, die noch nicht in der ­Gewinnzone sind und kein ausgereiftes ­Geschäftsmodell haben, könnte das Konsequenzen haben», sagt ZKB-Analyst Christian Fröhlich. Denn «in einzelnen Firmen steckt offensichtlich viel spekulatives Geld».

Bolko Hohaus, Tech-Portfoliomanager bei Lombard Odier Investment Managers, stimmt ihm zu. Die Bewertung einiger (noch) nicht an der Börse gelis­teter Firmen sei eindeutig überzogen. «Am Ende des Tages werden nur wenige von ihnen tatsächlich ihre Bewertung rechtfertigen.» Und auch Hohaus glaubt, dass Zukunftsfirmen die Zinserhöhung stärker zu spüren bekommen werden.

Die aktuelle Blase ist anders

Steht das Platzen der «Tech-Blase 2.0» also tatsächlich kurz bevor? Davon wollen Hohaus und Fröhlich trotz allem nichts wissen. Denn von einer Blase im selben Ausmass wie Ende der 90er könne keine Rede sein. Im Gegensatz zu damals sei nicht der ganze Tech-Sektor, sondern nur einzelne Segmente würden deutlich überbewertet. Die US-Technologiebörse Nasdaq ist zudem nicht allein auf Höhenflug: Rund um den Globus knacken Börsenindizes immer neue Rekordwerte. «Ende der 90e Jahre war das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Technologiesektor viel höher als im gesamten Markt. Heute bewegt es sich auf einem ähn­lichen Niveau», sagt dazu Hohaus. Die hohen Börsenwerte von stabileren, erfolgreichen Firmen wie Facebook, Apple oder Google seien ausserdem durch die erwirtschafteten Gewinne derzeit gerechtfertigt – genauso wie die hohe Bewertung gewisser Start-ups. «Einige der jungen Firmen haben tatsächlich das ­Potenzial, ganze Märkte zu revolutio­nieren, beispielsweise den Zahlungs­verkehr.»

Über die Snapchat-App können Nutzer nämlich nicht mehr nur Bilder, sondern seit letztem November auch Geld an Freunde verschicken. Gerade mit Smartphone-Apps verzeichnen junge Unternehmer zudem Reichweiten, von denen konventionelle Firmen nur träumen können. So steigerte Pinterest die Nutzerzahlen innert fünf Jahren von 3000 auf 75 Millionen.

Die Investoren haben das Potenzial in diesen Reichweiten erkannt und wollen darum schon vor dem Börsengang einsteigen, um danach zu kassieren. Welch grosses Risiko diese Strategie allerdings birgt, zeigt das Beispiel des US-amerikanischen Online-Speicherdienstes Box. Vor dem Börsengang im Januar wurde er mit 2 Milliarden Dollar bewertet, nach dem ersten Handelstag war eine Aktie 23 Dollar wert. Als die Firma Anfang März enttäuschende Geschäftszahlen präsentierte, rutschte der Aktienkurs um fast 30 Prozent ab. Der Börsenwert beträgt heute 215 Millionen Dollar.

Erstellt: 27.03.2015, 20:27 Uhr

In Start-up-Firmen steckt viel spekulatives Geld. An den Börsen erreichen die Aktienkurse Rekordwerte. Foto: Kai Pfaffenbach (Reuters)

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