Nestlés Finanzchef-Wahl demotiviert Nachwuchskräfte

Der Nahrungsmittelkonzern holt erneut einen Finanzchef, der von aussen kommt – und dies erst noch vom Erzrivalen Danone.

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Andrew Wood von der US-Analysefirma Bernstein gilt in Finanz- und Investorenkreisen als einer der besten Nestlé-­Kenner. Letzte Woche, als der Nahrungsmittelkonzern seinen neuen Finanzchef vorstellte, griff Wood in die Tasten. Bei François-Xavier Roger handle es sich um den sechsten Finanzchef innerhalb der letzten 14 Jahre, die «höchste Zahl von Wechseln in allen Firmen, die wir abdecken, und sicher mehr, als wir von einem Unternehmen wie Nestlé erwarten würden», das «mit seinem Ruf von Stabilität und Verlässlichkeit» heraussteche.

Mit der Verpflichtung des Franzosen Roger habe sich die Konzernspitze zudem erneut für einen Manager von aussen entschieden, um oberster Kassenwart zu werden. Nur einer der letzten vier Finanzchefs stammte aus den eigenen Reihen. «Es ist besorgniserregend, dass Nestlé offenbar nicht in der Lage ist, erfahrene Finanzleute so weit zu bringen, dass sie die Rolle des Finanzchefs übernehmen könnten», meinte Wood.

Patrik Schwendimann, Analyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB), beurteilt den Entscheid vorteilhaft für den Konzern. «Gerade Nestlé profitiert, wenn auch mal jemand von aussen ganz nach oben dazustösst», sagt Schwendimann. Das habe man bei Paul Polman gesehen. Dieser stiess 2006 vom US-Konsum­güterhersteller Procter & Gamble zu Nestlé. Nach seiner Nichtwahl als Konzernchef 2009 wechselte er zu Unilever. Polman habe Nestlé «sehr gutgetan».

Das findet auch ein Nestlé-Insider. ­Allerdings sei Polman «von einem anderen Stern» gewesen. Er habe alle Topmanager in der Zentrale in den Schatten gestellt und mit Konzernchef und Präsident Peter Brabeck auf gleicher Augenhöhe agiert. «Es kommt also darauf an, wen man von aussen holt», meint der Insider. Nur wenn der neue ­Finanzchef klar besser als ein Interner sei, löse das keine Frustration bei diesen aus. Vor allem Nachwuchskräfte würden sich nun nach Alternativen ausserhalb der Firma umsehen. «Die Botschaft an sie lautet: Ihr werdet nie Finanzchef.»

Ein grosser Sprung

Laut Nestlé-Sprecher Robin Tickle habe jede Berufung ihre eigenen Umstände und basiere auf «persönlichen Entscheidungen der jeweiligen Personen». Es könnten «keine generellen Schlussfolgerungen» gezogen werden.

Beim neuen Finanzchef ist auch die Herkunft umstritten. Roger arbeitete in den Nullerjahren beim französischen Konkurrenten Danone. Beide Unter­nehmen buhlen oft um die gleichen Köpfe. Für ZKB-Analyst Patrik Schwendimann ist der Sprung zweifelsohne gross. Innert zweier Jahre habe François-Xavier Roger von einem Mobilfunk­anbieter mit einem Börsenwert von 7 Milliarden Franken zum japanischen Pharmakonzern Takeda gewechselt, der mit 36 Milliarden bewertet werde. Nun gehe er zur 220 Milliarden Franken schweren Nestlé. Roger, sagt Schwendimann, müsse sich als neuer Nestlé-Finanzchef nun ­«intern als auch gegenüber Investoren und Analysten beweisen».

Erstellt: 28.06.2015, 20:28 Uhr

François-Xavier Roger.

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