Neue Mobility-Tarife verärgern die Kunden

Lange Fahrten und die Nutzung in der Nacht werden teurer, Rabatte fallen weg – das neue Preisregime macht das geteilte Auto für längere Ausflüge weniger attraktiv als die Bahn.

Die meisten Fahrten mit Mobility sind kurz: Eine Kundin entriegelt mit dem Mitgliederausweis ein Auto. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die meisten Fahrten mit Mobility sind kurz: Eine Kundin entriegelt mit dem Mitgliederausweis ein Auto. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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«Für wie blöd haltet ihr eure Kunden?», schreibt ein Mobility-Genossenschafter auf der Facebook-Seite des grössten Schweizer Carsharing-Unternehmens. Die Negativkommentare als Reaktion auf die neuen Tarife bei Mobility sind zahlreich. «Ich bin schwer enttäuscht. Meine Fahrten werden bis zu 32 Prozent teurer. Und das kündet mir meine Genossenschaft unter dem Titel ‹günstiger› und ‹Kosten sinken› an», lässt auch Nutzerin E. S. ihrem Frust freien Lauf.

Seit Mobility vor wenigen Wochen ihr neues Preismodell bekannt gegeben hat, reklamieren unzufriedene Genossenschafter per E-Mail, Social Media oder telefonisch beim Callcenter. Dabei gehört Mobility eigentlich zu den beliebtesten Unternehmen der Schweiz. Seit Jahren wächst der Autoverleih überdurchschnittlich, zählt heute über 130'000 Kunden, beschäftigt gut 200 Mitarbeitende und erzielt einen Jahresumsatz von 76 Millionen Franken.

Die Nutzer sind geübte Rechner

Grund für die aktuelle Empörungswelle ist die neue Tarifstruktur, die ab dem 6. Dezember gilt. Vor wenigen Wochen wurden alle Kunden per E-Mail darüber informiert. «Eine kleine, rote Revolution», so kündete Mobility-Geschäftsführer Patrick Marti die Preisanpassungen an. Er verspricht: «Ab 6. Dezember 2017 machen wir Ihren Mobilitätsalltag auf einen Schlag einfacher.» Die Abopreise würden deutlich gesenkt, und die Kunden profitierten von attraktiven Sparpaketen sowie Rabattsystemen, gab Marti weiter bekannt. Doch nicht alle profitieren davon – für einige Kunden wird es künftig teuer.

«Mobilityaner» gelten als äusserst preisbewusst und gewandt darin, Tarifsysteme zu verstehen und optimal zu nutzen. Schliesslich besitzen die meisten der 130'000 Kunden – davon rund 64'000 Genossenschafter – kein eigenes Auto. Sie nutzen den öffentlichen Verkehr und buchen bei Bedarf beim Carsharing-Unternehmen ein Fahrzeug. Mittlerweile gibt es knapp 3000 rote Autos zum Teilen an 1500 Standorten in der Schweiz. Das Online-Reservierungssystem und monatliche Abrechnungen, die alle Fahrten mit den Kosten genau auflisten, ermöglichen Transparenz.

Entsprechend verwundert es nicht, dass nicht wenige Genossenschafter die Auswirkungen der neuen Tarife auf ihr Nutzungsverhalten schnell erkennen: Genossenschafter kaufen sich mit einem Betrag von 1000 Franken ins Unternehmen ein. Dafür gab es bisher Umsatzrabatt von bis zu 20 Prozent, einen stark vergünstigten Nachttarif und Preisnachlässe für vorausbezahlte Rechnungen. Künftig gilt das nicht mehr. In der Konsumentensendung «Espresso» von Radio SRF 1 beklagte sich eine Genossenschafterin, dass die Fahrt mit der Familie zu Verwandten – 150 Kilometer hin und zurück – 30 Prozent teurer werde.

«Jeder muss selber entscheiden, ob es sich für lange Strecken noch lohnt.»Patrick Eigenmann, Mobility

«Kürzere Fahrten werden günstiger, längere teurer», fasst Mobility-Sprecher Patrick Eigenmann die Veränderungen zusammen. Damit reagiere man auf die Bedürfnisse: «Die häufigsten Mobility-Fahrten sind kurz.» Es gehe darum, «zur Ursprungsidee des Carsharing zurückzukehren: Anschlussmobilität zu ermöglichen». Deshalb würden Stundentarife sinken und Kilometerpreise steigen.

Wenn längere Distanzen teurer werden, gewinnt die Bahn an Attraktivität. «Schliesslich muss jeder Kunde selber entscheiden, ob es sich noch lohnt, eine lange Strecke mit Mobility zurückzulegen», sagt Eigenmann. In der Vergangenheit seien gewisse lange Fahrten durch Nachttarif und Kilometerabstufung derart stark vergünstigt gewesen, dass «sie oft nicht einmal die Selbstkosten deckten». Die neuen Tarife würden die Verfügbarkeit der Fahrzeuge steigern, heisst es. Den Genossenschaftern komme man bei der Umstellung mit Fahrtengutschriften von 30 Franken pro Jahr entgegen. Der Wegfall des fahrtenabhängigen Rabatts werde mit Spar­paketen kompensiert.

Vereinzelte negative Reaktionen

Für Vielnutzer wirds trotzdem teurer. Durch den Wegfall des vergünstigten Nachttarifs werden längere Ausflüge das Portemonnaie der Kunden stärker belasten. S. W. kommentiert dies im Onlineforum von Mobility: «Der Besuch in der Einöde bei Freunden mit Übernachtung kostet mich neu ein Vermögen! Als Städter mit GA und E-Bike war Mobility bis anhin super attraktiv.»

Laut Sprecher Eigenmann seien die neuen Tarife gerechter, weil sie den Bedürfnissen der Mehrheit entsprächen. «Wir sind uns bewusst, dass die Anpassungen für einen kleineren Teil der Kunden unter dem Strich negativ zu Buche schlagen.» Mit negativen Reaktionen habe man deshalb gerechnet. Alle Reklamationen würden ernst genommen und sachlich beantwortet. «Faktisch ist es aber so, dass die Anzahl der Beanstandungen in Relation zu unserer Kundenzahl als vereinzelt bezeichnet werden muss.»

Erstellt: 31.10.2017, 19:26 Uhr

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