«Wir werden einige Arten Krebs so gut behandeln können wie HIV»

Roche-Präsident Christoph Franz sagt, ob Krebs mittelfristig heilbar ist. Und fordert, dass sich die Wirtschaft für das EU-Rahmenabkommen einsetzt.

«Roche setzt auf die eigene Forschung», sagt Roche-Präsident Christoph Franz, 57. Bild: Reto Oeschger

«Roche setzt auf die eigene Forschung», sagt Roche-Präsident Christoph Franz, 57. Bild: Reto Oeschger

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Das Firmengelände von Roche gleicht einer Baustelle. Gegenüber dem Konzernsitz wird ein Gebäude abgerissen, etwas weiter entsteht der zweite Büroturm. Auch Roche selbst steckt in einem Umbau. Denn Krebsmittel wie Avastin verlieren ihren Patentschutz. Und trotz guter Quartalszahlen zweifelt die Börse, ob Roche es schafft, das drohende Umsatzloch zu füllen. Gleichzeitig ist das für die Wirtschaft wichtige Verhältnis zur EU in Gefahr.

Roche setzt stark auf Medikamente gegen Krebs. Wird er mittelfristig heilbar?
Ich glaube, dass wir in fünf bis zehn Jahren einige Arten Krebs so gut behandeln können, dass sie zu chronischen Krankheiten gemacht werden, wie dies bei HIV bereits gelungen ist.

Wie wirkt sich das auf die Lebenserwartung aus?
Weniger Menschen müssen an Krebs sterben. Ein ewiges Leben können wir nicht in Aussicht stellen. Aber ein Leben, das auch im Alter lebenswert ist.

Der Patentschutz hat auch kein ewiges Leben. Besonders Ihre Krebsbestseller sind von Nachahmern bedroht. Bei neuartigen Immuntherapien gegen Krebs scheint Roche in Rückstand geraten zu sein.
Ich teile diese Einschätzung nicht. Bei den Mitteln, die auf dem Markt sind, handelt es sich um die erste Generation von Immuntherapien, die das Immunsystem aktivieren, um Krebs zu bekämpfen. Wir haben eine Reihe von Therapien der zweiten Generation in der Entwicklung, meistens Kombinationstherapien. Immuntherapien können beispielsweise mit klassischen Chemotherapien kombiniert werden. So kann die Wirksamkeit erhöht werden. Und da sind wir ganz vorne dabei.

Hängt Roche nicht zu stark von Krebsmedikamenten ab?
Wir haben uns nie als reine Onkologie-Firma gesehen. Unser Leitmotiv ist: Wir folgen der Wissenschaft. Gute Beispiele hierfür sind unsere beiden neuen Mittel Ocrevus gegen multiple Sklerose und Hemlibra gegen die Bluterkrankheit. Der Erfolg dieser beiden Mittel allein wird das Gewicht der Krebswirkstoffe beim Absatz verringern, ohne dass wir die Marktführerschaft bei Krebs verlieren werden.

Beim Blutermittel Hemlibra hat es aber Todesfälle bei Studien gegeben. Bedroht das die Absatzchancen?
Nein. Die Todesfälle sind nicht auf die Gabe von Hemlibra zurückzuführen. Ich fürchte keinen Imageschaden, weil Patienten und Ärzte bei dieser seltenen Krankheit extrem auf wissenschaftliche Daten achten. In Sachen Wirksamkeit ist Hemlibra unbestritten. Die Absatzchancen sind intakt.

Können Sie damit den Umsatzverlust kompensieren, der Ihnen durch Ablauf des Patentschutzes Ihrer drei Krebsbestseller droht?
Ja, wir können diese Verluste durch andere Heilmittel kompensieren.

Wirklich? Immerhin stehen 40 Prozent Ihres Absatzes auf dem Spiel.
Richtig. Aber auf der anderen Seite wächst unsere Produktpalette. In den vergangenen zwei Jahren bekamen wir die Zulassung für sechs neue Medikamente. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass die Behörden weltweit nur durchschnittlich 30 Zulassungen neuer Wirkstoffe für die gesamte Branche erteilen. Unsere neuen Mittel wie die Krebsmedikamente Alecensa oder Perjeta sowie jene Wirkstoffe, die noch kommen, werden uns davor bewahren, in ein Umsatzloch zu fallen.

Planen Sie dennoch Zukäufe, um Ihre Pipeline an neuen Wirkstoffen aufzubessern?
Roche setzt auf die eigene Forschung. Aber auch andere haben gute Ideen. Daher halten wir Augen und Ohren offen, um Kooperationen, Lizenzabkommen oder Übernahmen zu tätigen. Das Spektrum reicht von kleineren Akquisitionen für einige Millionen Franken bis hin zu Zukäufen für mehrere Milliarden, wie Ignyta in den USA, welches ein Mittel gegen eine seltene Form von Lungenkrebs entwickelt. Wir sind aber sehr zurückhaltend mit Blick auf sehr grosse Transaktionen. Ich kann mir zwar vorstellen, höhere Milliardenbeträge für ein Unternehmen auszugeben, das nur ein Produkt hat, das aber zugelassen ist. Am Ende ist es jedoch oftmals günstiger, neue Mittel selbst zu entwickeln.

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Die Kosten für die eigene Entwicklung können aber auch sehr hoch sein.
Natürlich. Aber in der Pharmaindustrie haben Kosten nicht die strategische Bedeutung, die sie zum Beispiel in der Luftfahrt haben. Wir brauchen keinen Sparplan, aber wir arbeiten permanent an unserer Effizienz.

Die Margen von Roche werden also nicht sinken?
Ich kann die Marge jederzeit auf das gewünschte Niveau bringen. Ich brauche nur bei den flexiblen Kosten anzusetzen und bei der Forschung und Entwicklung zu sparen, indem ich zum Beispiel klinische Studien streiche. Doch damit würden wir die Zukunftsfähigkeit von Roche aufs Spiel setzen. Die kurzfristigen Finanzergebnisse stehen für mich nicht im Vordergrund, wir müssen langfristig den Erfolg des Unternehmens sichern.

Ein Dauerkritikpunkt sind die Preise für Medikamente. Sind sie vor allem in der Schweiz nicht zu hoch?
Die Preise sind hierzulande nur bei den sogenannten Generika, bei Nachahmerprodukten, überdurchschnittlich hoch, nicht aber bei ­patentgeschützten Medikamenten. Bei diesen liegen wir in der Schweiz auf oder sogar unter dem Niveau der Nachbarländer.

Die Steuerreform in den USA zeigt, wie wichtig es ist, dass die Schweiz die Steuervorlage von Bundesrat Maurer umsetzt.Christoph Franz, Verwaltungsratspräsident Roche

Die Entwicklungskosten pro Wirkstoff steigen, das Marktvolumen aber schrumpft. Wie lösen Sie dieses Dilemma?
Es lässt sich nur durch eine überlegene Innovationskraft lösen. Darum müssen wir zum Beispiel sicherstellen, dass wir die besten Forscherinnen und Forscher weltweit bekommen.

Wie wichtig ist es für das Gewinnen der besten Talente, dass die Schweiz ein Rahmenabkommen mit der EU abschliesst?
Die Hälfte unserer Mitarbeitenden in Basel sind keine Schweizer, und die EU ist ein wichtiger Exportmarkt. Ein Rahmenabkommen der Schweiz mit der EU ist für uns von grundlegender Bedeutung: Es entscheidet darüber, ob wir den Standort Schweiz in der heutigen Grösse beibehalten können oder nicht.

Heisst dies, Sie würden den Hauptsitz Basel infrage stellen, wenn es kein Rahmenabkommen gäbe?
Nein, wir bleiben hier. Aber wenn es kein Rahmenabkommen gäbe, würden wir andere Standorte zulasten der Schweiz ausbauen. Das Rahmenabkommen mit der EU entscheidet, wo künftig Wachstum stattfindet: hier in Basel oder zum Beispiel gleich nebenan im deutschen Grenzach. Ein Ende der ­Freizügigkeit wäre für die Schweiz fatal.

Warum?
Wenn die bilateralen Abkommen zwischen der Schweiz und der EU fallen, könnten wir nicht mehr Toptalente rekrutieren, um Spitzenprodukte zu entwickeln. Unsere Forschung würde vermehrt an ausländischen Standorten stattfinden. Ein Ende der Bilateralen wäre darüber hinaus für unsere Hochschulen ein grosser Rückschlag und hätte substanzielle Folgen für den Arbeitsmarkt.

Also droht Stellenabbau?
Die Kündigung der bilateralen Abkommen mit der EU würde zu zahlreichen Stellenstreichungen in der Schweiz führen. Auch würde der Export von Produkten erschwert. Wenn wir heute eine Zulassung in der Schweiz haben, können wir die zugelassenen Produkte auch sofort in die EU-Länder senden. Ohne Bilaterale wären weitere Produkteprüfungen durch die EU-Länder nötig.

Was würde ein Ende der Bilateralen die Firmen kosten?
Für Unternehmen wie Roche würde dies sicher einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Darum sollten sich auch andere Unternehmenschefs stärker öffentlich für ein Rahmenabkommen und den Erhalt der Bilateralen engagieren. Den Zugang zum EU-Markt zu erschweren, wäre für die gesamte Schweizer Wirtschaft fatal.

Für den Standort sind auch Steuern wichtig. Reicht die Steuervorlage 17 aus, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Aufgrund von Einflüssen aus dem Ausland ist die Schweiz gezwungen, ihr Steuerregime anzupassen. Die Steuerreform in den USA zeigt, wie wichtig es ist, dass die Schweiz die Steuervorlage von Bundesrat Maurer umsetzt. Ohne die vorgeschlagene Steuervorlage würde sich die Schweiz im in­ternationalen Steuerwettbewerb deutlich verschlechtern. Es wäre sehr schlecht, wenn es kein Rahmenabkommen mit der EU gäbe und auch noch die Steuervorlage abgelehnt würde. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Stimmbürger vernünftig und pragmatisch sind.

Aber die Steuervorlage 17 wird wegen der höheren Dividendenbesteuerung auch in der Wirtschaft kritisiert.
Für uns ist die in der Vorlage enthaltene Patentbox entscheidend. So wie sich die Vorlage präsentiert, brächte sie für uns eine gewisse Mehrbelastung bei den Steuern. Man wünscht sich bei den Steuern immer, dass es günstiger wird. Aber wir könnten damit leben.

Eine letzte Frage zum ­Roche-Paket von 30 Prozent, das Novartis gehört. Tut sich da was?
Zu diesem Thema müssen Sie die Verantwortlichen von Novartis befragen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.04.2018, 13:41 Uhr

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