Analyse

Operation Drachme

Bei einem Umtausch des Euro in die griechische Landeswährung werden die Bürger enteignet. Dazu braucht es eine minutiöse Planung und jede Menge Polizisten und Soldaten.

Bei einer Währungsumstellung in Griechenland müssten wohl drastische Sicherheitsmassnahmen ergriffen werden, um Tumulte zu vermeiden: Polizisten sichern das Gebäude der Bank of Greece am 6. April 2012.

Bei einer Währungsumstellung in Griechenland müssten wohl drastische Sicherheitsmassnahmen ergriffen werden, um Tumulte zu vermeiden: Polizisten sichern das Gebäude der Bank of Greece am 6. April 2012. Bild: Reuters

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Wenn der Bankomat in Athen plötzlich keine Euronoten mehr ausspuckt, dann ist möglicherweise das passiert, wovor die Ökonomen so zahlreich gewarnt haben: Griechenland steigt aus der Eurozone aus. Die Rollbalken unten und die Strassen voller Soldaten, um Regierungsgebäude, Geschäfte und Banken zu sichern.

Geldtransporter parken vor den Lieferanteneingängen, Sicherheitsleute schleppen kistenweise frisches Geld an – Drachme wohlgemerkt. Die neue alte Währung wird parallel zum Euro eingeführt. Und der griechische Staat verhängt Devisenkontrollen. So beschreibt Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann das Szenario, vor dem sich die Griechen selbst wohl am meisten fürchten: Menschenhorden irren durch die Strassen, Geschäfte und Häuser werden geplündert. Das muss nicht sein.

Währungstausch innert einer Woche

Es geht auch anders. Die Frankfurter Allgemeine zitierte im Herbst 2011 einen UBS-Ökonomen mit den Worten: «Das Auseinanderbrechen der Donaumonarchie nach dem Ersten Weltkrieg ist die vielleicht beste Parallele bis hin zu einem möglichen Zerfall des Euro.» Im März 1919 hatte die Tschechslowakei eine umfassende und sorgsam geheim gehaltene Umtauschaktion innert einer Woche durchgezogen.

Die Staatsgrenzen wurden militärisch besetzt, um Kapitalverschiebungen ins Ausland zu verhindern. Der Zahlungsverkehr wurde eingestellt. Bestehende Banknoten auf dem Staatsgebiet wurden mit einem Stempel versehen. Bargeldbesitzer konnten auf Ämtern oder auf der Bank die abgestempelten Noten gegen die neue Währung eintauschen. Ungestempelte Banknoten der alten Währung waren nach einer Woche nicht mehr gültig.

«Aktion über Nacht»

Ein ähnliches Szenario wäre es heutzutage: «Die Aktion muss über Nacht passieren und völlig unerwartet», sagte der Ökonom der Uni Zürich, Mathias Hoffmann, unlängst im Schweizer Fernsehen. «Am besten übers Wochenende und heimlich», sagt auch Volkswirtschaftsprofessor Reto Föllmi von der Universität St. Gallen im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Guthaben und Verbindlichkeiten müssten eingefroren werden. Am nächsten Tag wären die Konten nur noch durch die Drachme gedeckt. «Ein Grossteil der Bevölkerung wird dadurch enteignet», sagte Hoffmann. Doch dabei dürfe es nicht bleiben: «Es braucht auch Gesetze für eine Währungsreform, um den Euro zu ersetzen.»

Das sieht auch die Europäische Zentralbank (EZB) so. Nur formuliert sie es negativ: «Solange es kein Gesetz und keinen Vertrag für einen Ausstieg gibt, ist es die Mühe nicht wert, auf einen Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone näher einzugehen», sagt ein EZB-Sprecher zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Wozu etwas diskutieren, das bloss blanke Theorie ist, lautet das Mantra der Zentralbanker. Das ist verständlich, deren Prämisse ist Stabilität und nicht die Gerüchteküche zu befeuern.

«Kein sauberer Weg aus der Krise»

Für jemanden wie Hoffmann gilt das aber nicht. Im Gegenteil: Als Ökonomieprofessor ist es wohl seine Aufgabe, über das Ausstiegsszenario nachzudenken. Und so sieht er ein Hauptproblem darin, dass der Staat am Kapitalmarkt plötzlich kein Geld mehr ausleihen könnte. Für ihn ist daher klar: «Einen sauberen Weg aus dieser Krise gibt es nicht, irgendjemand wird massiv auf Ansprüche verzichten müssen.» Oder vereinfacht gesagt: Das Geld, das dem griechischen Staat jetzt fehlt, das fehlt ihm auch nach einem Ausstieg.

Selbst wenn das Problem des physischen Bargelds bei Einführung einer neuen Währung lösbar ist, steht dann aber das politische Projekt einer Gemeinschaftswährung, wenn nicht sogar der Europäischen Union auf dem Spiel. Dem Beispiel Griechenlands könnten weitere folgen. Auch das kam in der Geschichte bereits vor: In den Jahren 1992/93 zerfiel die Sowjetunion. Ursprünglich wollten die Staaten, die sich von der UdSSR losgelöst hatten, den Rubel beibehalten.

Der Zerfall der Rubelzone

Doch die Finanzpolitiker der jeweiligen Länder haben die Massnahmen, die dafür notwendig waren, nicht durchgehalten. Es kam zu heftigen politischen Spannungen. Während die baltischen Staaten ihr Budget im Griff hatten, verzeichneten Georgien und die Ukraine enorme Defizite. Zugang zum Kapitalmarkt gab es damals nicht. Die beiden Länder waren also darauf angewiesen, das Geld im eigenen Land zu beschaffen. Und zwar durch Gelddrucken. Das Ergebnis: Inflation. Daraufhin begannen auch andere Länder, eine neue Währung einzuführen. Die Euro-, pardon, Rubelzone fiel auseinander.

Erstellt: 11.05.2012, 17:19 Uhr

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