Pensionskassen: Nur 2 von 10 Rentenfranken gehen an Frauen

Pensionskassen zahlen nur 22 Prozent der Altersrenten an Frauen aus. Eine Bank spricht von einem «Geschlechtergraben». Ein Experte ortet das Problem vielmehr bei den Tiefstlöhnen.

Aus dem Takt: Männer erhalten von der Pensionskasse mehr Geld.

Aus dem Takt: Männer erhalten von der Pensionskasse mehr Geld. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Die Rente der Pensionskasse soll es ermöglichen, nach der Pensionierung die gewohnte Lebenshaltung in angemessener Weise aufrechtzuerhalten – Männern wie Frauen gleichermassen. Doch bei der Verteilung der Zahlungen auf die Geschlechter fällt «eine grosse Ungleichheit» auf, wie die Migros-Bank in einer am Montag veröffentlichten Auswertung festhält: «Stattliche 78 Prozent der Altersrenten gehen an die Männer und nur gerade 22 Prozent an die Frauen.»

Das heisst: Von den rund 20 Milliarden Franken Altersrenten, die Schweizer Pensionskassen im Jahr 2013 ausbezahlt haben, flossen 15,6 Milliarden Franken an Männer und 4,4 Milliarden Franken an Frauen. Für Albert Steck, Markt- und Produktanalyst der Migros-Bank, ist klar: «Es gibt einen Geschlechtergraben in der Vorsorge.»

«Spiegelbild der tiefen Frauenlöhne»

Wie lässt sich dieses Ungleichgewicht erklären? Zum einen richten sich die Renten in der beruflichen Vorsorge danach, wie viel Beiträge eine Person während ihrer Berufstätigkeit in die Pensionskasse einbezahlt hat. Die Beiträge wiederum hängen von der Höhe des Lohns an. Somit sei die Ungleichheit «ein Spiegelbild der tieferen Erwerbsquote sowie des tieferen Durchschnittslohns der Frauen», hält Steck fest.

Dieser Graben schliesse sich zwar, doch das geschehe nur langsam. Vor zehn Jahren hätten die Frauen erst 18 Prozent der ausbezahlten Altersrenten erhalten. Vier Prozentpunkte in zehn Jahren – wenn es im selben Tempo weitergeht, so verstreichen noch Jahrzehnte bis zu einem Gleichstand. Das Risiko einer mangelhaften Altersvorsorge sei bei den Frauen höher, folgert Steck – und schiebt auf Blog.migrosbank.ch sieben konkrete Vorsorgetipps nach, was sich dagegen tun lässt.

Kein Abbild der aktuellen Situation

Behandelt die berufliche Vorsorge die Frauen tatsächlich unfair? Der Pensionskassenexperte Werner C. Hug relativiert die «wohl eher verkaufsorientierte Sichtweise» der Bank. «Man kann aus diesen Zahlen nicht ableiten, dass die Frauen im Schweizer Vorsorgesystem heute generell schlechter gestellt sind als die Männer», erklärt er auf Anfrage. Die Aussagekraft der ausbezahlten Pensionskassen-Altersrenten sei zu gering für eine solche Schlussfolgerung: «Diese Renten beziehen sich auf Einkommen in der Vergangenheit, sie betreffen also Löhne, die teilweise schon Jahrzehnte zurückliegen.»

Zudem profitiere eine verheiratete Frau auch von der Rente, die an ihren Ehemann ausbezahlt werde. Bei einer Scheidung erhalte die Frau die Hälfte der Pensionskassenguthaben des Mannes, auch im überobligatorischen Bereich. Überdies sei das Bild in der ersten Säule, also bei der AHV, umgekehrt. Dort profitierten die Frauen stärker als die Männer. Sie bezögen 56 Prozent der Alters-, Hinterlassenen- und Waisenrenten, obwohl die Männer mehr Lohnbeiträge leisteten.

Problem Tiefstlöhne

Hug räumt aber ein, dass Tiefstlöhne in der beruflichen Vorsorge ein Problem darstellen. Grund dafür ist die Eintrittsschwelle von 21'150 Franken Jahreslohn. Einkommen, die darunterliegen, sind nicht versichert. Manche Arbeitgeber halten daher Aushilfskräfte bewusst unter dieser Schwelle, während umgekehrt zum Teil auch Teilzeitangestellte mit mehreren Arbeitgebern nicht in die Pensionskasse aufgenommen werden wollen. Sie bevorzugen mehr Lohn, der ihnen jetzt zur Verfügung steht, statt Abzüge für die berufliche Vorsorge, die ihnen erst viel später etwas bringt. Zum einen sind sie auf das Geld angewiesen, um Miete, Krankenkassenprämien und Lebensunterhalt bezahlen zu können. Zum andern ist eine Lösung heute kompliziert, weil ein Arbeitgeber auch die Lohnanteile der übrigen Arbeitnehmer abrechnen muss. Dieses Problem sei aber erkannt, eine Senkung der Eintrittsschwelle sei Teil des bundesrätlichen Pakets «Altersvorsorge 2020».

Erstellt: 15.06.2015, 17:02 Uhr

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