Analyse

Noch nie waren die Zentralbanken so mächtig

Die Aktivitäten des Fed und der EZB haben einen globalen Dominoeffekt ausgelöst. Notenbanken rund um die Welt machen sich Sorgen um einen neuen Währungskrieg – mit gutem Grund.

Müssen sich Kritik gefallen lassen: Ben Bernanke und Mario Draghi.

Müssen sich Kritik gefallen lassen: Ben Bernanke und Mario Draghi.

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Zwischen Staat und Notenbank gibt es grundsätzlich eine Arbeitsteilung: Mit der Fiskalpolitik (Steuern und Ausgaben) sorgt der Staat für Vollbeschäftigung und gesunde Finanzen. Die Geldpolitik der Notenbank hingegen dient in erster Linie dazu, die Währung stabil zu halten, also Inflation und Deflation zu verhindern. Seit Ausbruch der Wirtschaftskrise ist diese Trennung jedoch zur grauen Theorie verkommen.

Politische Blockaden und steigende Verschuldung haben dazu geführt, dass die Staaten immer handlungsunfähiger werden und die Notenbanken immer häufiger in die Bresche springen müssen. Ihre Geldpolitik ist zur Fiskalpolitik mutiert. Parallel dazu steigt ihre Macht. «Die Zentralbanken werden immer hyperaktiver», warnt der Chef des grössten Anleihehändlers Pimco, Mohamed El-Erian. «Sie werden sich immer tiefer in noch unbekannteres Gebiet vorarbeiten.»

Die US-Notenbank muss auch die Konjunktur in Schwung halten

Die US-Notenbank Federal Reserve Bank (Fed) hat letzte Woche eine neue Runde des sogenannten Quantitative Easing eingeläutet. Um der Wirtschaft auf die Beine zu helfen, will sie nun jeden Monat für 40 Milliarden Dollar Hypotheken aufkaufen. Damit hält sie die Zinsen und den Kurs des Dollars tief und stützt gleichzeitig die angeschlagenen halbstaatlichen Hypothekarinstitute Fannie Mae und Freddie Mac.

Die Verfassung erlaubt dies Fed-Präsident Ben Bernanke explizit, denn die US-Notenbank muss nicht nur die Währung stabil, sondern auch die Konjunktur in Schwung halten. EZB-Präsident Mario Draghi hat sich mit dem Versprechen, notfalls unlimitiert Staatsschulden aufzukaufen, auf dünnes Eis begeben. Sein Vorgehen steht verfassungsrechtlich auf wackligen Füssen und wird vor allem von der deutschen Bundesbank heftig kritisiert.

Dominoeffekt ausgelöst

Die Aktivitäten des Fed und der EZB haben einen globalen Dominoeffekt ausgelöst. Die Bank of Japan hat soeben eine Form von Quantitative Easing angekündigt, um den Yen zu schwächen. Brasilien und China machen sich ebenfalls Sorgen um einen neuen Währungskrieg. Mit gutem Grund: Gemäss dem «Wall Street Journal Dollar Index» hat die letzte Runde des Quantitative Easing dazu geführt, dass der Greenback gegenüber den anderen Währungen durchschnittlich um 18 Prozent gefallen ist. Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) verteidigt den Franken gegenüber dem Euro mit einer Untergrenze von 1.20. Sie begründet dies mit dem Schutz von Arbeitsplätzen, einem klassischen Ziel der Fiskalpolitik.

Die Arbeitslosigkeit ist ein Resultat der mangelnden Nachfrage

Die Hyperaktivität der Zentralbanken wird misstrauisch beobachtet. Mario Draghi wird immer häufiger vorgeworfen, er mische sich unberechtigt in die Hoheitsgebiete der Politik ein. In den USA wird Ben Bernanke von der eigenen Partei, den Republikanern, wegen seiner lockeren Geldpolitik unter Beschuss genommen. Doch ohne das Quantitative Easing des Fed wäre die bereits bedrohliche Situation auf dem US-Arbeitsmarkt noch viel schlimmer. Das hat Bernanke in seiner Erklärung nach dem traditionellen Treffen der Notenbanker in Jackson Hole deutlich hervorgehoben. Diese Arbeitslosigkeit ist nicht strukturell bedingt, sondern das Resultat einer mangelnden Nachfrage.

Zu diesem Schluss kommt eine interne Studie des Fed. Sie zeigt, dass das Trendwachstum der Nachfrage in den USA immer noch 14 Prozent unter demjenigen des Vorkrisen-Niveaus liegt. Ökonomisch gesehen hat Bernanke daher gar keine andere Wahl, als mit seiner Geldpolitik Gegensteuer zu geben. Dasselbe gilt für Draghi: Ohne sein Versprechen, alles zu tun, um den Euro zu retten, wäre die Einheitswährung möglicherweise bereits kollabiert.

Lediglich ein bisschen Luft für die Politiker

Es ist aber richtig, dass die neue Hyperaktivität der Zentralbanken grosse Risiken birgt. Doch die Risiken, nichts zu tun, sind noch viel grösser. Die grösste Gefahr ist dabei eine sich abzeichnende Massenarbeitslosigkeit. Allerdings: Mit ihrer Geldpolitik können die Zentralbanker der Politik ein bisschen Luft verschaffen, mehr nicht. Zu glauben, damit werde auch die Ursache des Übels bekämpft, ist eine Illusion. Um die Massenarbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen, braucht es politische Lösungen. Daran wird kein Weg vorbeiführen.

Erstellt: 20.09.2012, 12:34 Uhr

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