Outsourcing ist out

Wende in der Industriepolitik: Einheimisches Schaffen ist wieder im Trend. Was ist passiert? Die Hintergründe.

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Wal-Mart ist ein Symbol des Outsourcings geworden. Fast alles, was man beim grössten Detailhändler der Welt zu unglaublich günstigen Preisen kaufen kann, ist «made in China» oder einem anderen Billiglohnland. Doch nun hat bei Wal-Mart ein Umdenken eingesetzt. Der Konzern hat soeben bekannt gegeben, in den nächsten zehn Jahren für 50 Milliarden Dollar Güter zu kaufen, die in den USA produziert wurden. Das entspricht 1,5 Prozent der gesamten Einkaufssumme.

Ein Marketing-Gag, wird man zunächst einwenden. Wal-Mart will damit sein schlechtes Gewissen und seine Kunden beruhigen. Schliesslich hat dieser Konzern Stellen in der Industrie vernichtet wie kein anderer, vor allem im Textilbereich. Doch Wal-Mart ist kein Einzelfall. Der CEO von General Electric, Jeff Immelt, hat kürzlich Outsourcing als «veraltetes Geschäftsmodell» bezeichnet. Auch GE, ebenfalls ein Unternehmenskoloss, lässt neuerdings Kühlschränke und Waschmaschinen nicht mehr in China oder Mexiko fertigen, sondern in Louisville im Bundesstaat Kentucky. Das Motiv dabei ist nicht Nationalismus, sondern nüchternes Businessdenken.

Asiaten konsumieren, Amerikaner produzieren

Nun ein Blick zurück. Zwei grosse Umwälzungen haben die Weltwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten geprägt: der technische Fortschritt und die Globalisierung. Es entstand eine weltumspannende Wertschöpfungskette. Arbeitsplätze in der traditionellen Industrie im Westen wurden massenhaft vernichtet. Vor allem in den USA – dort ist der zweite Sektor mittlerweile auf rund zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts geschrumpft.

Gleichzeitig haben die amerikanischen Konsumenten die Weltwirtschaft am Laufen gehalten. Die Weltwirtschaftskrise hat dies geändert. Seit die Immobilienblase geplatzt ist, können die hoch verschuldeten US-Haushalte nicht mehr länger die Rolle des «Konsumenten in letzter Instanz» spielen. Oder wie GE-Chef Immelt es im Buch «Plutocrats» der Wirtschaftsjournalistin Chrystia Freeland ausdrückt: «In den nächsten 25 Jahren wird der amerikanische Konsument nicht mehr der Treiber der Weltwirtschaft sein. Diese Rolle werden rund eine Milliarde junge Asiaten übernehmen, die in den Mittelstand aufsteigen, und die Neureichen in den Rohstoffländern.»

Mit anderen Worten: Es kommt zu einem Rollentausch. In Chinamerika der letzten Jahrzehnte haben die Asiaten produziert und die Amerikaner konsumiert. Jetzt zeichnet sich ab, dass zunehmend Amerikaner wieder für eine neue asiatische Mittelschicht produzieren. Die US-Politik unterstützt diesen Trend kräftig. Angesichts einer nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit spricht Präsident Barack Obama immer wieder begeistert von einer Re-Industrialisierung der Vereinigten Staaten und fordert Unternehmen wie Apple auf, Jobs wieder in die Heimat zurückzuverlagern. Der Präsident kann sich dabei auf die Geldpolitik der US-Notenbank verlassen. Mit tiefen Zinsen und quantitativer Lockerung verbilligt sie den Dollar und schafft damit günstige Rahmenbedingungen für die Exportwirtschaft.

Auslaufmodell Massenproduktion

Ebenso entscheidend ist der technische Fortschritt. Dank Robotern und künstlicher Intelligenz konnte die Produktivität in der US-Industrie deutlich gesteigert werden. Das bedeutet, dass die einheimischen Arbeitnehmer trotz nach wie vor deutlich höheren Löhnen wieder konkurrenzfähig werden. Zudem zeichnet sich allmählich ab, dass die Massenproduktion zu einem Auslaufmodell wird. Die sogenannten Skalenerträge – das Phänomen, dass Güter deutlich billiger werden, wenn sie zentral in möglichst grossen Stückzahlen hergestellt werden – verlieren an Bedeutung. Dank 3-D-Printern und Laserscannern wird es nicht nur möglich, sondern auch wirtschaftlich, kleine Mengen lokal herzustellen. Immelt hat somit gute Gründe, wenn er Outsourcing als veraltet bezeichnet.

Erstellt: 16.01.2013, 13:10 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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