«Mörderische Konkurrenz» bei Toggenburger Skiliften

Sie sind Nachbarn – und haben Krach. Der Konflikt zwischen zwei Skiliftbetreibern zeigt grundsätzliche Probleme des Schweizer Wintertourismus.

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Eine «Grindi» schimpft man sie in Wildhaus, «die Französin» sagt man ihr – und wenn die Wildhauser ganz böse sind: «Le Pen». Sie, das ist Mélanie Eppenberger, in Lyon aufgewachsen, heute Chefin der Toggenburg-Bergbahnen. Die Wildhauser sehen in ihr die Wurzel allen Übels. «Charmant und eiskalt» sei sie, sagt Jakob Rhyner, den hier alle «Tschäck» nennen. Rhyner ist Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Wildhaus und Eppenbergers grösster Konkurrent.

Was ist los im Toggenburg? Eppenberger und Rhyner arbeiten mit ihren Bergbahnen am gleichen Berg. Eppenberger in Unterwasser, Rhyner in Wildhaus. Zwei Kilometer trennen die beiden Orte im Tal, doch die Skilifte führen die Dörfer oben in den Bergen zusammen. Seit Beginn der 90er-Jahre arbeiten die Skigebiete zusammen und bieten einen gemeinsamen Skipass an. Ab 2019 soll damit Schluss sein, Eppenberger will das Gemeinschaftsticket abschaffen, sie findet die Wildhauser bevorteilt. Damit begann der Krach. Damit begannen die Vorwürfe.

Mörderische Konkurrenz

Unterwasser gegen Wildhaus ist nur ein Streit in der Schweizer Skiwelt, im Lande brodeln noch zig andere Krisenherde. Im Pizol kriselt es, in Ilanz ist man sich uneinig, und Saas-Fee nimmt es gleich mit der ganzen Schweiz auf. 222 Franken kostet die Jahreskarte dort seit zwei Wintern, statt des Normalpreises von 1080 Franken. «Freie Marktwirtschaft», sagen die Saas-Feer, «Preisdumping» die Konkurrenten. Sie fürchten, dass immer mehr Skigebiete darauf anspringen. Tatsächlich geschieht zurzeit genau das. In der Romandie gibt es den «Magic Pass» von 25 Skigebieten wie Crans-Montana oder Leysin für 379 Franken. Im Berner Oberland haben sich die grossen Skigebiete Jungfrau, Adelboden-Lenk, Meiringen-Hasliberg und Gstaad zusammengetan, sie bieten die Jahreskarte für 666 Franken an – viele kleine Gebiete durften nicht mitmachen. Im ganzen Land versuchen Skistationen die Skifahrer mit Rabatten anzulocken.

«Das ist ein ruinöser Wettbewerb. Es entsteht eine unglaublich destruktive Spirale», sagt Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeografie und eine Koryphäe der Alpenforschung. In einer Streitschrift von ihm steht, dass die Berge als Schnäppchen verhökert werden. Am Telefon sagt er: «Es herrscht eine mörderische Konkurrenz.»

Das war kürzlich auch in Leysin an der Generalversammlung der Schweizer Seilbahnen zu spüren. Grindelwald traf auf Arosa, Saas-Fee auf Zermatt, und mittendrin sassen auch die Vertreter vom Skilift Fischenthal und den Sportbahnen Braunwald, den kleinen Skigebieten also. Die Stimmung war angespannt, «definitiv nicht positiv», sagt ein Anwesender.

Die totale Verweigerung

Der Wintertourismus hat seit Jahren ein Problem. Der starke Franken bremst das Geschäft, die Skigebiete verkaufen immer weniger Skipässe: 2004 waren es 29,7 Millionen, 2016 nur noch 21,2 Millionen pro Jahr. Die Ausländer kommen nicht mehr, Schweizer gehen öfter ins Ausland. So haben allein die Bündner Ski­gebiete in den letzten sechs Jahren Verluste von 40 Millionen verzeichnet.

Im Toggenburg sagen beide Skigebiete, sie seien profitabel. Sie sagen aber auch: «Ohne uns könnte der andere gar nicht überleben.» Es geht nicht mit und nicht ohne sie. Erst kürzlich hat Jakob Rhyner zu einer Pressekonferenz in sein Skigebiet geladen: Er möchte eine neue Sesselbahn bauen und braucht 5 Millionen Franken von der St. Galler Regierung, die ihm bereits zugesichert waren. Doch der Regierungsrat will das Geld erst sprechen, wenn das Gemeinschaftsticket über das Jahr 2019 hinaus läuft. Aber eben, die auf der anderen Seite des Berges verweigern sich.

Ohne uns: Unterwasser will allein weitermachen. Foto: Reto Oeschger

Mélanie Eppenberger, die Französin, schlägt ein Treffen in ihrem Wohnort Zürich vor, sie trägt Rollkragenpulli, Blazer, Hornbrille – sie ist keine Berglerin. Mit Le Pen hat sie ebenso ­wenig gemeinsam, doch die Meinung auf der Strasse ist gemacht. Sie wolle sich dazu nicht äussern, sagt sie, lieber spreche sie über die Sache.

Eppenberger hat ein Dossier mitgebracht, Medien­berichte, Briefe, Strategiepapiere. Sie erklärt, dass ihr Skigebiet durch den vor Jahren festgelegten Verteilschlüssel des gemeinsamen Skipasses bei den Einnahmen massiv benachteiligt sei und sie ihn daher nicht akzeptieren könne. Grund: Der Verteilschlüssel sei nur auf die Frequenzen aus, auf die Anzahl Fahrten, er beachte aber nicht das Erlebnis und die Qualität am Berg. Kurz: Ihr Skigebiet biete mehr. Die Lösung? «Nur eine Fusion.»

Kann das gut gehen?

Die Gegner aus Wildhaus sagen, sie würden einer Fusion auf Augenhöhe zustimmen, nicht aber mit 25 Franken pro Aktie, wie es ihnen angeboten wurde. In einem Brief an ihre Aktionäre schreiben sie allerdings auch, man solle selbst bei einem höheren Angebot aus Unterwassen «standhaft» bleiben und «der Rattenfängerei» Einhalt gebieten. Der Streit zwischen den beiden Dörfern geht weiter.

Dabei liegt die Konkurrenz im Skitourismus heute meist nicht im Nachbardorf, sondern ennet der Grenzen, ja abseits des Skigebiets. Wildhaus kämpft nicht nur mit Unterwasser, sondern auch mit der Pauschalreise nach Ägypten für 300 Franken die Woche. Mit dem Klimawandel und den Wintern, die immer weniger Schnee bringen.

Die Antwort der Skigebiete: Sie investieren. Manche sprechen von einem Wettrüsten – möge den anderen der Schnauf zuerst ausgehen. Zwischen 300 und 500 Millionen Franken stecken die Skigebiete jährlich in neue Bahnen, Schneekanonen und Gastrobetriebe. Mehr Pistenkilometer, höhere Passagierfrequenzen. Ein Beispiel unter vielen: Die Jungfraubahnen wollen mit dem Projekt V-Bahn den Eigergletscher und den Männlichen erschliessen. Kostenpunkt: 300 Millionen Franken.

In 30 Jahren noch 60 Skigebiete

Kann das gut gehen? Sinkende Gästezahlen und höhere Bahnfrequenzen führen gewöhnlich zu unrentablen Über­kapazitäten. Alpenforscher Werner Bätzing prophezeit, dass es in 30 Jahren noch 60 Skigebiete im Alpenraum gibt. Philipp Lütolf, Finanzprofessor an der Hochschule Luzern, sagt: «Würden alle Schweizer Bergbahnen mir gehören, würde ich jede dritte schliessen.»

Die Realität sieht anders aus, der angekündigte Massentod von Skigebieten ist bisher ausgeblieben, kaum eine Seilbahn ist in Konkurs gegangen. Das liegt einerseits daran, dass sich der Franken etwas erholt hat und zuletzt genug Schnee gefallen ist. Anderseits liegt es am Status der Bahnen: Sie sind für viele Täler systemrelevant – Arbeitsplätze, Hotels, Sportgeschäfte sind ihnen angeschlossen. Der Skilift ist «too big to fail». Also halten Dörfer und ganze Täler die Bergbahnen am Leben, es werden Kredite gesprochen und Gebühren gesenkt, und auch in Bern macht man mit.

Das Parlament hat 2016 gegen den Willen des Bundesrates entschieden, die Pistenfahrzeuge von der Mineral­ölsteuer zu befreien. Das Ziel war, die Skigebiete wirtschaftlich zu entlasten. Der Bund fördert Skilager, um jungen Menschen den Zugang zum Wintertourismus zu ermöglichen. Und wie reagieren die Skigebiete? Sie geben die Subventionen mit Rabatten weiter, machen Konkurrenzkampf mit Steuergeldern. Selbst CVP-Ständerat Isidor Baumann geht das zu weit, er war der Initiant der Mineralölsteuerbefreiung. Er sieht die «Welle des sich Unterbietens» skeptisch: «Der Mensch gewöhnt sich schnell daran. Das schadet dem Skifahren nachhaltig.»

Selbst Ammann spaltet

Zurück im Toggenburg. Bei der Taleinfahrt hängt ein riesiges Plakat, die Gemeinde Alt St. Johann gratuliert Simon Ammann zu seinem vierten Olympiagold. Das war vor bald acht Jahren. Heute ist der Stolz im Tal verflogen, über Ammann wird geflucht. Der Skispringer hat sich bei den Toggenburg- Bergbahnen eingekauft, er unterschreibt die Briefe neben Eppenberger als Vizepräsident des Verwaltungsrats. Als solcher hat er öffentlich gegen die Wildhauser gewettert: Er würde nie in deren neues Sesselliftprojekt investieren.

Ammann, der Botschafter für das ganze Tal sein könnte, spaltet es. Sportler seien halt nicht die gescheitesten, sagt eine ältere Frau an der Posthaltestelle. Ammann hat an der ETH studiert, er gilt als heller Kopf. Doch Fakten scheinen im erbitterten Streit der Skigebiete keine Rolle mehr zu spielen.


Weihnachtsstimmung auf der Skipiste

In Maine, in den USA, wagten sich Anfang Monat dutzende Chläuse auf die Piste. (Reuters)


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2017, 20:06 Uhr

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