Interview

«Nicht alle Menschen wollen autonom sein»

Müssen auch Chefs ihre Arbeitszeit erfassen, oder sollen sie frei sein? Gewerkschaften und Seco sind uneins. Das sei sowieso eine Freiheit mit Tücken, sagt Experte Norbert Thom – und nennt ein Beispiel der UBS.

Sollen in den höheren Posten Arbeitnehmer mehr Eigenverantwortung übernehmen, was die Zeitkontrolle betrifft? Vorgesetzter in einer Sitzung.

Sollen in den höheren Posten Arbeitnehmer mehr Eigenverantwortung übernehmen, was die Zeitkontrolle betrifft? Vorgesetzter in einer Sitzung. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Thom, das Seco ist gerade mit einem Vorschlag zur Erfassung der Arbeitszeit gescheitert: Es wollte höhere Angestellte von der Pflicht befreien, ihre Arbeitsstunden zu protokollieren. Die Gewerkschaften halten nichts davon. Auf welcher Seite stehen Sie?
Ich finde es richtig, dass für höhere Führungskräfte und Spezialisten das Prinzip der Vertrauensarbeitszeit (VAZ) gilt, dass ihre Arbeitszeiten also weder erfasst noch kontrolliert werden. Ab einer gewissen Stufe ist eine solche Kontrolle nämlich nicht mehr möglich – oder nicht bezahlbar. Die VAZ sollte vor allem für jene Angestellten gelten, die ihren Job als Privileg betrachten, die ihn gern machen und gar nicht nach Stunden entlöhnt werden wollen.

Das Seco hatte da eine spezifischere Regelung im Sinn: Es wollte die VAZ für jene Angestellten ermöglichen, deren jährliches Bruttoeinkommen höher als 175'000 Franken ist. Hätte eine solche Grenze überhaupt Sinn gemacht?
Sie wäre auf jeden Fall willkürlich gewesen. Den Unterschieden zwischen den einzelnen Branchen und Regionen trägt sie keine Rechnung, obwohl diese einen grossen Einfluss auf das Lohnsystem haben. In einigen Firmen sind 175'000 Franken ein sehr hoher Lohn, in anderen – zum Beispiel im Investmentbanking – ist das relativ bescheiden. Es wundert mich deshalb nicht, dass das Seco mit diesem Vorschlag aufgelaufen ist.

Das Bemühen des Seco ist doch im Grunde nachvollziehbar: Es will die geltenden Gesetze mit der gelebten Realität in Einklang bringen. Denn in der Praxis wird die Arbeitszeit vieler Führungskräfte schon heute nicht mehr erfasst.
Das stimmt. Ich bin mir aber ohnehin nicht sicher, inwieweit gesetzliche Regelungen hier Sinn ergeben. Die Vielfalt an Betrieben und Lohnsystemen ist so gross – man muss sich fragen, ob die Regeln nicht grundsätzlich nach Branchen festgesetzt werden müssten, zwischen den Sozialpartnern. Ein Pharmaunternehmen hat andere Hierarchiestufen als eine Consultingfirma, Wissenschaftler werden anders bezahlt als Bankmanager. Solchen Unterschieden würde ein Gesetz mit einer simplen Lohngrenze nicht Rechnung tragen. Ausserdem würden die Schweizer Firmen gegenüber ihren Konkurrenten in Ländern, die das Lohnsystem weniger stark regulieren, ins Hintertreffen geraten.

Keine Gesetze, sondern eigene Regeln für jede Branche: Das würde die Gewerkschaften auf die Barrikaden treiben. Sie beklagen schon heute, dass Mehrarbeit nicht mehr fair entlöhnt wird und lehnen die VAZ darum ab.
Die Gefahr der Ausbeutung besteht, da stimme ich den Gewerkschaften zu. In kleineren Firmen kann die familiäre Atmosphäre als Schutzmechanismus dienen, man kennt sich und hat Respekt voreinander. In grossen Unternehmen aber ist eine Regelung unumgänglich. Gerade Angestellte der unteren Hierarchiestufen müssen geschützt werden, weil sie oft nicht in der Lage sind, sich gegen ungerechte Bezahlung oder Überforderung zu wehren. In den höheren Posten allerdings sollten die Arbeitnehmer auch eine gewisse Eigenverantwortung übernehmen, sich selbst um ihre Work-Life-Balance kümmern. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Auch ich musste schon mal die Notbremse ziehen, meinem Chef sagen: «Du, das wird mir jetzt zu viel. Ich brauche eine Pause.»

Dann müsste die Devise lauten: Freie Arbeitszeiten nur für jene, die auch damit umzugehen wissen.
Und für jene, die sie zu schätzen wissen. Nicht alle Menschen wollen in ihrer Zeiteinteilung frei und autonom sein. Manche sind damit überfordert, und zwar über alle Hierarchiestufen hinweg. Die UBS ist dafür ein gutes Beispiel: Bis vor einiger Zeit gewährte sie allen Angestellten nach zehn Jahren ein Sabbatical, also eine bezahlte Auszeit von zehn Wochen. Nicht wenige wussten mit dieser Zeit gar nichts anzufangen: «Wie soll ich die zehn Wochen strukturieren?», fragten sie ihre Vorgesetzten. Für mich hingegen ist Selbstbestimmung eine Form der Wertschätzung. Als Faustregel gilt: Allen Mitarbeitern, mit denen man längerfristige Zielvereinbarungen trifft, sollte man als Arbeitgeber Freiräume lassen. Bei anderen, deren Arbeit durchgetaktet und straff organisiert ist, wäre das nichts als zynisch.

Erstellt: 17.07.2013, 16:03 Uhr

Norbert Thom ist emeritierter Professor für Organisation und Personal an der Universität Bern. (Bild: zvg)

Artikel zum Thema

Der Streit um das Erfassen der Arbeitszeit

Hintergrund Nach dem Rückzug eines ersten Lösungsversuchs dürfte der zweite Anlauf des Seco mehr dem Gusto der Arbeitgeber entsprechen. Das Thema betrifft längst nicht mehr nur Banken und Versicherungen. Mehr...

Studie: Abzocker-Initiative senkt Managerlöhne

Die Autoren einer neuen Corporate-Governance-Studie geben Geberit die beste Note, zu den Schlusslichtern gehört die Swatch Group. Überraschend ist das Abschneiden von Julius Bär. Mehr...

Die Schweizer Topmanager verdienten 2012 doch mehr

Eine erste Auswertung hatte vermuten lassen, dass die Löhne in den Teppichetagen sinken. Nun zeigt sich: Die Cheflöhne der 48 wichtigsten Schweizer Unternehmen steigen – anders als im Rest Europas. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...