Interview

«Nach der Mahnung der SNB blieb dem Verwaltungsrat nichts anderes übrig»

Ist die überraschend schnelle Kapitalaufstockung der Credit Suisse ein Hinweis darauf, dass der Verwaltungsrat und Konzernchef Brady Dougan nicht gleich ticken? Dazu Bankenprofessor Martin Janssen.

Das Eigenkapital der Credit Suisse sei völlig ausreichend, sagte CEO Brady Dougan noch vor vier Wochen: Dougan bei der Vorstellung der Quartalsergebnisse im November 2011.

Das Eigenkapital der Credit Suisse sei völlig ausreichend, sagte CEO Brady Dougan noch vor vier Wochen: Dougan bei der Vorstellung der Quartalsergebnisse im November 2011.

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Herr Janssen, CS-Chef Brady Dougan sagte noch vor vier Wochen in der «SonntagsZeitung», die Eigenkapitalausstattung sei völlig ausreichend. Jetzt hat die CS eine schnelle und umfassende Aufstockung beschlossen. Gibt es hier Differenzen zwischen dem Verwaltungsrat und dem CEO?
Ich sehe hier keine Differenzen, der CEO setzt die Strategie um, die ihm der Verwaltungsrat vorgibt. Die SNB hat Druck ausgeübt, und der Verwaltungsrat hat jetzt beschlossen, das Kapital früher aufzustocken, als von der Finma vorgegeben wurde, um jeglichen Zweifel an der Kapitalstärke der Credit Suisse zu beseitigen.

Die Reaktion Dougans auf den Rüffel der Nationalbank war recht trotzig. Der Verwaltungsrat sieht aber offenbar ein, dass eine Kapitalaufstockung dringend notwendig ist. Das klingt nach zwei unterschiedlichen Auffassungen.
Die Situation ist kompliziert. Im Rahmen der «Too big to fail»-Kommission haben sich die Teilnehmer – auch die Finma, die SNB und die beiden Grossbanken – einstimmig auf einen Fahrplan für die Kapitalerhöhung der beiden Grossbanken bis 2019 geeinigt. Dann kommt die SNB und kritisiert, dass die Credit Suisse das Kapital rascher aufstocken müsse als vereinbart. Ich verstehe die Reaktion der Geschäftsleitung der Credit Suisse gut, wenn sie sagt, sie habe sich an die Vorgaben des Verwaltungsrates und der Finma gehalten. Sache des Verwaltungsrats war es, rasch zu reagieren und die Zweifel an der Kapitaldecke, welche die SNB geweckt hat, durch eine rasche Kapitalerhöhung zu beseitigen.

Der Fehler lag also in einer mangelnden Abstimmung zwischen Finma und SNB?
Ich habe zwar Verständnis für die SNB und ihre Rolle. Aber der Fehler wurde in der «Too big to fail»-Kommission gemacht, und diesen Entscheid hat die SNB damals mitgetragen. In der Zwischenzeit ist offensichtlich klar geworden, dass sich die Wirtschaft nicht so positiv entwickeln wird wie damals erhofft. Schade und für alle Involvierten mit Reputationsschaden verbunden ist, dass sich die Bundesbehörden in dieser Sache nicht hinter den Kulissen einigen konnten.

Der Verwaltungsrat hat jetzt aber sehr schnell reagiert. Offenbar gibt es auch innerhalb der CS unterschiedliche Positionen zwischen CEO und Verwaltungsrat.
Ich betone noch einmal, dass ich das nicht so sehe. Der Verwaltungsrat legt das Kapitalkleid der Unternehmung und die Strategie fest. Der CEO setzt diese Strategie um. Nach der Mahnung der Nationalbank blieb dem Verwaltungsrat nichts anderes übrig, als die Zweifel an der Kapitalstärke der Credit Suisse sehr schnell aus der Welt zu schaffen. Das geschieht nun mit den heute bekannt gewordenen Entscheiden.

Die Kritik an Dougan hat in letzter Zeit zugenommen. Ist er noch der richtige Mann an der Spitze der Credit Suisse?
Soweit ich das sehe, hat Dougan bisher einen sehr guten Job gemacht. Man darf nicht vergessen, dass er die Bank sicher durch die Finanzmarktkrise geführt hat und im Gegensatz zur UBS keine Staatshilfe in Anspruch nehmen musste. Er ist schon überraschend lange am Ruder und das in einer sehr schwierigen Zeit.

Es gibt jedoch Gerüchte, dass Teile des Verwaltungsrats mit Dougans Amtsführung nicht mehr zufrieden sind. Wie lange wird Dougan seinen Job noch behalten?
Das kann ich nicht beurteilen. Dass es Differenzen mit dem CEO gibt oder er einmal zurückgepfiffen wird, ist normal. Aber wenn ein CEO fünf Jahre bleibt, muss er schon einen guten Job machen. Meistens ist man in einer solchen Position nach zwei bis drei Jahren verbraucht. Schauen Sie doch nur, wie viele Wechsel es an der Spitze der UBS in dieser Zeit gegeben hat.

Erstellt: 18.07.2012, 11:43 Uhr

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Der Bankenprofessor Martin Janssen lehrt an der Universität Zürich.

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