Nicht alles glänzt bei Glencore

Ein gewaltiger Risikoappetit und umstrittene Personalentscheide: Der Rohstoffkonzern gibt vor seinem Börsengang zu reden.

Hat sich in die Nesseln gesetzt: Glencore ist vor seinem Börsengang in die Kritik geraten.

Hat sich in die Nesseln gesetzt: Glencore ist vor seinem Börsengang in die Kritik geraten. Bild: Reuters

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Die Publizitätsscheue des Zuger Rohstoffkonzerns ist legendär. «Das grösste Unternehmen, von dem Sie noch nie was gehört haben», schrieb unlängst eine Zeitung. Doch nun, wo der milliardenschwere Börsengang in London und Hongkong unmittelbar bevorsteht, ist es mit der Verschwiegenheit vorbei. Die an der Emission beteiligten Banken haben zuhanden der potenziellen Investoren erstmals die finanziellen Risiken des weltgrössten Rohstoffhändlers publik gemacht.

Im letzten Jahr durften die Glencore-Händler im Schnitt ein Verlustrisiko (Value at Risk VAR) von 42,5 Millionen Dollar eingehen – pro Tag. Das ist sehr viel mehr als die Limite von 25,7 Millionen Dollar, die bei Goldman Sachs, Morgan Stanley, Barclays Capital und JP Morgan im gleichen Zeitraum existierte. Die vier Banken gelten – gemessen an den Einnahmen – als die grössten Rohstoffhändler im Finanzsektor. Der Haken an der Berechnung: Gemessen werden nur die potenziellen Verlustrisiken an normalen Handelstagen. Ausserordentliche Ereignisse wie Krieg oder Krisen werden nicht erfasst.

Entscheide lösten Kopfschütteln aus

Kein Wunder, eröffnete Glencore den Banken, dass die Risikolimite eigentlich bei 100 Millionen Dollar liege, dass diese seit Januar 2008 aber nicht überschritten worden sei. Die «Financial Times» zitierte in ihrer gestrigen Ausgabe eine UBS-Analystin, wonach Glencore nicht erklärt habe, was passiere, wenn der Verlust einmal eintrete. Die UBS gehört zu den Emissionsbanken. Auch Fragen zur Corporate Governance von Glencore tauchen auf. Zuerst war es die Ernennung von Ex-BP-Chef Tony Hayward zum Verwaltungsrat, die auf Unverständnis stiess. Haywards Ansehen war nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ramponiert. Vor allem in den USA ist er zur Hassfigur geworden. Kopfschütteln löste auch die Nomination von Lord Browne aus, Haywards Vorgänger als BP-Chef. Glencore-Chef Ivan Glasenberg musste Browne fallen lassen.

Er entschied sich in der Folge für Simon Murray als Verwaltungsratspräsident – und sorgte damit prompt für den nächsten Eklat: Die Frauen würden sich zu wenig fürs Unternehmen einsetzen, weil sie es oft vorzögen, Kinder grosszuziehen. Ergo brauche es keine Frauenquote, liess Murray vorletztes Wochenende verlauten. Er nehme die Corporate Governance «sehr, sehr ernst», versuchte Glasenberg die Wogen letztes Wochenende zu glätten. Die Skepsis ist allerdings geblieben. Kritik wird am vergleichsweise kleinen Verwaltungsrat geübt, der derzeit aus nur sieben Köpfen besteht. «Eine Frau wäre ein kluger Schachzug», empfiehlt die britische Zeitung «The Telegraph» Glasenberg.

Abu Dhabi will gross einsteigen

Hinter den Kulissen finden derweil intensive Gespräche mit Grossinvestoren statt. Wie die «Financial Times» in ihrer Ausgabe heute Mittwoch schreibt, soll Abu Dhabi über einen Staatsfonds nach den Glencore-Angestellten zum wichtigsten Aktionär werden. Mit von der Partie ist laut FT auch die «Government of Singapore Investment Corporation» (GIC), die 2007 der taumelnden UBS zu Hilfe geeilt war. Weiter werden die Vermögensverwalter BlackRock, Fidelity, der chinesische Minenkonzern Zijin Mining sowie CS, UBS und Pictet aufgezählt. Der Rohstoffkonzern ist interessiert daran, dass möglichst viele der neuen Aktien an einige Kerninvestoren gehen. Diese verpflichten sich im Gegenzug zur sicheren Zuteilung, die Papiere mindestens sechs Monate lang zu halten. Kritiker monieren, dass damit die Preise für die restlichen Aktien künstlich hoch gehalten würden.

Erstellt: 03.05.2011, 23:15 Uhr

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