Nicht der letzte Akt im Fall Monsanto/Syngenta?

Das Rätseln über den Rückzug der Übernahmeofferte des US-Konzerns setzt Syngenta-Führung unter erhöhten Druck.

In Bedrängnis geraten: Michel Demaré, Syngenta-Präsident.

In Bedrängnis geraten: Michel Demaré, Syngenta-Präsident. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hugh Grant, der Chef des Agrochemiekonzerns Monsanto aus dem US-Bundesstaat Missouri, hatte noch im Juni auf seiner Goodwill-Werbe­tour in Europa versichert, diesmal könne man sich auf ein «long game» einrichten. Im April hatte Grant der Basler Konkurrentin eine Übernahme zu 449 Franken pro Syngenta-Aktie vorgeschlagen, wobei ein Baranteil von ungefähr 45 Prozent (zirka 202 Franken) in Aussicht gestellt wurde. Die Syn­genta-­Aktie kostete damals um 315 Franken. Anfang Juni folgte eine nächste Depesche aus St. Louis, unter anderem mit der Garantie einer Entschädigung über zwei Milliarden Dollar, falls der Zusammenschluss wider (Monsantos) Erwarten innert 18 Monaten von den Behörden nicht akzeptiert würde. Syngenta lehnte kategorisch ab und publizierte – ein seltener Fall – die zwei Schreiben der Monsanto-Spitze. Diese schien dranbleiben zu wollen.

Doch nun hat sich die Übernahmefantasie einstweilen verflüchtigt. Monsanto teilte mit, sie lasse vom Vorschlag einer «Kombination» mit Syngenta ab, nachdem das Schweizer Unternehmen auch eine am 18. August präsentierte neue Offerte abgelehnt habe. Diese hätte einen Bar­anteil von 245 Franken und 2,229 Monsanto-Aktien enthalten, zudem eine Ausfallentschädigung von drei Milliarden Dollar.

Die Syngenta-Aktie stürzte zunächst um 18 Prozent auf 310 Franken ab, gewann gestern fünf Prozent und stand bei Handelsschluss mit 325 Franken zu Buch. Nun ist zu fragen, wohin die Reise für die beiden Agrochemieunternehmen geht. Offiziell setzt nun auch Monsanto (wieder) auf den strategischen Alleingang, nachdem man die Investoren und die interessierte Öffentlichkeit monatelang von den Vorzügen einer Syngenta-Übernahme zu überzeugen versucht hat.

Vom Rückzugsentscheid von Monsanto zeigte sich auch Martin Schreiber, Teamleiter Research der Zürcher Kantonalbank (ZKB), «sehr überrascht». Die US-Firma könnte auf Druck aus den eigenen Aktionärsreihen zum Rückzug geblasen haben. Wie berichtet, forderten gewichtige Investoren einen Abbruch des Manövers und die Wiederaufnahme des umfangreichen Aktienrückkaufprogramms. Eben diesen Schritt hat Monsanto am Mittwoch denn auch angekündigt. Aber ZKB-­Analyst Schreiber will nicht ausschliessen, dass sich Monsanto aus taktischen Gründen oder aufgrund von regulatorischen Auflagen zurückgezogen haben könnte.

Monsanto hätte profitiert

Mit Blick auf Monsanto hält der ebenfalls für die ZKB tätige Analyst Daniel Benz am bisherigen Rating «Übergewichten» fest, somit empfiehlt er die Aktie zum Kauf. Er weist darauf hin, dass der aktuelle Bewertungsabschlag gegenüber dem S&P-500-Index eine seltene Konstellation darstelle. Auch Benz vertritt die Meinung, dass sich für Monsanto gegenwärtig «keine vergleichbar gute Lösung» als Alternative zu einer Übernahme der Rivalin aus ­Basel anbietet. Monsanto als globaler Saatgutleader muss Schwächen im Pflanzenschutzbereich (Pestizid-Resistenzen) korrigieren und die internationale Präsenz ausdehnen. ZKB-Analyst Benz ist jedoch zuversichtlich, dass die Amerikaner diese hausgemachten Probleme mittelfristig selber lösen können.

Die Syngenta-Aktie ist demgegenüber gestern auf breiter Front bezüglich Investment-Rating zurückgestuft worden. ZKB-Mann Schreiber weist darauf hin, dass der jüngste Vorschlag («acquisition proposal») von Monsanto per 25. August einem Angebotspreis von 433 Franken entsprochen habe und nicht einem Preis, der von 449 auf 470 Franken erhöht worden wäre. Sollte der Aktienkurs längere Zeit deutlich unter der letzten Monsanto-Offerte verharren, «dürfte der Druck von Syngenta-­Aktionären rasch grösser werden, dass wertsteigernde Veränderungen umgesetzt werden». Aufgrund der jüngsten Entwicklung hat Schreiber den sogenannten fairen Wert für Syngenta von rund 430 auf 360 Franken pro Aktie reduziert und traut dem Titel eine Performance zu, die den Swiss Performance Index innert eines Jahres um rund zehn Prozent übertreffen könnte.

Zurückgeworfen: Mit 325 Franken liegt die Bewertung der Syngenta-Aktie einem Drittel unter dem von Monsanto zuletzt offerierten Preis. Grafik: BaZ/mm

Die mittlerweile 15-jährige Syngenta ist Anfang 2013 performancemässig aus dem Tritt geraten (vgl. Aktienkursgrafik) und hat ein längerfristiges Restrukturierungsprogramm gestartet. Ab 2018 soll jährlich eine Milliarde Dollar eingespart werden. Im laufenden und im nächsten Jahr werden weltweit 1800 Stellen abgebaut, davon 500 in Basel. Im Kreis der Analysten dominiert Skepsis , ob es Syngenta gelingt, die Betriebsrendite (Ebitda-Marge) bis 2018 tatsächlich auf stattliche 24 bis 26 Prozent zu heben (aktuell sind es gut 19 Prozent). Die angestrebte höhere betrieb­liche Fitness ist die eine Seite. Die aufgrund tiefer Getreidepreise eingetrübten Wachstumsvoraussetzungen in den Märkten sind die andere Seite.

Syngenta-Verwaltungsratspräsident Michel Demaré wurde im jüngsten Communiqué zitiert, der Verwaltungsrat sei «zuversichtlich», die langfristigen Aussichten blieben «sehr attraktiv», ja man wolle die Schaffung von Werten für die Aktionäre noch «beschleunigen». Ob dies im Alleingang und ohne eigene Firmenzukäufe tatsächlich machbar ist, muss sich zeigen.

Erstellt: 28.08.2015, 12:54 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Börse erholt sich vom Schock

Der SMI hat einen Kurssprung 3,09 Prozent hingelegt. Alle 30 SMI-Werte schlossen im Plus, der grösste Gewinner war Syngenta mit 4,9 Prozent Wachstum. Mehr...

Monsanto hat keine Lust mehr auf Syngenta

Der US-Konzern zieht sein 47 Milliarden Dollar schweres Angebot zurück. Der Alleingang birgt für beide Firmen beachtliche Risiken. Mehr...

Monsanto-Rückzug kostet Syngenta fast einen Fünftel ihres Werts

Das Übernahmeangebot sei nicht so hoch gewesen, wie kolportiert wurde, sagt Syngenta – und liess den Deal platzen. Jetzt hat Monsanto kein Interesse mehr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Monsunregen: Nach heftigen Regenfällen müssen die Menschen im Kurigram-Distrikt in Bangladesh auf Booten ausharren, lediglich die Hausdächer ragen aus dem Hochwasser. (17. Juli 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/Barcroft Media/Getty) Mehr...