«New Deal» für Europa

Finanzkapitalisten sollen zu Dienern der Realwirtschaft degradiert werden. Das fordert der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister.

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Bankiers der alten Schule pflegten ihren Kunden den Ratschlag zu geben: Kaufen Sie Aktien – und vergessen Sie diese dann. Das war weder bevormundend noch zynisch gemeint. Bis zur Deregulierung der Finanzmärkte waren nämlich die Courtagen der Banken happig und die Märkte im Vergleich zu heute wenig volatil. Deshalb verdiente am meisten, wer nicht nervös jeder Zuckung der Kurse nachhechelte und glaubte, bei jedem Trend dabei sein zu müssen.

Heute gelten an den Finanzmärkten ganz andere Gesetzmässigkeiten. Selbst wer die scheinbar sichersten Titel in seinem Depot liegen hat, schaut besser regelmässig nach ihrer Performance. Hedgefonds-Manager, ausgerüstet mit komplexen Finanzinstrumenten und modernsten Supercomputern, sorgen für Bewegung an den Börsen. Computergestützte Trading-Systeme kaufen und verkaufen am gleichen Tag den gleichen Titel, und zwar mit Beträgen in Millionenhöhe. Es gilt, das Momentum und selbst die Differenzen weit hinter dem Komma auszunützen. Willkommen im Zeitalter des Finanzkapitalismus.

Von der Instabilität leben

Die Geschichte der modernen Marktwirtschaft zerfällt in zwei unterschiedliche Perioden. Der Wiener Ökonom Stephan Schulmeister unterscheidet zwischen Real- und Finanzkapitalismus. Der Realkapitalismus dominierte in den westlichen Industriestaaten die ersten 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Dem Finanzkapitalismus kam dabei eine dienende Rolle zu. «Wer sein Geld arbeiten lassen wollte, konnte dies nur über den Umweg der Realwirtschaft tun, insbesondere durch die Finanzierung von Investitionen», stellt Schulmeister fest. Dieser Umweg über die Realwirtschaft wirkte in jeder Hinsicht beruhigend: Die Gewinne an den Börsen waren mässig, die Lohnschere hatte sich noch nicht geöffnet. Auch sonst waren die Rahmenbedingungen von Stabilität geprägt: feste Wechselkurse, stabile Rohstoffpreise und unter der Wachstumsrate liegende Zinssätze.

Der Finanzkapitalismus hingegen lebt von der Instabilität. Unter diesen Rahmenbedingungen kann man sich den Umweg über die reale Wirtschaft sparen – mit Geld allein lässt sich viel mehr Geld verdienen. Der Realkapitalismus hingegen leidet. «Schwankende Wechselkurse und Rohstoffpreise, über der Wachstumsrate liegende Zinssätze und zunehmende Gewinnchancen kurzfristiger Finanzspekulation dämpfen das Wachstum der Realinvestitionen und damit der Gesamtwirtschaft», stellt Schulmeister fest.

Das System am Wendepunkt

Die letzten Jahrzehnte hat der Finanzkapitalismus floriert und denen, die seine Spielregeln beherrschten, teilweise astronomische Gewinne ermöglich. Nun zeigt die aktuelle Krise auf, dass er an seine Grenzen stösst. «Grotesk ist der Gesamtzusammenhang», schreibt Schulmeister in seinem jüngsten Buch. «Die ‹Finanzalchemisten› borgen sich bei der Europäischen Zentralbank Geld zu 1 Prozent und kaufen damit portugiesische, spanische oder irische Staatsanleihen mit einer Verzinsung von 6 Prozent und mehr, wobei dieses niedrige Zinsniveau nur durch Stützungskäufe mithilfe von EZB-Geld erreicht wird…»

Schulmeister glaubt, dass das System sich an einem Wendepunkt und wir uns am Ende des finanzkapitalistischen Zeitalters befinden. Es gilt deshalb, die alte Ordnung wiederherzustellen, will heissen: den Finanzkapitalisten wieder zum Diener des Realkapitalismus zu degradieren. Deshalb fordert Schulmeister einen «New Deal» für Europa. Doch das ist schneller gesagt als getan. Einfach die alten Rezepte aus den 30er-Jahren hervorzukramen, reicht nicht. «Der Übergang von einer finanzkapitalistischen zu einer realkapitalistischen Spielanordnung und vom neoliberalen zu einem neuen Paradigma wird lange dauern.»

Das Übliche reicht nicht

Von einer besseren Kontrolle von Hedgefonds und Investmentbanken, von mehr Transparenz und Abgaben auf Finanztransaktionen sprechen heute alle. Das allein reicht nicht. Die Stärke von Schulmeisters Essay liegt darin, dass er das Spektrum erweitert. Ein New Deal für die Zukunft kann nur gelingen, wenn er auch etwa neue Arbeitszeitmodelle und einen ökologischen Umbau der Gesellschaft umfasst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2010, 23:13 Uhr

Stephan Schulmeister, österreichischer Ökonom und Kritiker des Neoliberalismus.

Das Buch

Stephan Schulmeister: Mitten in der grossen Krise ein «New Deal» für Europa. Picus-Verlag, Wien 2010.

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